Na­mens­streit stürzt Re­gie­rung Tsi­pras in Kri­se

Der Streit um die Um­be­nen­nung Ma­ze­do­ni­ens stürzt Grie­chen­lands Re­gie­rung in ei­ne schwe­re Kri­se.

Berner Zeitung (Stadt) - - Ers­te Sei­te - Chris­tia­ne Sch­löt­zer, At­hen

At­hen Der Streit um die Um­be­nen­nung Ma­ze­do­ni­ens führ­te zum Rück­tritt des grie­chi­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters Pa­nos Kam­me­nos. Dank des­sen rechts­po­pu­lis­ti­scher Par­tei Un­ab­hän­gi­ge Grie­chen hat­te Re­gie­rungs­chef Al­exis Tsi­pras ei­ne knap­pe Mehr­heit im 300-köp­fi­gen Par­la­ment. In der be­vor­ste­hen­den Ver­trau­ens­ab­stim­mung will Kam­me­nos ge­gen die Re­gie­rung stim­men. An­de­re Par­la­men­ta­ri­er sei­ner Par­tei sind un­ent­schie­den. Tsi­pras’ Sy­ri­za-Par­tei zählt 145 Ab­ge­ord­ne­te, er braucht 151 Stim­men.

Ein klei­nes Bal­kan­land be­kommt ei­nen neu­en Na­men, der sich nicht gross von sei­nem al­ten un­ter­schei­det, und doch be­ginnt mit die­sem Er­eig­nis ei­ne neue Epo­che – mit gut ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert Ver­spä­tung. Als der Ei­ser­ne Vor­hang fiel, da lös­te die Wucht der Ve­rän­de­rung auf dem Bal­kan ei­ne Se­rie von Krie­gen aus. Die frü­he­re ju­go­sla­wi­sche Teil­re­pu­blik Ma­ze­do­ni­en ver­ab­schie­de­te sich zwar ge­walt­frei aus dem al­ten Bund, aber sie hat­te ein Iden­ti­täts­pro­blem. Na­tio­na­lis­ti­sche Scharf­ma­cher zeich­ne­ten Kar­ten, auf de­nen reich­te ihr Land bis zur Ägä­is. Das be­feu­er­te in Grie­chen­land oh­ne­hin vor­han­de­ne Ängs­te vor Ge­biets­an­sprü­chen auf die ei­ge­ne Re­gi­on Ma­ke­do­ni­en. Statt ei­ne Ver­stän­di­gung zu su­chen, nutz­ten Na­tio­na­lis­ten beid­seits der Gren­ze den Kon­flikt für in­nen­po­li­ti­schen Ge­winn – bis zwei Re­gie­rungs­chefs ei­ner neu­en Ge­ne­ra­ti­on, der So­zi­al­de­mo­krat Zoran Zaev in Skop­je und der Links­po­li­ti­ker Al­exis Tsi­pras in At­hen, es wag­ten, den gor­di­schen Kno­ten zu durch­schla­gen.

Ma­ze­do­ni­en soll künf­tig Nord­ma­ze­do­ni­en heis­sen, die Ver­fas­sungs­än­de­rung hat nach lan­gem Rin­gen am Frei­tag­abend das Par­la­ment in Skop­je pas­siert. Schul­bü­cher sol­len von na­tio­na­lis­ti­schem Über­schwang ge­rei­nigt wer­den, gu­te nach­bar­li­che Be­zie­hun­gen wach­sen. Das soll dem Land mit dem neu­en Na­men die Tü­ren von Na­to und EU öff­nen, wo­mit das Ab­kom­men sei­ne gan­ze Di­men­si­on zeigt. Denn auf dem Bal­kan ist zu­letzt der al­te Ost-West-Kon­flikt mit neu­er Mas­ke wie­der­auf­er­stan­den. Ma­ze­do­ni­en ge­hört zu den Län­dern, in de­nen Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin mas­siv nach Ein­fluss streb­te, wie in Ser­bi­en und in Mon­te­ne­gro. Auch des­halb war der Na­mens­wech­sel so um­kämpft.

Die Ge­schich­te soll­te «ei­ne Schu­le sein und kein Ge­fäng­nis», hat Ni­kos Kot­zi­as, bis vor kur­zem grie­chi­scher Aus­sen­mi­nis­ter und ei­ner der Ar­chi­tek­ten des Na­mens­ab­kom­mens, ge­sagt. Ein klu­ger Satz. Kot­zi­as hat sei­nen Ein­satz mit dem Ver­lust sei­nes Mi­nis­ter­stuhls be­zahlt. Denn in Grie­chen­land ist das Ab­kom­men nach wie vor so um­strit­ten, dass Tsi­pras zu­letzt sei­nen Aus­sen­mi­nis­ter op­fer­te, um sei­nen rech­ten Ko­ali­ti­ons­part­ner bei der Stan­ge zu hal­ten. Es war ver­lo­re­ne Lie­bes­müh.

Die Ehe wi­der al­le Ver­nunft zwi­schen der Link­s­par­tei Sy­ri­za und den rechts­po­pu­lis­ti­schen «Un­ab­hän­gi­gen Grie­chen» ist nach vier Jah­ren zu En­de. Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Pa­nos Kam­me­nos, ein Drauf­gän­ger der grie­chi­schen Po­li­tik, reich­te am Sonn­tag in At­hen die Schei­dung ein.

Da­mit könn­te auch Tsi­pras ei­nen ho­hen Preis für sei­nen Mut zah­len, den über­stän­di­gen Na­mens­streit mit den Nach­barn zu be­en­den. Vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len wür­de Tsi­pras nach jet­zi­gem Stand nicht ge­win­nen. Er will das Pre­s­pa-Ab­kom­men, wie der De­al nach dem Ort der Un­ter­zeich­nung heisst, aber noch durchs Par­la­ment brin­gen – nach ei­ner Ver­trau­ens­ab­stim­mung über sei­ne Re­gie­rung am kom­men­den Mitt­woch. Für bei­des hat sich der Pre­mier hin­ter den Ku­lis­sen wohl be­reits ei­ne hauch­dün­ne Mehr­heit ge­si­chert. An­dern­falls, so hat Tsi­pras schon ge­warnt, wer­de sein Land in­ter­na­tio­nal zur Lach­num­mer. Da dürf­te er recht ha­ben.

Schei­tert der De­al, schei­tert ein wich­ti­ges Ver­söh­nungs­werk, es wä­re ein gran­dio­ser Feh­ler. Die­se Bür­de müss­te dann auch die gros­se kon­ser­va­ti­ve grie­chi­sche Op­po­si­ti­ons­par­tei Nea Di­mo­kra­tia tra­gen, die lie­ber die nächs­ten Wah­len ge­win­nen will, als Tsi­pras die Hand für ei­nen his­to­ri­schen Kom­pro­miss zu rei­chen. Schei­dung: Pa­nos Kam­me­nos und Al­exis Tsi­pras.

Fo­to: Reu­ters

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.