Bund kann On­li­neCa­si­nos nicht sper­ren

Über 100 aus­län­di­sche On­li­neca­si­nos soll­ten aus der Schweiz nicht mehr er­reich­bar sein. Doch die Netz­sper­ren er­wei­sen sich als löch­rig wie Em­men­ta­ler Kä­se.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Fa­bi­an Fell­mann

Glücksspie­l Die Netz­sper­ren ge­gen aus­län­di­sche Pi­ra­ten­ca­si­nos er­wei­sen sich als lü­cken­haft. Sie soll­ten seit ges­tern Abend den Zu­griff auf il­le­ga­le Glücks­spiel­an­ge­bo­te ver­hin­dern, wel­che die Auf­sichts­be­hör­den vor ei­ner Wo­che auf Sperr­lis­ten ein­ge­tra­gen hat­ten. Doch selbst von Com­pu­tern der Bun­des­ver­wal­tung wa­ren die Pi­ra­ten­ca­si­nos ges­tern noch er­reich­bar. Ein Spre­cher des Bun­des­amts für In­for­ma­tik und Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on (BIT) teilt da­zu mit, das Amt wer­de die Sperr­lis­ten «in den nächs­ten Wo­chen eben­falls im­ple­men­tie­ren». Da­für wä­ren die In­ter­net­an­bie­ter des BIT zu­stän­dig, doch hat das Amt ei­ne mög­li­che tech­ni­sche Lü­cke ge­or­tet. Bei wei­te­ren In­ter­net­an­bie­tern funk­tio­nie­ren die Sper­ren nur teil­wei­se.

Ab so­fort soll­te der Schwei­zer Be­völ­ke­rung der Zu­gang zu über 100 In­ter­net­adres­sen aus­län­di­scher On­li­neca­si­nos ver­wehrt sein: Die In­ter­net­pro­vi­der müss­ten die Kun­den auf ei­ne Warn­sei­te der Eid­ge­nös­si­schen Spiel­ban­ken­kom­mis­si­on und der in­ter­kan­to­na­len Lot­te­rie­be­hör­de Com­lot um­lei­ten. Die bei­den Auf­sichts­or­ga­ne ha­ben vor ei­ner Wo­che Sperr­lis­ten mit 39 Ca­si­nos und 65 Wett­por­ta­len ver­öf­fent­licht, die il­le­gal in der Schweiz On­li­ne­glücks­spie­le an­bie­ten. Ges­tern Abend ist die Frist zur Um­set­zung der Netz­sper­ren ab­ge­lau­fen.

Doch so­gar der Bund selbst be­kun­det Mü­he, die Sper­ren in den ei­ge­nen Net­zen recht­zei­tig durch­zu­set­zen. Ges­tern funk­tio­nier­te im Me­di­en­zen­trum des Bun­des­hau­ses der Zu­griff auf die il­le­ga­len Sei­ten wei­ter­hin. In dem Ge­bäu­de ar­bei­tet das Gros der Bun­des­haus­jour­na­lis­ten, den In­ter­net­zu­gang stellt das Bun­des­amt für In­for­ma­tik und Tech­no­lo­gie (BIT) zur Ver­fü­gung. Dort heisst es, das Amt sei vom Ge­setz nicht di­rekt be­trof­fen und selbst nicht ver­pflich­tet, die Netz­sper­ren an­zu­wen­den. Viel­mehr wä­ren die In­ter­net­an­bie­ter des Bun­des­amts zu­stän­dig.

Ges­tern wa­ren aus­län­di­sche On­li­neca­si­nos wei­ter­hin über meh­re­re Pro­vi­der zu­gäng­lich.

Bun­des­amt will ei­ge­ne Sper­ren ein­füh­ren

Laut BIT-Spre­cher Da­ni­el Wun­der­lin ist es je­doch «denk­bar», dass die Zu­sam­men­ar­beit des BIT mit an­de­ren Netz­wer­ken da­zu füh­re, dass die Sper­ren un­wirk­sam wer­den. Ver­ant­wort­lich da­für wä­re das «Pee­ring», das Zu­sam­men­schal­ten von Netz­wer­ken. «Auf­grund des Pee­rings wer­den wir die Sperr­lis­ten bei uns in den nächs­ten Wo­chen eben­falls im­ple­men­tie­ren, ob­wohl wir kei­ne ge­setz­li­che Ver­pflich­tung da­zu ha­ben», sagt Wun­der­lin. Die Netz­sper­ren sind aber auch längst noch nicht bei al­len In­ter­net­pro­vi­dern für Pri­vat­kun­den ak­tiv. Die grossen An­bie­ter schei­nen das zwar erledigt zu ha­ben, doch wa­ren ges­tern aus­län­di­sche On­li­neca­si­nos wei­ter­hin über meh­re­re Pro­vi­der zu­gäng­lich. Teil­wei­se wer­den An­fra­gen auf die Warn­sei­te der Be­hör­den um­ge­lei­tet, so bei In­ter­wet­ten.com; mit vor­an­ge­stell­tem «www» hin­ge­gen lädt die Sei­te wei­ter­hin. Über­dies wur­de die­se Wo­che be­kannt, dass die Netz­sper­ren in der heu­ti­gen Form be­reits in we­ni­gen Mo­na­ten tech­nisch über­holt sein dürf­ten. Am Mon­tag hat der Her­stel­ler des In­ter­net­brow­sers Fi­re­fox an­ge­kün­digt, ab Sep­tem­ber in den USA ei­ne neue Stan­dard­ein­stel­lung zu tes­ten, die spä­ter welt­weit ak­ti­viert wer­den soll. In Zu­kunft wird Fi­re­fox die Auf­ru­fe von In­ter­net­sei­ten ver­schlüs­seln und di­rekt via den US-An­bie­ter Cloud­fla­re ab­wi­ckeln, wo­mit die Schwei­zer Netz­sper­ren au­to­ma­tisch um­gan­gen wer­den. Fi­re­fox hat in der Schweiz nur ei­nen Markt­an­teil von rund 10 Pro­zent, doch prü­fen die Ent­wick­ler an­de­rer In­ter­net­brow­ser ähn­li­che Funk­tio­nen. Zu­dem ist es heu­te schon mög­lich, die Netz­sper­ren ganz ein­fach aus­zu­trick­sen.

Die Pro­ble­me be­stär­ken Kri­ti­ker des Geld­spiel­ge­set­zes. Der Zürcher An­walt Mar­tin Stei­ger sagt: «Es ist ein wei­te­res Schei­tern des Bun­des an der Di­gi­ta­li­sie­rung.» Nebst er­heb­li­chen Schwie­rig­kei­ten auf der tech­ni­schen Sei­te be­män­gelt er auch Un­klar­hei­ten im Ver­fah­ren, wenn In­ter­net­pro­vi­der oder be­trof­fe­ne Web­site-Be­trei­ber Be­schwer­de füh­ren wol­len. «Der rechts­staat­li­che Ablauf zur Um­set­zung die­ser Netz­sper­ren ist un­ge­nü­gend», sagt Stei­ger.

In­ter­net­an­bie­ter prüft Gang vor die Rich­ter

Die­ser An­sicht ist auch Fre­dy Künz­ler, Chef des An­bie­ters Init7 und SP-Stadt­par­la­men­ta­ri­er in Win­ter­thur: «Wir ha­ben von den Auf­sichts­be­hör­den bis­her kei­ne Ver­fü­gung er­hal­ten, wo­nach wir die Netz­sper­ren um­set­zen müss­ten, al­so un­ter­neh­men wir vor­erst auch nichts.» Künz­ler be­män­gelt ei­ne «mas­si­ve Rechts­un­gleich­heit», weil Schwei­zer In­ter­net­pro­vi­der die Netz­sper­ren in ih­re DNS-Ser­ver, ei­ne Art Te­le­fon­buch des In­ter­nets, ein­pfle­gen müs­sen, «wäh­rend zum Bei­spiel Goog­le und Cloud­fla­re mit ih­ren Ser­vern ein­fach in Ru­he ge­las­sen wer­den». Er prüft dar­um ei­nen Gang vor die Rich­ter: «Die­se un­taug­li­chen Sperr­lis­ten brau­chen aus netz­po­li­ti­scher Sicht ei­ne ge­richt­li­che Beur­tei­lung.»

Auch der St. Gal­ler An­walt Si­mon Plan­zer sieht An­halts­punk­te da­für, dass be­reits ein Katz-und-Maus-Spiel zwi­schen Schwei­zer Be­hör­den und aus­län­di­schen On­li­neca­si­nos läuft: Von ei­ni­gen Web­sites wur­den von Spiel­ban­ken- oder Lot­te­rie­kom­mis­si­on be­reits Dut­zen­de Va­ri­an­ten ge­sperrt.

«Die zwei Sperr­lis­ten stel­len kei­ne ab­schlies­sen­den Lis­ten von aus­län­di­schen Ca­si­no­sei­ten dar und wer­den das auch nie sein kön­nen», sagt Plan­zer. «Es ist für die Be­hör­den schlicht nicht mög­lich, al­le zu er­fas­sen, was man auch im eu­ro­päi­schen Um­feld bes­tens be­ob­ach­ten kann.»

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