Som­maru­ga tritt auf die Brem­se

Ab­stim­mung SP-Bun­des­rä­tin Si­mo­net­ta Som­maru­ga warnt vor der Volks­in­itia­ti­ve der Jun­gen Grü­nen: Die Zer­sie­de­lung wür­de bei ei­nem Ja ge­för­dert statt ge­stoppt. Die neue Um­welt­mi­nis­te­rin re­la­ti­viert zu­dem die bun­des­rät­li­chen Plä­ne für drei­spu­ri­ge Au­to­bah­nen.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Fa­bi­an Renz und Ste­fan Hä­ne

Au­to­bahn­aus­bau Der Bun­des­rat ha­be kei­ne kon­kre­ten Plä­ne zu ei­nem Aus­bau der Au­to­bah­nen auf sechs Spu­ren, sagt Ver­kehrs­mi­nis­te­rin Si­mo­net­ta Som­maru­ga.

Seit zwei Wo­chen sind Sie Um­welt­mi­nis­te­rin. Wie war Ihr Start?

Ich hat­te be­reits ein volles Pro­gramm, mit Kom­mis­si­ons­be­ra­tun­gen zum CO₂-Ge­setz und an­de­rem. Es ist span­nend, und es freut mich, dass ich hier im De­par­te­ment vie­le gu­te, mo­ti­vier­te Mit­ar­bei­ten­de an­ge­trof­fen ha­be.

Und schon müs­sen Sie ei­ne Volks­in­itia­ti­ve be­kämp­fen …

Es ist ganz gut, wenn der Ein­stieg so di­rekt ver­läuft. (lacht)

... ei­ne Initia­ti­ve, für die Sie Sym­pa­thi­en ha­ben müss­ten. Sie wa­ren einst im Ko­mi­tee der Land­schafts­in­itia­ti­ve. Die­se for­der­te ei­nen Bau­zo­nen­stopp, ge­nau wie jetzt die Zer­sie­de­lungs­in­itia­ti­ve.

Es stimmt, ich war bei der Land­schafts­in­itia­ti­ve mit da­bei. Sie hat viel in Be­we­gung ge­bracht, und ich bin da­her auch ein biss­chen stolz dar­auf, zu die­sem An­stoss bei­ge­tra­gen zu ha­ben. Dank der Land­schafts­in­itia­ti­ve gibt es das neue, grif­fi­ge Raum­pla­nungs­ge­setz, ei­nes der bes­ten in Eu­ro­pa. Wo die Bau­zo­nen zu gross sind, müs­sen sie ver­klei­nert wer­den. Die Zer­sie­de­lungs­in­itia­ti­ve könn­te da­ge­gen zu ei­nem Bu­me­rang wer­den: Bei ei­nem Ja wür­den die Bau­zo­nen schweiz­weit pla­fo­niert. Da die Re­ser­ven heu­te vor al­lem in ab­ge­le­ge­nen Ge­bie­ten lie­gen, droht die Bau­tä­tig­keit sich in die Rand­re­gio­nen zu ver­la­gern. Das för­dert die Zer­sie­de­lung. In den städ­ti­schen Ge­bie­ten steigt mit dem Ein­frie­ren der Bau­zo­nen zu­dem der Druck auf bis­lang ge­schütz­te Orts­bil­der. Und ver­klei­nern könn­ten wir die Bau­zo­nen vi­el­leicht nicht mehr.

Sie glau­ben, bei ei­nem Ja wä­re Schluss mit Rück­zo­nun­gen? Das Ri­si­ko be­steht. Die Initia­ti­ve will die Bau­zo­nen ein­frie­ren. Von Rück­zo­nun­gen, wie sie heu­te ver­langt wer­den, ist kei­ne Re­de.

Man könn­te sie doch trotz­dem wei­ter­füh­ren.

So ein­fach ist das nicht. Wird die Initia­ti­ve an­ge­nom­men, muss

das Par­la­ment ein neu­es Raum­pla­nungs­ge­setz aus­ar­bei­ten. Was dar­in vom heu­ti­gen, stren­gen Ge­setz über­nom­men wür­de, kann nie­mand vor­her­sa­gen. Fest steht, dass es Kräf­te gibt, die sich an den Rück­zo­nun­gen stö­ren.

Wo wur­den denn bis jetzt schon Bau­zo­nen ver­klei­nert?

In den Kan­to­nen Waadt, Lu­zern und So­lo­thurn zum Bei­spiel. In der Waadt et­wa muss die Hälf­te al­ler Ge­mein­den zu­rück­zo­nen. Lan­des­weit hat die Flä­che der Bau­zo­nen seit 2012 nicht mehr zu­ge­nom­men, ob­wohl die Be­völ­ke­rung ge­wach­sen ist. Pro Kopf ist sie folg­lich so­gar zu­rück­ge­gan­gen. Es hat in den letz­ten Jah­ren ein Um­den­ken statt­ge­fun­den, so­wohl in der Be­völ­ke­rung als auch bei den Be­hör­den und den Ge­rich­ten. Da bin ich froh dar­über. Der Land­schafts­schutz ist mir sehr wich­tig.

Der Bun­des­rat aber schreibt sel­ber, dass die Aus­wir­kun­gen des Raum­pla­nungs­ge­set­zes erst 2022 beur­teilt wer­den kön­nen.

Die Ver­schär­fun­gen grei­fen vie­ler­orts be­reits, und die Kan­to­ne ha­ben noch ge­nau vier Mo­na­te Zeit, um die ver­schärf­ten Richt­plä­ne vom Bund ge­neh­mi­gen zu las­sen. Das zeigt: Es geht vor­wärts. Tat­sa­che ist aber: Wir kön­nen nicht al­le frü­he­ren Fehl­ent­wick­lun­gen auf ei­nen Schlag aus der Welt schaf­fen. Das kann auch die Zer­sie­de­lungs­in­itia­ti­ve nicht.

War­um fürch­ten Sie, dass sich bei ei­nem Ja die Zer­sie­de­lung ver­la­gert? Man braucht doch bloss die Bau­land­re­ser­ven um­zu­ver­tei­len – dort­hin, wo sie Sinn ma­chen.

Das hört sich gut an. Aber wenn es um die Um­set­zung geht, stos­sen die Initi­an­ten mit ih­ren Ideen an Gren­zen. Wol­len sie ei­ne na­tio­na­le Pla­nungs­be­hör­de, wel­che die Kan­to­ne zwingt, Bau­land an an­de­re ab­zu­ge­ben? Das ist in der Schweiz kaum mach­bar. Oder wol­len sie ei­ne Han­dels­platt­form, auf der Bau­land frei ver­stei­gert wird? Das wür­de da­zu füh­ren, dass sich nur noch rei­che Ge­mein­den Bau­land leis­ten könn­ten – ganz zu schwei­gen von den Fol­gen für die Lie­gen­schafts­prei­se und für die Mie­ter.

Ob Ja oder Nein zur Initia­ti­ve: Ir­gend­wann sind die Bau­zo­nen auf­ge­braucht. Was dann?

Die Kan­to­ne dür­fen die Bau­zo­nen nur noch auf den Be­darf für die nächs­ten 15 Jah­re aus­rich­ten. Und schliess­lich wol­len wir ja nicht ver­hin­dern, dass ei­ne Stadt auch ein­mal noch ein neu­es Quar­tier er­stel­len kann. Ge­fragt ist ein in­tel­li­gen­ter Um­gang mit dem Wachs­tum.

Ih­re Par­tei­kol­le­gin, Na­tio­nal­rä­tin Jac­que­line Ba­dran, hält ei­ne Net­to­zu­wan­de­rung von 40 000 bis 80 000 Personen pro Jahr für nicht ver­kraft­bar für die Schweiz.

Wir stim­men am 10.Fe­bru­ar nicht über die Wachs­tums- und Zu­wan­de­rungs­fra­ge ab. Die­se Initia­ti­ve kann die Zu­wan­de­rung nicht stop­pen. Wer das Ge­gen­teil be­haup­tet, ver­spricht der Be­völ­ke­rung et­was, das er nicht ein­hal­ten kann. Wenn die Zer­sie­de­lung doch sub­stan­zi­ell ein­ge­dämmt wird: Braucht es dann grosse In­fra­struk­tur­pro­jek­te wie et­wa den Aus­bau der Au­to­bah­nen auf zwei­mal drei Spu­ren, wie dies in ei­nem Be­richt des Bun­des­rats steht?

Der Bun­des­rat hat kei­ne kon­kre­ten Plä­ne da­zu. Das sind Über­le­gun­gen, die er sich im Be­reich der Mo­bi­li­tät macht, wie et­wa zu Mo­bi­li­ty-Pri­cing auch.

Ge­hen wir rich­tig in der An­nah­me, dass Sie die­se Aus­bau­plä­ne nicht kon­kre­ti­sie­ren wer­den?

(lacht) Ich bin erst zwei Wo­chen im De­par­te­ment, ich kann da­zu noch nichts sa­gen.

Und zu Mo­bi­li­ty-Pri­cing?

Auch das kommt nicht von heu­te auf mor­gen, ge­plant ist als Nächs­tes ein Zwi­schen­be­richt.

Wie sieht die Schweiz in 20 bis 40 Jah­ren aus: Ist sie ge­prägt von Me­ga­städ­ten, die in die Hö­he ge­wach­sen sind, um­ge­ben von grü­nen Zo­nen? Der Trend ist klar: Es zieht die Men­schen in die Städ­te und Agglo­me­ra­tio­nen; 75 Pro­zent der Be­völ­ke­rung woh­nen dort. Wir müs­sen den Le­bens­raum so ge­stal­ten, dass sich die Men­schen wohl füh­len. Wir müs­sen die Land­schaft und die Na­tur schüt­zen und die Ener­gie beim Woh­nen und in der Mo­bi­li­tät ef­fi­zi­ent ein­set­zen. Wenn Ar­beits- und Wohn­ort nicht zu weit aus­ein­an­der­lie­gen, kön­nen wir den Bo­den­ver­brauch eben­falls sen­ken.

Le­ben Sie be­reits ei­ne nach­hal­ti­ge Wohn­form? Im Vor­feld der Eco­pop-Initia­ti­ve ge­rie­ten Sie in die Kri­tik, weil Sie in ei­nem Zwei­fa­mi­li­en­haus mit gros­sem Gar­ten wohn­ten, al­so viel Platz brauch­ten.

Ich woh­ne seit zwei Jah­ren in ei­ner Woh­nung in der Stadt Bern und kann mit dem Bus oder zu Fuss zur Ar­beit. Das ist ein Pri­vi­leg. Wir soll­ten die per­sön­li­che Wohn­form aber nicht mit mo­ra­li­schen Vor­stel­lun­gen be­wer­ten. Den Land­schafts­schutz ma­chen wir für die Be­völ­ke­rung und nicht ge­gen die Be­völ­ke­rung.

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Hat Neu­land be­tre­ten: Um­welt­mi­nis­te­rin Si­mo­net­ta Som­maru­ga.

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