Auf ein­mal ei­ne schö­ne Haut

Lan­ge gab es kaum Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten für die chro­ni­sche Haut­krank­heit. Nun er­zielt ein neu­es Me­di­ka­ment ver­blüf­fen­de Er­fol­ge. Den­noch pro­fi­tie­ren nicht al­le da­von.

Berner Zeitung (Stadt) - - Ma­ga­zin - Andrea Söl­di

Sal­ben, Tink­tu­ren und Bä­der, teer­hal­ti­ge Lo­tio­nen und Zinks­ham­poos: Seit sich Pa­trik Riss er­in­nern kann, war sein Le­ben von Mit­tel­chen und Ku­ren ge­prägt. Be­reits als Ba­by litt der heu­te 34-Jäh­ri­ge an der Haut­krank­heit Pso­ria­sis, im Volks­mund auch Schup­pen­flech­te ge­nannt. Um den Juck­reiz an den schup­pi­gen, ge­rö­te­ten Stel­len et­was zu lin­dern, hat er täg­lich viel Zeit da­mit ver­bracht, sei­ne Haut zu pfle­gen. Doch ge­nützt hat das al­les nur sehr be­grenzt: «Wenn man wach ist, beisst es per­ma­nent», sagt der Mann aus Us­ter. «Es braucht viel Kör­per­be­herr­schung, sich nicht zu krat­zen.» Wenn man es den­noch tut, blu­tet es schnell. Und das wie­der­um er­höht die Ent­zün­dungs­ge­fahr.

«Fast nicht zu glau­ben»

Doch nun sitzt der Mit­ar­bei­ter des Elek­tri­zi­täts­werks Zü­rich ent­spannt da, sein kurz­ärm­li­ges T-Shirt lässt ei­nen Blick auf die Ar­me zu. An den Ell­bo­gen, die noch vor kur­zem von der Krank­heit ge­zeich­net wa­ren, sind kaum noch Spu­ren aus­zu­ma­chen. Seit letz­tem Früh­ling er­hält Riss ein neu­es, hoch­po­ten­tes Me­di­ka­ment, das die Be­schwer­den schon nach kür­zes­ter Zeit fast voll­stän­dig zum Ver­schwin­den ge­bracht hat. Und das oh­ne Ne­ben­wir­kun­gen. «Es ist fast nicht zu glau­ben», sagt Riss strah­lend und zeigt auf sei­nem Smart­pho­ne Bil­der von frü­her: ro­te Fle­cken übe­r­all. Pha­sen­wei­se wa­ren auch die Fin­ger­nä­gel be­trof­fen so­wie die Knie, der Ober­kör­per und die Kopf­haut. Und wenn es ganz schlimm wur­de, be­gan­nen selbst die Ge­len­ke zu schmer­zen. Wie et­wa je­der fünf­te Pso­ria­sis-Be­trof­fe­ne litt Pa­trik Riss spo­ra­disch auch un­ter Ar­thri­tis.

«Ich war stets be­sorgt, dass ich Schup­pen hin­ter­las­sen könn­te, und kon­trol­lier­te mei­ne Er­schei­nung stän­dig im Spie­gel», sagt Riss rück­bli­ckend. Auch für die Be­zie­hung zu sei­ner lang­jäh­ri­gen Freun­din sei die Krank­heit manch­mal be­las­tend ge­we­sen – vor al­lem, wenn die In­tim­ge­gend be­trof­fen war. Als jun­ger Er­wach­se­ner hat­te er pha­sen­wei­se ziem­lich die Na­se voll von der müh­sa­men An­ge­le­gen­heit. «Ich hat­te ein­fach kei­ne Lust mehr, mich stän­dig dar­um zu küm­mern.» Den­noch ha­be er im Gros­sen und Gan­zen ein ziem­lich nor­ma­les Le­ben ge­führt. Von Som­mer­klei­dern oder vom Gang ins Schwimm­bad liess er sich nicht ab­hal­ten. Wenn er in der Schu­le von an­de­ren Kin­dern an­ge­starrt wur­de, er­klär­te er ih­nen, dass sei­ne Aus­schlä­ge nicht an­ste­ckend sei­en.

2000 Fran­ken pro Sprit­ze

Noch ist die in­tak­te Haut un­ge­wohnt für Pa­trik Riss. An­fang des letz­ten Jah­res hat­te er vom neu­en Me­di­ka­ment durch sei­ne Schwes­ter er­fah­ren, die wie der Va­ter eben­falls von Pso­ria­sis be­trof­fen ist. Als er sah, wie gut sie dar­auf re­agier­te, brach­te er das The­ma bei sei­nem Der­ma­to­lo­gen zur Spra­che. Doch ganz so ein­fach ge­stal­te­te sich die Sa­che nicht. Das seit gut drei Jah­ren er­hält­li­che Mit­tel – ein An­ti­kör­per, Heu­te kann Pso­ria­sis-Pa­ti­ent Pa­trik Riss sei­ne Ar­me oh­ne Scham zei­gen.

der ge­spritzt wer­den muss – ist näm­lich sehr teu­er. Und das, ob­wohl es von ver­schie­de­nen Her­stel­lern an­ge­bo­ten wird. Ei­ne üb­li­che Do­sis des No­var­tis-Prä­pa­rats Co­sen­tyx kos­tet zum Bei­spiel rund 1500 Fran­ken und reicht ge­ra­de ein­mal für ei­nen Mo­nat. Die Be­hand­lung kommt so im ers­ten Jahr auf et­wa 26 000 Fran­ken zu ste­hen, in spä­te­ren Jah­ren noch auf 18 500 Fran­ken. Und die Kran­ken­kas­sen zah­len nur, wenn zu­vor min­des­tens ei­ne an­de­re me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie oder ei­ne Be­hand­lung mit ul­tra­vio­let­tem

Bis zu 200 000 Be­trof­fe­ne in der Schweiz

Pso­ria­sis wird auf Deutsch oft als Schup­pen­flech­te be­zeich­net. Der Be­griff ist frei­lich ir­re­füh­rend. Die schub­wei­se ver­lau­fen­de Krank­heit wird nicht von ei­ner Flech­te im bio­lo­gi­schen Sinn ver­ur­sacht, viel­mehr han­delt sich um ei­nen au­to­im­munen Ent­zün­dungs­pro­zess: Das Im­mun­sys­tem greift fälsch­li­cher­wei­se den ei­ge­nen Kör­per an. Im Fall von Pso­ria­sis führt die Ent­zün­dung zu ei­ner Wu­che­rung der Haut­zel­len. Ent­zünd­li­che Bo­ten­stof­fe füh­ren da­zu, dass sich die Haut­zel­len schnel­ler er­neu­ern als üb­lich – da­durch kommt es zu Schup­pen, die sich stän­dig wie­der ab­lö­sen. Am häu­figs­ten tre­ten die

Licht fehl­ge­schla­gen ist.

An­de­re Arz­nei­mit­tel, wel­che bei Pso­ria­sis üb­li­cher­wei­se zum Ein­satz kom­men, kön­nen al­ler­dings star­ke Ne­ben­wir­kun­gen ha­ben. Häu­fig wird Kor­ti­son ver­ab­reicht; dies kann zu Blut­hoch­druck, Zu­cker­krank­heit, Voll­mond­ge­sicht und Mus­kel­schwä­che füh­ren. An­de­re Me­di­ka­men­te ver­ur­sa­chen oft auch Übel­keit, Bauch­schmer­zen und wei­te­re Be­schwer­den und schä­di­gen lang­fris­tig Le­ber und Nie­re. Zum Ein­satz kom­men fer­ner

ge­rö­te­ten, ju­cken­den Stel­len an den Ell­bo­gen auf, aber auch an den Kni­en, auf der Kopf­haut, hin­ter den Oh­ren und in der Anal­fal­te. Es gibt ver­schie­de­ne For­men und Au­s­prä­gun­gen von Pso­ria­sis. Wäh­rend man­che Be­trof­fe­ne nur ei­ni­ge klei­ne­re, leicht ge­rö­te­te Stel­len auf­wei­sen, tre­ten bei an­de­ren gross­flä­chi­ge Aus­schlä­ge auf. Ge­mäss Ex­per­ten gibt es in der Schweiz 150 000 bis 200 000 Be­trof­fe­ne. Bei rund je­dem Fünf­ten ent­zün­den sich im Lauf der Jah­re auch die Ge­len­ke, man spricht dann von ei­ner «Pso­ria­sis-Ar­thri­tis».

Die Ur­sa­chen der Pso­ria­sis sind nicht end­gül­tig ge­klärt. Ei­ne Mit­tel, die das Im­mun­sys­tem un­ter­drü­cken und da­durch aber auch die Re­sis­tenz ge­gen an­de­re Krank­hei­ten her­ab­set­zen. Die Wirk­sam­keit all die­ser her­kömm­li­chen Mit­tel ist zu­dem durch­zo­gen.

Nur für aus­ge­wähl­te Fäl­le

Da­mit Pa­ti­en­ten von den neu­en, bes­ser ver­träg­li­chen Me­di­ka­men­ten pro­fi­tie­ren kön­nen, müs­sen Ärz­te den Kran­ken­kas­sen ei­nen An­trag auf Fi­nan­zie­rung stel­len und die Sym­pto­me in ei­nem aus­führ­li­chen Be­richt Ver­an­la­gung wird oft ver­erbt. Die Schü­be kön­nen dar­auf von di­ver­sen Fak­to­ren wie et­wa In­fek­ti­ons­krank­hei­ten, Me­di­ka­men­ten, Hau­t­rei­zun­gen oder Stress aus­ge­löst wer­den. Im Herbst/Win­ter ist der Lei­dens­druck meist grös­ser; die Grün­de da­für sind aber nicht ge­klärt. Frü­her wur­de Pso­ria­sis wohl auch häu­fig mit Le­pra ver­wech­selt. Aus Angst vor An­ste­ckung wur­den Be­trof­fe­ne aus der Ge­mein­schaft aus­ge­schlos­sen. Heu­te weiss man, dass die Krank­heit nicht über­trag­bar ist.

In­fos und Be­ra­tung: Schwei­ze­ri­sche Pso­ria­sis- und Vi­ti­li­goGe­sell­schaft (www.spvg.ch). dar­le­gen. Da­bei neh­men sie den in­ter­na­tio­nal gül­ti­gen Pa­si-Sco­re (Pso­ria­sis Area and Se­ve­ri­ty In­dex) zu Hil­fe, mit dem die pro­zen­tu­al be­trof­fe­ne Haut­flä­che so­wie Far­be, Di­cke und Schup­pen­bil­dung ob­jek­tiv ein­ge­schätzt wer­den kön­nen. Zu­dem wird der sub­jek­ti­ve Lei­dens­druck an­hand ei­nes Fra­ge­bo­gens ein­ge­schätzt. Kri­te­ri­en da­bei sind Juck­reiz, Schmer­zen, Ein­schrän­kun­gen und all­ge­mei­nes Be­fin­den. Ab ei­nem be­stimm­ten Schwe­re­grad ha­ben Pa­ti­en­ten An­spruch auf ei­ne Be­hand­lung.

Lang­zeit­er­fah­run­gen feh­len

«Der ho­he Preis steht ei­nem sehr gros­sen Nut­zen ge­gen­über», sagt In­go Haa­se, Der­ma­to­lo­ge in der Pra­xis am Glatt­park im zür­che­ri­schen Op­fi­kon. Die Le­bens­qua­li­tät von Men­schen mit mit­tel­star­ker bis schwe­rer Pso­ria­sis sei deut­lich ein­ge­schränkt. Part­ner­schafts­pro­ble­me und De­pres­sio­nen sei­en ty­pi­sche Be­gleit­erschei­nun­gen. Kommt es zu­sätz­lich zu ei­ner pso­ria­ti­schen Ar­thri­tis, neh­men auch die Ge­len­ke Scha­den. Und die stän­di­ge Ent­zün­dung der Haut stei­gert das Ri­si­ko für Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen wie Schlag­an­fäl­le und Herz­in­fark­te.

Es sei aber nicht so, dass al­le Be­trof­fe­nen die Ver­schrei­bung der neu­en Me­di­ka­men­te for­der­ten, weiss Haa­se. «Vie­le sind skep­tisch, weil die Er­fah­run­gen noch kei­ne lan­gen Zei­t­räu­me um­fas­sen.» Auch man­che ärzt­li­che Kol­le­gen sei­en noch zu­rück­hal­tend mit dem Ver­schrei­ben. Haa­se sel­ber aber macht bei sei­nen Pa­ti­en­ten durch­wegs gu­te Er­fah­run­gen. Es hand­le sich um ei­nen neu­en Wirk­me­cha­nis­mus, der in die Ent­ste­hung der Krank­heit ein­grei­fe, er­klärt der Haut­arzt. Die Wirk­stof­fe bin­den die Bo­ten­stof­fe im Im­mun­sys­tem, die bei der Bil­dung von Pso­ria­sis ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Be­han­del­te sind zwar et­was an­fäl­li­ger auf In­fek­ti­ons­krank­hei­ten, ver­tra­gen das Me­di­ka­ment sonst aber meist sehr gut. Ge­mäss Stu­di­en wur­de bei fast 80 Pro­zent der Be­han­del­ten ei­ne mar­kan­te Ver­bes­se­rung er­zielt. Es be­ste­hen so­gar Hoff­nun­gen, dass nach ei­ner ge­wis­sen Be­hand­lungs­dau­er ei­ne voll­stän­di­ge Hei­lung ein­tritt und die Me­di­ka­men­te ab­ge­setzt wer­den kön­nen. «Die dies­be­züg­li­chen Stu­di­en sind noch nicht ab­ge­schlos­sen», sagt In­go Haa­se. «Aber es kann gut sein, dass das Im­mun­sys­tem wäh­rend der Be­hand­lung lernt.»

Preis dürf­te sin­ken

Bei den meis­ten Me­di­ka­men­ten, die an­fangs sehr teu­er sind, sin­ken die Prei­se spä­ter. Häu­fig ver­han­delt das Bun­des­amt für Ge­sund­heit (BAG) mit der Her­stel­ler­fir­ma und kann sie zu Re­duk­tio­nen bewegen. Ob bei der neu­en Pso­ria­sis-The­ra­pie sol­che Ge­sprä­che lau­fen, woll­te das BAG nicht mit­tei­len. Spä­tes­tens wenn der Pa­tent­schutz ab­ge­lau­fen ist, wer­den Me­di­ka­men­te aber güns­ti­ger. Bei Co­sen­tyx wird dies frü­hes­tens 2030 der Fall sein.

Pa­trik Riss ist je­doch schon heu­te si­cher, dass sich die neue The­ra­pie für ihn lohnt: «Mei­ne Le­bens­qua­li­tät hat sich enorm ver­bes­sert.» Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor Tho­mas Roth tat bei sei­nem Werk ei­nen küh­nen Griff ins Ar­chiv. Dies, in­dem er für die «Tat­ort»-Fol­ge «Wah­re Lü­gen» die tat­säch­li­chen Er­eig­nis­se rund um den mys­te­riö­sen Tod des frü­he­ren ös­ter­rei­chi­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters Karl Lüt­gen­dorf ver­wen­de­te und da­mit der Ge­schich­te ei­nen his­to­risch-po­li­ti­schen An­strich ver­pass­te.

Der ho­he Po­li­ti­ker war En­de der Sieb­zi­ger­jah­re ver­däch­tigt wor­den, in il­le­ga­le Waf­fen­ge­schäf­te ver­wi­ckelt zu sein. Im Ok­to­ber 1981 wur­de er in sei­nem Au­to tot auf­ge­fun­den – er­schos­sen. Die Be­hör­den gin­gen da­mals von ei­nem Selbst­mord aus. Rest­los auf­ge­klärt ist die­ser Fall je­doch bis heu­te nicht.

«An­ge­sichts die­ser An­ord­nung rutsch­te mir der Aus­druck ‹Dum­me Gans› her­aus.»

So viel zur Rea­li­tät. Im Film sa­hen Kri­mi­fans, wie ei­ne in­ves­ti­ga­ti­ve Jour­na­lis­tin tot auf­ge­fun­den wur­de. Er­schos­sen und in ih­rem Au­to im idyl­li­schen Wolf­gang­see ver­senkt. Auf ih­rer Su­che nach der Tä­ter­schaft fan­den Kom­mis­sar Mo­ritz Eis­ner (Ha­rald Krass­nit­zer) und sei­ne Kol­le­gin Bi­bi Fell­ner (Ade­le Neu­hau­ser) rasch ein­mal her­aus, dass die Jour­na­lis­tin il­le­ga­len Waf­fen­ge­schäf­ten auf der Spur war und sich da­bei auch für den Fall Lüt­gen­dorf in­ter­es­siert hat­te.

Of­fen­bar war das nicht übe­r­all gut an­ge­kom­men. Mich da­ge­gen über­zeug­ten die bei­den Kom­mis­sa­re, die sich in den Streit­ge­sprä­chen we­der von der ar­ro­gan­ten Di­rek­to­rin noch von ih­rem bla­sier­ten und selbst­herr­lich auf­tre­ten­den Se­kre­tär ein­schüch­tern lies­sen. Vom ho­hen Ross her­un­ter for­der­te die Di­rek­to­rin die Kom­mis­sa­re im In­ter­es­se der Staats­si­cher­heit auf, le­dig­lich den Tod der Jour­na­lis­tin zu klä­ren, kei­ne Er­mitt­lun­gen zum Fall Lüt­gen­dorf an­zu­stel­len oder Nach­for­schun­gen zu tä­ti­gen.

An­ge­sichts die­ser An­ord­nung rutsch­te mir spon­tan der Aus­druck «dum­me Gans» her­aus. Hin­ter­her war mir be­wusst ge­wor­den, dass sich das Fe­der­vieh durch mei­nen in­tui­ti­ven Ge­fühls­aus­bruch be­lei­digt füh­len könn­te. Dies auch aus Sicht ei­ni­ger Tier­schüt­zer. Al­so ha­be ich mich im In­ter­es­se der in­ne­ren Si­cher­heit im Ge­hei­men für mei­nen ver­ba­len Fehl­tritt ent­schul­digt – aber nur bei der Gans.

Jürg Mo­si­mann

Fo­to: Do­mi­ni­que Mei­en­berg

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