In 8,36 Se­kun­den zur rie­si­gen Er­leich­te­rung

No­emi Zbä­ren ist zu­rück – am LCZ-Hal­len­mee­ting sprin­te­te sie nach lan­ger Zeit wie­der über die Hür­den. Sehr schnell.

Berner Zeitung (Stadt) - - Sport -

No­emi Zbä­ren hat sich aufs Bänk­li ge­setzt, lehnt ent­spannt an die kal­te Be­ton­wand, die letz­ten Ath­le­tin­nen und Ath­le­ten ver­las­sen die Sprint­bahn im Un­ter­ge­schoss des Let­zi­grund­sta­di­ons. Es ist Abend ge­wor­den, das Hal­len­mee­ting des LCZ ist zu En­de, und die 24-Jäh­ri­ge be­nennt ih­re Rück­kehr in die Start­blö­cke gleich mehr­fach. Zbä­ren hat schwie­ri­ge Jah­re hin­ter sich. Wä­re die Hür­den­sprin­te­rin aus dem Em­men­tal im Som­mer zu­rück­ge­tre­ten, hät­te sich nie­mand dar­über ge­wun­dert. 2016 Kreuz­band­riss, 2017 Mus­kel­fa­ser­riss, 2018 das­sel­be am an­de­ren Ober­schen­kel. Dys­ba­lan­cen im Hüft­be­reich. Ihr letz­ter Wett­kampf liegt ein­ein­halb Jah­re zu­rück, ihr gröss­ter Er­folg über drei Jah­re: her­aus­ra­gen­de WM-Sechs­te in Pe­king.

Aber: Zbä­ren ist jung, und sie sagt, es ha­be ge­nü­gend Grün­de ge­ge­ben, noch ein­mal ei­nen An­lauf zu neh­men. «Ich ma­che das schon so lan­ge, und ich ma­che es lei­den­schaft­lich ger­ne.» Für die­sen Neuanfang ha­be sie die letz­ten vier Mo­na­te ge­ar­bei­tet, phy­sisch, men­tal, für die­sen Mei­len­stein oder of­fi­zi­el­len Start­schuss in ei­ne Art zwei­ten Kar­rie­re­teil.

Zbä­ren ist ra­di­kal vor­ge­gan­gen. Als ihr im Som­mer klar wur­de, dass sie den Neuanfang woll­te, war ihr auch klar, dass sie mit ih­rer Ver­gan­gen­heit ab­schlies­sen muss­te. «Sonst hät­te ich mit den glei­chen Men­schen wei­ter­hin über die glei­chen Themen dis­ku­tiert», sagt sie. Mit «den glei­chen Men­schen» meint sie in ers­ter Li­nie ih­re Trai­ner Gabi und Ste­fan Schwarz so­wie Ue­li Leh­mann zu Hau­se im SK Langnau.

Zbä­ren wuss­te: Sie muss­te ganz von vorn an­fan­gen, Ge­wohn­hei­ten ab­le­gen, neue We­ge su­chen. Es wur­de ei­ne schmerz­vol­le Tren­nung, «denn sie al­le ha­ben mich sehr weit ge­bracht». WM-Sil­ber bei der U-18, WM-Sil­ber bei der U-20, spä­ter U-23Eu­ro­pa­meis­te­rin. Aber der Ab­schied wur­de un­um­gäng­lich, weil Zbä­ren «ge­wis­se Hem­mun­gen» ihr ge­gen­über spür­te. Nicht zu sehr, nicht zu viel, nicht wie­der ver­let­zen.

Dann sagt Zbä­ren en­er­gisch, dass die Tren­nung für ih­ren Kopf ge­we­sen sei. Ab­schlies­sen – sie ha­be viel ge­lernt da­bei. Wäh­rend sie mit ih­rem Mas­ter in Mi­kro­bio­lo­gie und Im­mu­no­lo­gie wei­ter an der Uni Bern forscht, trai­niert sie mitt­ler­wei­le an ver­schie­de­nen Or­ten: in Zü­rich, Stutt­gart, aber auch in Bern. Der hol­län­di­sche Sprint­trai­ner Henk Kraai­jen­hof schreibt die Plä­ne und be­treut sie mit der LCZTrai­ne­rin Mag­gie Man­tingh im Let­zi­grund; zum deut­schen Hür­den­ex­per­ten Sven Rees, der auch die Schwei­zer Re­kord­hal­te­rin Li­sa Urech einst an­lei­te­te, reist sie je­des zwei­te Wo­che­n­en­de. «Und al­les, was ich al­lein ma­chen kann wie bei­spiels­wei­se das Aus­dau­er­trai­ning, das ma­che ich in Bern», sagt sie. Und jetzt er­tönt der Start­schuss. 60 m Hür­den. Sie schiesst aus dem Start­block, sprin­tet und über­quert die Hin­der­nis­se, als wä­re nie et­was ge­we­sen. Zbä­ren sagt, die Zeit sei zweit­ran­gig. Dass es die 8,36 Se­kun­den den­noch nicht sind, ver­ra­ten da­nach ih­re Ge­sichts­zü­ge, ih­re Freu­de, das Ab­klat­schen mit dem Trai­ner. Über­ra­schend ist auch Gabi Schwarz zu die­sem ers­ten Ren­nen im zwei­ten Kar­rie­re­teil ge­kom­men. «Das hat mich me­ga ge­freut. Wir re­den auch über die Trai­nings­plä­ne. So stimmt es jetzt für bei­de Sei­ten, dar­über bin ich sehr froh», sagt sie.

Über­haupt: die­se Er­leich­te­rung nach zwei ver­pass­ten Sai­sons. Und dann, ganz schnell die ent­schei­den­de Er­kennt­nis: «Ich kann es noch.» Es ist Zbä­rens schnells­ter Start in ei­ne Hal­len­sai­son, und ihr Rekord liegt nur we­nig tie­fer, bei 8,11. Das Schwie­rigs­te auf dem Weg zu­rück sei die men­ta­le Be­an­spru­chung ge­we­sen, sagt sie. Aber die­se Ar­beit se­he ja nie­mand.

Und fragt man sie, wie sie sich ver­än­dert ha­be, als der Sport nur noch ei­ne Ne­ben­rol­le spiel­te, sagt sie so­fort: «Ich bin rei­fer ge­wor­den. Mir ist viel we­ni­ger wich­tig, was an­de­re den­ken.» Sie ha­be so viel Zeit mit sich sel­ber ver­bracht, nie­mand ver­ste­he wirk­lich, wie es ei­nem in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on ge­he.

Und jetzt ist erst­mals wie­der das Ad­re­na­lin ge­flos­sen. Sie sagt:

Monica Schnei­der

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