Be­reit für das 7. Mel­bourne-Mär­chen

2017 ge­wann Ro­ger Fe­de­rer am Aus­tra­li­an Open mi­ra­ku­lös sei­nen 18. Grand-Slam-Ti­tel. Jetzt spricht ei­gent­lich nur et­was ge­gen den Hattrick: das Er­star­ken von No­vak Djo­ko­vic. Heu­te (10.30) spielt Fe­de­rer erst­mals.

Berner Zeitung (Stadt) - - Sport - Re­né St­auf­fer, Mel­bourne

Ten­nis Ti­tel­ver­tei­di­ger Ro­ger Fe­de­rer star­tet heu­te ge­gen De­nis Ist­o­min ins Aus­tra­li­an Open.

Es ist der Sonn­tag vor dem Aus­tra­li­an Open, die Tem­pe­ra­tu­ren krat­zen im hoch­som­mer­li­chen Mel­bourne an der 30-Grad-Mar­ke, heu­te sol­len sie die­se klar über­tref­fen. Der In­ter­view­raum im Me­di­en­zen­trum ist zur Mit­tags­zeit prop­pen­voll, «stan­ding room on­ly», sagt ein Re­por­ter. Nach­dem sich der gröss­te Wir­bel um die Rück­tritts­an­kün­di­gung von An­dy Mur­ray we­gen sei­ner Hüft­pro­ble­me et­was ge­legt hat, steht nun wie­der die Haupt­per­son der letz­ten bei­den Jah­re im Mit­tel­punkt: Ro­ger Fe­de­rer, der vor­ne am Tisch sitzt.

Die aus­tra­li­sche Zei­tung «Sun­day Age» wid­met dem 37-Jäh­ri­gen das Haupt­bild auf der Front­sei­te so­wie zwei Pan­ora­ma­sei­ten in der Mit­te des Blat­tes. Dar­auf blickt sie zu­rück auf sei­nen mär­chen­haf­ten Sieg vor zwei Jah­ren. «Ro­gers Wie­der­ge­burt», lau­tet der Ti­tel, und der ist nicht ein­mal über­trie­ben. «Das war ei­ner mei­ner drei wich­tigs­ten und schöns­ten Sie­ge», sagt Fe­de­rer we­nig spä­ter sel­ber, als er zu­rück­blickt auf den ver­rück­ten Fi­nal ge­gen Ra­fa­el Na­dal, den er trotz 1:3-Rück­stand im 5. Satz ge­wann. Es war sein 18. Gran­dSlam-Ti­tel, in­zwi­schen steht er bei 20, da­von 6 am Yar­ra-Ri­ver.

Da­mals kam er von ei­ner sechs­mo­na­ti­gen Aus­zeit zu­rück und dach­te nicht im ent­fern­tes­ten dar­an, in Mel­bourne gleich ei­nen Ma­jor­ti­tel zu ge­win­nen. Das ist nun an­ders. «Es wä­re schön, wenn ich mir ei­ne Chan­ce auf den Po­kal ver­schaf­fen könn­te», sagt er. Doch ob­wohl er den Ti­tel 2018 ver­tei­di­gen konn­te und stark in Form ist, be­trach­tet sich der 99-fa­che Tur­nier­sie­ger nicht als Fa­vo­rit: «An­ge­sichts der letz­ten sechs Mo­na­te ist das Djo­ko­vic. Und das sa­ge ich nicht ein­fach, das den­ke ich wirk­lich.»

«Ich bin ab­so­lut be­reit»

Fe­de­rers Aus­gangs­la­ge könn­te al­ler­dings kaum bes­ser sein. «Kör­per­lich und men­tal bin ich ab­so­lut be­reit, und das ist das Wich­tigs­te.» Am Hop­man-Cup ver­tei­dig­te er zum Jah­res­auf­takt ne­ben Be­lin­da Ben­cic den Ti­tel, und schon die Sai­son­vor­be­rei­tung war fahr­plan­mäs­sig ver­lau­fen. «Auch hier ha­be ich gut und hart trai­niert. Erst am Sams­tag nahm ich ei­ne Pau­se, um vor der ers­ten Par­tie et­was her­un­ter­zu­fah­ren.» Im heu­ti­gen Start­spiel trifft er (ab et­wa 10.30 Uhr MEZ) auf den 32-jäh­ri­gen Us­be­ken De­nis Ist­o­min (ATP 99), den er in al­len bis­he­ri­gen sechs Du­el­len be­zwang, der in Mel­bourne aber vor zwei Jah­ren ge­gen Djo­ko­vic sei­nen gröss­ten Sieg er­rang. «Ich möch­te die letz­ten Wo­chen nicht

über­ana­ly­sie­ren und auch nicht zu weit vor­aus­schau­en, denn das wä­re ein Feh­ler», sagt Fe­de­rer. Er er­in­ne­re sich gut an Ist­o­mins Sieg über Djo­ko­vic, «ich ver­folg­te fast die gan­ze Par­tie, und ich hat­te sel­ber auch schon har­te Matchs ge­gen ihn. Spe­zi­ell auf schnel­len Be­lä­gen kann er ge­fähr­lich sein. Al­ler­dings den­ke ich wirk­lich, dass ich mo­men­tan sehr gut spie­le.»

«Er ist ein gu­ter Mensch»

Zu­erst muss sich aber auch Fe­de­rer aus­gie­big zu An­dy Mur­rays an­ge­kün­dig­ten Rück­tritt äus­sern. «Lei­der ist es sein Kör­per, der die Ent­schei­dung traf», sagt er. «Hin­ter ihm lie­gen zwei har­te Jah­re, und es ist ver­ständ­lich, dass er zu die­ser Ent­schei­dung ge­langt ist.» Er denkt zu­rück an den Wohl­tä­tig­keits­match, in dem er dem Schot­ten im No­vem­ber 2017 in Glas­gow zum letz­ten Mal ge­gen­über­stand: «Es ging ihm da­mals so schlecht, dass ich über­rascht war, dass er über­haupt an­trat.» Das letz­te ih­rer 25 of­fi­zi­el­len Du­el­le

liegt über drei Jah­re zu­rück, in Cin­cin­na­ti hol­te Fe­de­rer da­mals sei­nen 14. Sieg. Der Rück­tritt des Schot­ten stimmt ihn trau­rig. «Er ist ein gu­ter Mensch, al­le mö­gen ihn. Ich hof­fe, dass er we­nigs­tens noch bis Wim­ble­don durch­hält. Aber ir­gend­wann geht dem Ten­nis je­der Spie­ler ver­lo­ren, und er kann un­glaub­lich stolz sein auf al­les, was er er­reicht hat.»

Die heu­ti­ge Abend­ses­si­on steht im Zei­chen des 50. Ge­burts­tags des Aus­tra­li­an Open, das 1969 erst­mals auch den Pro­fis of­fen­stand. Da­mals fand es noch in Bris­bane statt, ehe es zwei Jah­re in Syd­ney aus­ge­tra­gen wur­de, be­vor es nach Mel­bourne kam, wo es seit­her blieb und je­des Jahr wei­ter ver­bes­sert wird. Vor Fe­de­rers Par­tie spielt Mur­ray sei­nen Auf­takt ge­gen Ro­ber­to Bau­tis­ta Agut in der zweit­gröss­ten Are­na (ab 8 Uhr MEZ).

Der Schwei­zer wird am Sonn­tag dann auch zu den gros­sen Ve­rän­de­run­gen des Cir­cuits be­fragt. Er macht da­bei klar, dass er in­zwi­schen viel we­ni­ger in die Ten­nis­po­li­tik in­vol­viert sei als in den sechs Jah­ren, in de­nen er den Spie­ler­rat prä­si­dier­te. Aber er ver­folgt die Ent­wick­lung auf­merk­sam und hü­tet sich auf­fal­lend da­vor, Neue­run­gen zu kri­ti­sie­ren. Auch dem Da­vis-Cup, der ab die­sem Jahr in ei­nem Fi­nal­tur­nier aus­ge­spielt wird, ge­winnt er Po­si­ti­ves ab – und sei es nur, dass der Wett­be­werb ins­künf­tig nicht mehr vier, son­dern nur noch zwei Wo­chen im ge­dräng­ten Ka­len­der be­legt.

Dem ATP-Cup, der ab An­fang 2020 in Syd­ney, Bris­bane und ei­ner drit­ten aus­tra­li­schen Stadt erst­mals statt­fin­det, gibt er oh­ne­hin viel Kre­dit, ob­wohl der Te­am­wett­be­werb gros­se Ähn­lich­kei­ten mit dem Da­vis-CupFi­na­le auf­weist und ei­ner die­ser An­läs­se wohl ge­nü­gen wür­de.

«An­ge­sichts der letz­ten 6 Mo­na­te ist Djo­ko­vic der Fa­vo­rit. Das sa­ge ich nicht ein­fach, das den­ke ich wirk­lich.»

Ro­ger Fe­de­rer

«Ei­ne Über­gangs­pha­se»

«Das Ten­nis er­lebt in­ter­es­san­te Zei­ten – aber ich wür­de nicht von schlech­ten spre­chen», sagt Fe­de­rer. «Es ist ei­ne Über­gangs­pha­se. Wir müs­sen ab­war­ten und den bei­den An­läs­sen Zeit ge­ben.» Sei­ner Mei­nung nach lässt sich der La­ver-Cup, der die­ses Jahr in Genf statt­fin­det und aus sei­ner ei­ge­nen In­itia­ti­ve ent­stan­den ist, nicht mit die­sen bei­den Tea­mevents ver­glei­chen. Das Du­ell zwi­schen Eu­ro­pa und dem Rest der Welt daue­re nur drei Ta­ge und sei in den letz­ten bei­den Jah­ren ein vol­ler Er­folg ge­we­sen, sagt er. «Und so­lan­ge es für die Fans und die Spie­ler stimmt, ist es okay. Und aus mei­ner Sicht stimmt es. Man soll­te nicht al­les gleich ne­ga­tiv be­ur­tei­len.»

Be­tref­fend die Zu­kunft des Hop­man-Cups ist Fe­de­rer ge­spal­ten. Die Ent­schei­dung, ob Perth ei­ne Sta­ti­on des ATP-Cups oder wei­ter den Mi­xed-Wett­be­werb aus­tra­gen wird, soll erst in ei­ni­gen Wo­chen fal­len. «Ich hat­te in Perth drei tol­le Jah­re mit Be­lin­da Ben­cic, und vor­her auch mit Mar­ti­na (Hin­gis) und Mir­ka», er­klärt er, «für mich ist das Tur­nier der idea­le Sai­son­auf­takt. Ich bin auch ein Fan des Frau­en­ten­nis, schaue ger­ne Par­ti­en der Frau­en und spie­le auch ger­ne Mi­xed-Dop­pel.» Des­halb wür­de es ihm leid­tun, soll­te der Hop­man-Cup dem ATP-Cup wei­chen. «Und soll­te er an ei­nen an­de­ren Ort ver­legt wer­den, wä­re er so­wie­so nicht mehr das Glei­che.»

Be­ein­druckt von der aus­tra­li­schen Tur­nier­sze­ne ist Fe­de­rer al­le­mal. «Die Aus­tra­li­er sind seit lan­gem dar­an, ih­ren ‹Sum­mer of Ten­nis› zu or­ga­ni­sie­ren, und ha­ben in Syd­ney, Bris­bane, Perth und Mel­bourne Su­per­tur­nie­re. Sie sind in­no­va­tiv, das fin­de ich gut. Es ist un­heim­lich, was hier ab­geht.» Den ATP-Cup ha­be es un­ter dem Na­men World Team Cup zu­dem schon in Düs­sel­dorf ge­ge­ben, und da­mals ha­be er nie­man­den ge­stört. «Ich hof­fe ein­fach, dass Perth wei­ter Spit­zen­ten­nis zu se­hen be­kommt, und das dürf­te auch ge­sche­hen.» Ob er dann auch noch da­bei sein wird, ist ei­ne an­de­re Fra­ge.

Fo­to: Rit­chie Ton­go (Keysto­ne)

«Ich spie­le sehr gut mo­men­tan», sagt Ro­ger Fe­de­rer vor der Par­tie ge­gen Ist­o­min.

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