Ge­richt prüft mil­dern­de Um­stän­de

Der zwei­te Tag en­de­te mit ei­ner Über­ra­schung. Das Be­zirks­ge­richt will mil­de­re Tat­be­ur­tei­lun­gen in Be­tracht zie­hen.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Tho­mas Has­ler

Ut­zi­gen/Bülach Ha­ben sich das Ber­ner Ehepaar und der So­lo­thur­ner Ga­ra­gist, die sich in dem Mord­fall Bop­pel­sen ver­ant­wor­ten müs­sen, gar nicht des Mor­des, son­dern nur der vor­sätz­li­chen Tö­tung schul­dig ge­macht? Und sind die Frau des Haupt­tä­ters und der Ga­ra­gist nicht Mit­tä­ter, son­dern nur Ge­hil­fen? Am En­de des Be­weis­ver­fah­rens kün­dig­te das Be­zirks­ge­richt Bülach ges­tern an, die An­kla­ge ge­gen die Be­schul­dig­ten un­ter die­sen mil­de­ren Ge­sichts­punk­ten zu prü­fen. Die Pro­zess­par­tei­en sol­len in ih­ren Plä­doy­ers, die am kom­men­den Mon­tag be­gin­nen, da­zu Stel­lung neh­men.

Für die Au­f­ar­bei­tung des Fal­les sind vier Ta­ge ge­plant. Das von der Staats­an­walt­schaft vor­ge­leg­te Be­weis­ma­te­ri­al um­fasst 55 Ord­ner.

Dass hier am Be­zirks­ge­richt Bülach ein aus­ser­ge­wöhn­li­cher Fall ver­han­delt wird, lässt sich an vie­len Be­son­der­hei­ten ab­le­sen, die selbst in an­de­ren Mord­pro­zes­sen al­les an­de­re als all­täg­lich sind. So ist der Zu­tritt in den ers­ten Stock nur je­nen Per­so­nen ge­stat­tet, die ei­ne schrift­li­che Be­wil­li­gung des Ge­richts ha­ben. Im Ge­richts­saal sel­ber sit­zen sie­ben be­waff­ne­te Po­li­zei­be­am­te.

55 Ord­ner mit Ma­te­ri­al

Für die Au­f­ar­bei­tung des Fal­les sind vier Ta­ge ge­plant. Das von der Staats­an­walt­schaft vor­ge­leg­te Be­weis­ma­te­ri­al um­fasst 55 Ord­ner. Und dass es viel zu sa­gen gibt, zeigt sich im sel­te­nen Um­stand, dass die An­kla­ge­be­hör­de, in die­sem Fall Staats­an­wäl­tin Co­rin­ne Kauf, ein Plä­doy­er von vier St­un­den hal­ten will.

Die zwei Ge­schä­dig­ten­ver­tre­ter und die drei Ver­tei­di­ger ha­ben Vor­trä­ge von ins­ge­samt neun bis elf St­un­den in Aus­sicht ge­stellt. An­de­rer­seits spreng­ten auch die de­tail­lier­ten Be­fra­gun­gen der drei Be­schul­dig­ten den Rah­men des Üb­li­chen.

Fest steht nach zwei Ver­hand­lungs­ta­gen nur ei­nes: Der heu­te 29­jäh­ri­ge Schwei­zer Tho­mas K. hat im Fe­bru­ar 2016 ei­nen 25­jäh­ri­gen Ser­ben und nur fünf­ein­halb Wo­chen spä­ter ei­nen 36­jäh­ri­gen Schwei­zer Last­wa­gen­be­sit­zer ge­tö­tet – bei­de im Haus sei­ner Fa­mi­lie in Ut­zi­gen. In bei­den Fäl­len ver­schloss er mit Kle­be­band die Atem­we­ge sei­ner Op­fer, so­dass die­se, wie es in der An­kla­ge­schrift heisst, «bei vol­lem Be­wusst­sein lang­sam und qual­voll er­stick­ten».

«Wür­de es ger­ne glau­ben»

Um­strit­ten ist, war­um der Ber­ner, der mit sei­ner Trans­port­fir­ma plei­te war, die Män­ner um­brach­te. Ging es ihm im Fall des Ser­ben dar­um, an Geld und Dro­gen zu kom­men, und im Fall des Trans­port­un­ter­neh­mers um des­sen Last­wa­gen, den er klau­en und für gu­tes Geld ver­scher­beln woll­te? Dies ist die Über­zeu­gung der An­kla­ge.

Oder han­del­te er im Auf­trag der ser­bi­schen Ma­fia, der er an­schei­nend ein Vermögen schul­de­te und die ihn vor die Al­ter­na­ti­ve stell­te, zum Tä­ter zu wer­den oder – im Wei­ge­rungs­fall – sel­ber das Op­fer ei­nes Tö­tungs­de­likts zu wer­den?

Un­klar oder um­strit­ten ist fer­ner die Fra­ge, wel­chen An­teil die Ehe­frau von Tho­mas K. und sein einst­mals bester Freund, Mar­kus N., an den di­ver­sen Straf­ta­ten von Tho­mas K. hat­ten. Von der Ma­fia­Theo­rie hiel­ten bei­de nichts. Ges­tern dop­pel­te K.s Ehe­frau nach: «Ich wür­de es ger­ne glau­ben», sie tue es aber nicht.

Die bei­den Be­schul­dig­ten konn­ten ei­ne Be­tei­li­gung am Ge­sche­hen, das schliess­lich zum To­de der bei­den Män­ner führ­te, nicht grund­sätz­lich ab­strei­ten. In der um­fang­rei­chen An­kla­ge­schrift wird den bei­den nicht vor­ge­wor­fen, sie sei­en bei der Tö­tung di­rekt be­tei­ligt oder auch nur an­we­send ge­we­sen.

«Ich wä­re nicht mit­ge­gan­gen, wenn ich ge­wusst hät­te, dass Ge­walt an­ge­wen­det wird», sag­te der 36­jäh­ri­ge Mar­kus N. Die Ehe­frau von K., die wäh­rend ih­rer Be­fra­gung im­mer wie­der in Trä­nen aus­brach und ih­ren NochEhe­mann kon­se­quent «Herr K.» nann­te, sag­te: «Ich ha­be ein­fach ge­tan, was man mir sag­te.» Und kei­ne Fra­gen ge­stellt.

Sie ver­ste­he bis heu­te nicht, war­um der Last­wa­gen­be­sit­zer ha­be ster­ben müs­sen. Ihr Mann ha­be Mo­na­te vor­her im Zu­sam­men­hang mit ei­nem Last­wa­gen ei­nen an­de­ren Un­ter­neh­mer übers Ohr ge­hau­en – und zwar oh­ne dass Ge­walt an­ge­wen­det wor­den wä­re. Zum Tod des 25­jäh­ri­gen Ser­ben im Fe­bru­ar 2016 in Ut­zi­gen gab es neue De­tails. Bei den strit­ti­gen 40 000 Fran­ken soll es sich um Geld ge­han­delt ha­ben, das Tho­mas K. dem 25­Jäh­ri­gen gab, da­mit die­ser Dro­gen be­schaf­fe. Weil das Geld aber ver­schwand und es kei­ne Dro­gen gab, wur­de der Ser­be un­ter ei­nem Vor­wand in die Woh­nung der K.s ge­lockt, dort über Nacht ge­fes­selt und nach dem Ver­bleib des Gel­des oder der Dro­gen ge­fragt. Der Mann blieb die Antwort schul­dig. Und muss­te ster­ben.

Plä­doy­ers erst am Mon­tag

Zum Schluss des zwei­ten Pro­zess­ta­ges gab das Ge­richt den Be­schul­dig­ten die Ge­le­gen­heit, zu den Aus­sa­gen der Mit­be­schul­dig­ten Stel­lung zu neh­men. Mar­kus N., der einst glaub­te, in Tho­mas K. «ei­nen gu­ten Freund ge­fun­den» zu ha­ben, sagt an ihn ge­rich­tet, er sol­le an die­ser Haupt­ver­hand­lung «end­lich» die Ge­le­gen­heit nut­zen, «sei­ne wah­ren Be­weg­grün­de zu of­fen­ba­ren» und da­zu zu ste­hen, dass er «Scheis­se ge­baut» ha­be.

Be­vor sich das Ge­richt am kom­men­den Mon­tag die Plä­doy­ers an­hö­ren wird, sorg­te es noch für ei­ne Über­ra­schung. Es for­der­te die Par­tei­en auf, in ih­ren Plä­doy­ers un­ter an­de­rem auch die Fra­ge zu be­han­deln, ob es sich bei den bei­den Tö­tun­gen nicht um mehr­fa­chen Mord, son­dern um mehr­fa­che vor­sätz­li­che Tö­tung han­delt. Und dass die Ehe­frau und Mar­kus N. nicht Mit­tä­ter, son­dern le­dig­lich Ge­hil­fen wa­ren. Wür­de das Ge­richt im Ur­teil da­von aus­ge­hen, hät­te dies ei­nen mas­si­ven Ein­fluss auf die Hö­he der Stra­fe.

«Ich wä­re nicht mit­ge­gan­gen, wenn ich ge­wusst hät­te, dass Ge­walt an­ge­wen­det wird.» Mar­kus N., ehe­mals bester Freund

«Ich ha­be ein­fach ge­tan, was man mir sag­te.» Ehe­frau von Tho­mas K.

Il­lus­tra­ti­on: Ro­bert Ho­negger

Das Ge­richt be­frag­te Mar­kus N. (2.v.r.) und (l.) die Ehe­frau des Haupt­be­schul­dig­ten.

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