Bern be­steu­ert Mit­tel­stand wie Rei­che

Der Kan­ton Bern ist gross, aber gu­te Steu­er­zah­ler sind rar. Auch ist der An­teil der Un­ter­neh­mens­steu­ern klein.

Berner Zeitung (Stadt) - - Ers­te Sei­te - Ste­fan von Ber­gen

Die Lis­te schö­ner In­ves­ti­ti­ons­vor­ha­ben, die den wirt­schaft­lich mit­tel­präch­ti­gen Kan­ton Bern vor­an­brin­gen sol­len, ist lang. Prä­sen­tiert hat sie die Ber­ner Kan­tons­re­gie­rung ver­gan­ge­ne Wo­che, als sie ih­re Stra­te­gie­zie­le 2022 vor­stell­te. All die­se Plä­ne ste­hen und fal­len aber mit Mehr­ein­nah­men. Wo­her die­se kom­men sol­len, ist ei­ne Ber­ner Kern­fra­ge. Denn der viel­ge­stal­ti­ge Kan­ton mit sei­ner de­zen­tra­len, kost­spie­li­gen In­fra­struk­tur steckt in ei­nem ei­gent­li­chen Steu­er­di­lem­ma. Trotz ver­gleichs­wei­se ho­her Steu­er­be­las­tung sind sei­ne Steu­er­ein­nah­men un­ter­durch­schnitt­lich.

Ein Ver­gleich der Ber­ner Kan­tons­steu­ern mit de­nen von Nach­bar­kan­to­nen zeigt Ber­ner Ei­gen­hei­ten auf: Weil gu­te Steu­er­zah­ler zwar im Kan­ton Bern ar­bei­ten, aber gern gleich jen­seits der Ber­ner Kan­tons­gren­ze woh­nen, wird schon der obe­re Ber­ner Mit­tel­stand pro­zen­tu­al so be­steu­ert wie in an­de­ren Kan­to­nen Wohl­ha­ben­de und Rei­che. Die na­tür­li­chen Per­so­nen wer­den im Bern­biet auch des­halb stark be­las­tet, weil der An­teil der Un­ter­neh­men an den Kan­tons­steu­ern mit bloss 10,9 Pro­zent tief ist. Mit 15 Pro­zent über­durch­schnitt­lich hoch ist da­für der Ber­ner An­teil von Steu­er­pflich­ti­gen, die gar kei­ne Steu­ern zah­len. Der Un­ter­neh­mer Ru­dolf Stämpf­li sieht des­halb ei­nen Fehl­an­reiz: «Gu­te Steu­er­zah­ler wer­den im Kan­ton Bern ab­ge­schreckt, we­ni­ger gu­te an­ge­zo­gen.»

Der Kan­ton Bern kommt im na­tio­na­len Steu­er­wett­be­werb nicht vom Fleck. Am 25. No­vem­ber schei­ter­te der jüngs­te Ver­such, das schlech­te Ber­ner Ra­ting zu ver­bes­sern: Das Ber­ner Stimm­volk lehn­te ei­ne Sen­kung der kan­to­na­len Un­ter­neh­mens­steu­ern ab. Die Ber­ne­rin­nen und Ber­ner fürch­te­ten wohl, dass sie für Steu­er­aus­fäl­le zur Kas­se ge­be­ten wür­den. Und viel­leicht hät­te man ih­nen ein fi­nan­zi­el­les Zü­cker­chen an­bie­ten müs­sen.

Aber das Bern­biet steckt in en­gen fi­nan­zi­el­len Ho­sen. Sei­nen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern kann es kei­ne Ge­schen­ke ver­tei­len wie die Waadt, die ih­re Sen­kung der Un­ter­neh­mens­steu­ern er­folg­reich mit hö­he­ren Kin­der­zu­la­gen und Ver­bil­li­gun­gen der Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en kom­bi­nier­te. Der Kan­ton Bern ist in ei­nem ei­gent­li­chen Steu­er­di­lem­ma ge­fan­gen. Er ist gross, muss aber ei­ne kost­spie­li­ge, de­zen­tra­le In­fra­struk­tur un­ter­hal­ten. Er be­her­bergt vi­ta­le KMU-Be­trie­be, aber we­ni­ge mul­ti­na­tio­na­le Un­ter­neh­men. Und die Zahl sei­ner gut ver­die­nen­den Steu­er­zah­ler ist un­ter­durch­schnitt­lich.

Zu we­nig Geld für Zu­kunft

Auf ei­ne un­er­freu­li­che For­mel ge­bracht: Trotz re­la­tiv ho­her Steu­er­be­las­tung fährt der Kan­ton Bern nicht so viel Steu­er­geld ein, wie er aus­ge­ben müss­te, um in der Zu­kunft vor­an­zu­kom­men. Das könn­te auch die Ber­ner Kan­tons­re­gie­rung zu spü­ren be­kom­men. Ver­gan­ge­ne Wo­che hat sie ih­re Re­gie­rungs­stra­te­gie 2022 zur wirt­schaft­li­chen Stär­kung des Kan­tons prä­sen­tiert – in Form ei­ner Wun­sch­lis­te von In­ves­ti­tio­nen. De­ren Rea­li­sie­rung steht und fällt aber mit Mehr­ein­nah­men.

Das Ber­ner Steu­er­di­lem­ma wird noch ver­schärft durch die Un­ei­nig­keit in der Ber­ner Steu­er­po­li­tik. Die Bür­ger­li­chen for­dern Steu­er­sen­kun­gen und Ein­spa­run­gen. Für die Linke aber, die das Re­fe­ren­dum ge­gen tie­fe­re Un­ter­neh­mens­steu­ern er­grif­fen hat­te, sind Steu­er­sen­kun­gen ta­bu. Sie will die Staats­kas­se mit hö­he­ren Ein­nah­men statt Ein­spa­run­gen sa­nie­ren. Bei­de We­ge sind hei­kel. Steu­er- und Ta­rif­er­hö­hun­gen sind den schon ziem­lich be­las­te­ten Ber­ne­rin­nen und Ber­nern schwer zu ver­mit­teln. Und ei­ne Steu­er­sen­kung wür­de die knap­pe Ber­ner Kan­tons­kas­se zu­sätz­lich ent­lee­ren.

Was al­so kann der Kan­ton Bern tun? Um sei­nen steu­er­li­chen Spiel­raum aus­zu­lo­ten, wä­re ei­ne ver­glei­chen­de Analyse der Steu­er­sys­te­me an­de­rer Kan­to­ne hilf­reich. Über ei­nen sol­chen Über­blick ver­fügt die Eid­ge­nös­si­sche Steu­er­ver­wal­tung aber nicht. Die­se Zei­tung hat des­halb bei den Steu­er­äm­tern der Nach­bar­kan­to­ne Frei­burg, So­lo­thurn und Aar­gau so­wie bei den Kan­to­nen Zü­rich und Zug Steu­er­da­ten er­fragt und sie mit den Ber­ner Kenn­zah­len ver­gli­chen.

Wer be­zahlt Lö­wen­an­teil?

Aus ei­nem Ver­gleich der kan­to­na­len Spit­zen­steu­er­sät­ze hat die NZZ 2018 ei­ne Faust­re­gel ab­ge­lei­tet: Die ein­kom­mens­stärks­ten 20 Pro­zent der Steu­er­pflich­ti­gen brin­gen 70 Pro­zent der Kan­tons­steu­ern auf. Ent­ge­gen der ver­brei­te­ten Kla­ge vom be­las­te­ten Mit­tel­stand wä­ren es dem­nach die Wohl­ha­ben­den und Rei­chen, die den Lö­wen­an­teil der Steu­ern zah­len.

Tat­säch­lich zah­len im rei­chen Kan­ton Zug die obers­ten 17 Pro­zent der Steu­er­pflich­ti­gen über 75 Pro­zent der Kan­tons­steu­ern. So rich­tig zur Kas­se ge­be­ten wer­den Zu­ge­rin­nen und Zu­ger erst ab ei­nem steu­er­ba­ren Ein­kom­men von über 100000 Fran­ken im Jahr. Im Kan­ton Zü­rich zah­len die obers­ten 20 Pro­zent der Steu­er­pflich­ti­gen 73 Pro­zent der Steu­ern.

Be­las­te­ter Mit­tel­stand

Im Kan­ton Bern aber lie­fern die obers­ten 22 Pro­zent der Steu­er­pflich­ti­gen bloss 60 Pro­zent der Kan­tons­steu­ern ab, weil es zu we­nig gu­te Steu­er­zah­ler gibt. Der Mit­tel­stand wird al­so weit stär­ker be­steu­ert als in an­de­ren Kan­to­nen. Schon ab ei­nem steu­er­ba­ren Ein­kom­men von 40000 Fran­ken im Jahr setzt im Kan­ton Bern ei­ne ver­stärk­te Steu­er­pro­gres­si­on ein. Der obe­re Mit­tel­stand um ein steu­er­ba­res Ein­kom­men von 100 000 Fran­ken – das be­trifft auch et­wa ver­hei­ra­te­te Dop­pel­ver­die­ner – wird im Bern­biet pro­zen­tu­al be­steu­ert wie an­ders­wo Wohl­ha­ben­de und Rei­che.

Man kann das auch in Fran­ken aus­drü­cken: Per­so­nen oder Ehe­paa­re mit ei­nem steu­er­ba­ren Ein­kom­men zwi­schen 40000 und 100 000 Fran­ken zah­len im Kan­ton Bern im Schnitt pro Kopf 7098 Fran­ken Kan­tons­steu­ern im Jahr (sie­he Grafik 1). Steu­er­pflich­ti­ge mit ei­nem steu­er­ba­ren Ein­kom­men zwi­schen 50000 und 100 000 Fran­ken zah­len aber im Kan­ton Frei­burg bloss 5514, im Kan­ton So­lo­thurn 4400 und im Aar­gau 3764 Fran­ken. In Zü­rich sind es noch 3219 und in Zug 2590 Fran­ken.

Sys­tem der Fehl­an­rei­ze

Für den Ber­ner Un­ter­neh­mer Ru­dolf Stämpf­li ist des­halb klar: «Der Kan­ton Bern braucht drin­gend mehr Steu­er­zah­ler mit ei­nem steu­er­ba­ren Ein­kom­men über 100 000 Fran­ken.» Stämpf­li ist FDP-Mit­glied, Co-In­ha­ber des gleich­na­mi­gen Ber­ner Ver­lags­und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­mens so­wie Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent der Ber­ner Bahn­ge­sell­schaft BLS. Er be­schäf­tigt sich seit Jah­ren mit dem Ber­ner Steu­er­sys­tem. Und mit des­sen Fehl­an­rei­zen. «Per­so­nen mit hö­he­ren Ein­kom­men wer­den von der schnell an­stei­gen­den Ber­ner Steu­er­pro­gres­si­on eher ab­ge­schreckt», ana­ly­siert er, «Per­so­nen mit tie­fe­ren Ein­kom­men aber eher an­ge­zo­gen.»

Stämpf­lis The­se ei­ner ab­schre­cken­den Wir­kung lässt sich be­le­gen: Gut Ver­die­nen­de, die et­wa ei­nen lu­kra­ti­ven Job in der Ber­ner Bun­des­ver­wal­tung an­neh­men, zie­hen gar nicht erst in den Kan­ton Bern. Sie sie­deln sich gleich jen­seits der Kan­tons­gren­ze im steu­er­güns­ti­gen Zo­fin­gen AG, Mur­ten FR oder Feld­brun­nen SO an.

Die­se Zei­tung hat im ver­gan­ge­nen Som­mer die na­tio­na­le Pend­ler­sta­tis­tik des Bun­des­amts für Sta­tis­tik aus­ge­zählt und eru­iert, dass über 16 Pro­zent der in der Stadt Bern Ar­bei­ten­den aus an­de­ren Kan­to­nen zu­pen­deln. Je­der und je­de Zehn­te reist aus dem steu­er­lich güns­ti­ge­ren Nach­bar­kan­ton Frei­burg zur Ar­beit in die Bun­des­stadt an. Die zweit- und die dritt­gröss­te Pend­ler­grup­pe kom­men aus den Kan­to­nen So­lo­thurn und Zü­rich nach Bern.

Über­dies weist im eher länd­li­chen Kan­ton Bern nur der Gross­raum Bern ei­ne brei­te Pa­let­te von tie­fen bis ho­hen Ein­kom­men und da­mit ein über­durch­schnitt­li­ches Steu­er­sub­strat auf. Der Ver­wal­tungs­kreis Bern-Mit­tel­land, in dem 39,2 Pro­zent al­ler Steu­er­zah­ler woh­nen, lie­fert al­lein 45 Pro­zent al­ler Steu­er­ein­nah­men in die Kan­tons­kas­se ab.

15 Pro­zent Nicht­zah­ler

Un­ter­neh­mer Ru­dolf Stämpf­li ist auch am un­te­ren En­de der Ska­la ei­ne Ber­ner Steu­er­schwä­che auf­ge­fal­len. Der An­teil der Ber­ner Steu­er­pflich­ti­gen, die im Steu­er­jahr 2016 über­haupt kei­ne Steu­ern be­zahl­ten, war mit rund 15 Pro­zent hoch (sie­he Grafik 2). Zu die­ser Grup­pe ge­hö­ren jun­ge Leu­te in der Aus­bil­dung, So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ger oder Al­lein­er­zie­hen­de und Al­ters­heim­be­woh­ner mit ho­hen Ab­zü­gen. Im Kan­ton So­lo­thurn zah­len nur 7,5 Pro­zent der Pflich­ti­gen kei­ne Steu­ern, in Frei­burg sind es 8,5 und im Aar­gau 12,6 Pro­zent.

Für Ru­dolf Stämpf­li ist un­be­strit­ten, dass Per­so­nen mit tie­fen Ein­kom­men fi­nan­zi­ell ge­schont wer­den müs­sen. Er fin­det es den­noch be­denk­lich, dass fast ein Sechs­tel der Ber­ner Steu­er­pflich­ti­gen die Leis­tun­gen des Staa­tes «zum Null­ta­rif be­zieht».

«Per­so­nen mit hö­he­ren Ein­kom­men wer­den von der schnell an­stei­gen­den Ber­ner Steu­er­pro­gres­si­on ab­ge­schreckt.» Ru­dolf Stämpf­li Un­ter­neh­mer und Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent BLS

Er plä­diert des­halb für ei­ne tie­fe Pau­schal­steu­er. «Sie wür­de zwar fi­nan­zi­ell nicht sehr viel ein­brin­gen, wä­re aber den­noch ein sym­bo­li­sches Si­gnal.»

Ob sich der ho­he Ber­ner An­teil mit den So­zi­al­hil­fe­emp­fän­gern in den Städ­ten er­klä­ren lässt, wur­de bis­her nicht ana­ly­siert. Der tie­fe An­teil von 7,3 Pro­zent im Kan­ton Zü­rich spricht da­ge­gen. Zü­rich kennt al­ler­dings ei­nen Pau­schal­steu­er­bei­trag für un­te­re Ein­kom­men, wie ihn Un­ter­neh­mer Stämpf­li vor­schlägt. Ei­ne sol­che Min­dest­steu­er mit so­zia­ler Ab­fe­de­rung for­der­te 2017 die FDP auch im Ber­ner Kan­tons­par­la­ment. Ihr Pos­tu­lat wur­de im­mer­hin für er­heb­lich er­klärt.

Wirtschaft zahlt we­nig

Ei­ne drit­te Ber­ner Schwä­che ist der tie­fe An­teil der Un­ter­neh­mens­steu­ern (sie­he Grafik 3 bis 5). Ber­ner Un­ter­neh­men lie­fern bloss 10,9 Pro­zent der Kan­tons­steu­ern ab. In Zü­rich ist der An­teil mit 19,4 Pro­zent fast dop­pelt, in Zug mit 34,9 Pro­zent mehr als drei­mal so hoch. Auch in den Nach­bar­kan­to­nen zah­len die ju­ris­ti­schen Per­so­nen mehr. In Frei­burg rund 15 Pro­zent al­ler Kan­tons­steu­ern, in So­lo­thurn 16 und im Aar­gau 17 Pro­zent. Die Haupt­last der Steu­ern liegt im Kan­ton Bern al­so bei den na­tür­li­chen Per­so­nen – ins­be­son­de­re auf dem obe­ren Mit­tel­stand. Auch der Bei­trag der Un­ter­neh­men an die di­rek­te Bun­des­steu­er ist im Kan­ton Bern tief. Rech­net man die­sen Bei­trag pro Kopf der Kan­tons­be­völ­ke­rung um, dann flies­sen im Kan­ton Bern bloss 592 Fran­ken in die di­rek­te Bun­des­steu­er. In Zü­rich aber sind es 1244, in der Waadt 1295, in Ba­selS­tadt 5240 und in Zug gar 8229 Fran­ken.

Die Zah­len wi­der­spie­geln, dass der klein­tei­li­ge KMU-Kan­ton Bern nicht mit Ba­sel oder Zug kon­kur­rie­ren kann, wo sich in ei­nem ur­ba­nen Raum glo­ba­le Play­er der Phar­ma- oder Roh­stoff­in­dus­trie bal­len. Was die Zah­len zu­dem zei­gen: Weil der An­teil der Un­ter­neh­mens­steu­ern im Kan­ton Bern oh­ne­hin tief ist, gä­be es hier am ehes­ten Spiel­raum für ei­ne Steu­er­sen­kung.

Be­schränk­ter Spiel­raum

Wie kann sich der Kan­ton Bern aus sei­nem Steu­er­di­lem­ma be­frei­en? Die kan­to­na­le Steu­er­stra­te­gie des Re­gie­rungs­rats von 2016 macht aus dem en­gen fi­nan­zi­el­len Spiel­raum kei­nen Hehl und hält fest: «Weil der An­teil der na­tür­li­chen Per­so­nen am Steu­er­auf­kom­men so hoch ist, wür­de ei­ne er­heb­li­che Sen­kung – an­ders als bei den Un­ter­neh­mens­steu­ern – zu sehr ho­hen Ein­nah­me­aus­fäl­len füh­ren, die im ak­tu­el­len fi­nanz­po­li­ti­schen Um­feld nicht trag­bar sind.»

Was das gros­se Bern si­cher nicht kann: wie die Klein­kan­to­ne Ob- und Nid­wal­den mit ei­nem Tief­steu­er­re­gime ein paar Un­ter­neh­men und Rei­che an­zie­hen und so die Kan­tons­kas­se sa­nie­ren. Auch ei­ne hö­he­re Be­steue­rung der Rei­chen, wie sie die Linke for­dert, ist kein All­heil­mit­tel. In an­de­ren Kan­to­nen wie der Waadt oder Schwyz woh­nen viel mehr Rei­che. Und der Ber­ner Spit­zen­steu­er­satz, mit dem Rei­che be­las­tet wer­den, ist im na­tio­na­len Ver­gleich schon hoch. Er liegt bei über 40 Pro­zent.

Qua­dra­tur des Krei­ses

Bern muss die Qua­dra­tur des Krei­ses schaf­fen: Der Kan­ton muss sei­ne Steu­er­ein­nah­men er­hö­hen, oh­ne die Steu­er­be­las­tung an­zu­he­ben. Da­zu braucht es neue Ide­en. Un­ter­neh­mer Ru­dolf Stämpf­li schlägt et­wa vor, dass Steu­er­pflich­ti­ge, die kei­ne Kir­chen­steu­er mehr zah­len, ei­ne Art Er­satz­ab­ga­be an den Kan­ton ent­rich­ten.

Stämpf­lis Bru­der Pe­ter, der mit ihm das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men lei­tet und Prä­si­dent der Un­ter­neh­mer­initia­ti­ve «Fo­kus Bern» ist, plä­diert für ei­ne grenz­über­schrei­ten­de Per­spek­ti­ve: «Die Steu­er­fra­ge kann oh­ne Ko­ope­ra­ti­on mit den Nach­bar­kan­to­nen nicht ge­löst wer­den.» Denn der Wirt­schafts­raum Bern be­fin­de sich in ei­nem über­kan­to­na­len Ge­flecht von Pend­ler­strö­men, Wohn­kos­ten oder Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en.

Die Ber­ner Po­li­tik könn­te die kan­to­na­le Erb­schafts­steu­er auf Nach­kom­men und Ehe­gat­ten aus­wei­ten, Bern wür­de da­mit al­ler­dings schweiz­weit ziem­lich al­lein da­ste­hen. Mög­lich wä­re auch, was ei­ne Mo­ti­on vom letz­ten Sep­tem­ber im Gros­sen Rat ver­sucht: die 2013 auf­grund ei­nes Volks­vor­schlags mar­kant ge­senk­ten Mo­tor­fahr­zeug­steu­ern wie­der an­zu­he­ben.

Im Sin­ne von Pe­ter Stämpf­li könn­ten die Ber­ner Po­li­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­ker auch prin­zi­pi­ell den na­tio­na­len Steu­er­wett­be­werb zur De­bat­te stel­len und et­wa ei­ne über­kan­to­na­le Steu­er­tei­lung für Be­rufs­pend­ler for­dern. Die Er­folg­rei­chen im Steu­er­wett­be­werb und die Ge­ber­kan­to­ne im na­tio­na­len Fi­nanz­aus­gleich (NFA) dürf­ten dann al­ler­dings auf Berns ho­hen NFA-Be­zug hin­wei­sen.

Oh­ne Stra­te­gie geht nichts

Für Pe­ter Stämpf­li muss der ers­te Schritt al­ler­dings vor der ei­ge­nen Haus­tür er­fol­gen: «Erst wenn sich der Re­gie­rungs­rat, der Gros­se Rat so­wie die Ber­ner Par­tei­en und Re­gio­nen zu ei­ner Stra­te­gie für den gan­zen Kan­ton zu­sam­men­rau­fen kön­nen, wird es auch ein an­de­res Ber­ner Steu­er­sys­tem ge­ben.»

Un­ter der Ru­brik «Bern wo­hin?» the­ma­ti­siert die­se Zei­tung re­gel­mäs­sig gros­se Her­aus­for­de­run­gen, mit de­nen der Kan­ton Bern kämpft. Und sie sucht nach We­gen in die Ber­ner Zu­kunft.

Auch fi­nan­zi­ell be­trach­tet ei­ne Gunst­la­ge, die in Bern Be­schäf­tig­te ger­ne als Wohn­ort wäh­len: Das Städt­chen Mur­ten und das ge­gen­über­lie­gen­de Ufer des Mur­ten­sees im steu­er­güns­ti­gen Kan­ton Frei­burg.

Fo­to: Keysto­ne

Fo­to: suk

Der Mit­tel­stand be­zahlt in Bern mehr Steu­ern als an­ders­wo.

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