Sie trot­zen dem Hass

Or­ga­ni­sier­ter Hass im In­ter­net? Den gibt es auch in der Schweiz. Doch nun for­miert sich die Ge­gen­sei­te. Mit Tref­fen und Tech­nik. Ein Au­gen­schein in Bern.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Ma­ri­na Bolz­li

Hass­kom­men­ta­re auf News­por­ta­len und in den so­zia­len Me­di­en sind kein fer­nes Phä­no­men aus den USA – auch in der Schweiz sind sie weit­ver­brei­tet. Nun formt sich Wi­der­stand ge­gen Dis­kri­mi­nie­rung und Be­lei­di­gun­gen im Netz: Die Frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on Al­li­an­ce F hat das Pro­jekt «Stop Ha­te­speech» ins Le­ben ge­ru­fen. An ei­nem Work­shop in Bern bie­ten die Teil­neh­men­den dem Hass die Stirn: Sie re­agie­ren mit sach­li­chen Kom­men­ta­ren auf Het­ze und mel­den pro­ble­ma­ti­sche In­hal­te. Zu­dem sol­len tech­ni­sche Hilfs­mit­tel zu­künf­tig da­bei hel­fen, Hass­kom­men­ta­re zu er­ken­nen. Zu die­sem Zweck trai­niert die Com­mu­ni­ty ei­nen Al­go­rith­mus, so­dass er «Hass­re­de» im­mer zu­ver­läs­si­ger er­kennt. Das Pro­jekt rich­te sich an «die gan­ze an­stän­di­ge Zi­vil­ge­sell­schaft», er­klärt So­phie Acher­mann, Ge­schäfts­füh­re­rin von Al­li­an­ce F, man wol­le Men­schen je­den Al­ters und ver­schie­de­ner Her­kunft ins Boot ho­len. Bis­her ha­ben sich 400 Per­so­nen auf der Platt­form ein­ge­schrie­ben.

Nach zwei St­un­den Theo­rie fol­gen Ta­ten. Ni­co­las, in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bran­che tä­tig und jung, re­agiert auf den se­xis­ti­schen Ver­merk ei­nes ge­wis­sen «Gr­ö­fu1». Der hat auf der Web­site ei­ner On­li­ne­zei­tung ei­nen Ar­ti­kel zum Frau­en­streik kom­men­tiert. Ni­co­las er­wi­dert: «Zum Glück wa­ren bis jetzt Män­ner an der Macht. Es war ein fried­li­ches Jahr­hun­dert. Iro­nie off.» He­le­ne, pen­sio­nier­te Jour­na­lis­tin und nicht auf den Mund ge­fal­len, tut das­sel­be in an­de­ren Wor­ten. Orches­trier­te Ge­gen­re­de. «Gleich­be­rech­ti­gung ist für Män­ner auch ei­ne Chan­ce. Vä­ter be­kom­men zum Bei­spiel in Zu­kunft zwei Wo­chen Pa­pi­zeit. Da­für ha­ben sich vor al­lem Frau­en ein­ge­setzt», schreibt sie und ern­tet an­er­ken­nen­des Lob in der Run­de.

Zwei Hand­voll Leu­te ha­ben sich an die­sem trü­ben Abend in ei­nem Se­mi­nar­raum an der Uni­ver­si­tät Bern ein­ge­fun­den. Vier Män­ner, sechs Frau­en. Al­le eher städ­tisch an­ge­haucht, ver­mut­lich Mit­te-links-wäh­len­de. Sie al­le neh­men an ei­nem Work­shop zum The­ma Ge­gen­re­de teil. Sie al­le wol­len nicht wei­ter dul­den, dass in den Kom­men­tar­spal­ten von so­zia­len Me­di­en und Web­sites von Zei­tun­gen vie­le be­lei­di­gen­de Kom­men­ta­re zu fin­den sind. Sie wol­len Ge­gen­steu­er ge­ben.

Ein­ge­la­den hat das Pro­jekt Stop Ha­te Speech. An­fang Jahr wur­de es lan­ciert vom Frau­en­dach­ver­band Al­li­an­ce F, ge­dacht ist es für al­le, «die kei­ne un­an­stän­di­gen Be­mer­kun­gen im In­ter­net wol­len», sagt So­phie Acher­mann. «Wir wün­schen uns ein In­ter­net, in dem man Zi­vil­cou­ra­ge zeigt und sich ein­setzt ge­gen je­de Art von Hass und Ge­walt.» Die 26-Jäh­ri­ge ist Co-pro­jekt­lei­te­rin und Ge­schäfts­füh­re­rin von Al­li­an­ce F. Sie be­schäf­tigt sich seit lan­gem mit Hass im Netz. Be­reits vor fünf Jah­ren, als Ju­gend­de­le­gier­te bei der UNO, hat sie die­ses The­ma ein­ge­bracht. Auf dass jun­ge Men­schen, die nie et­was an­de­res als ein Le­ben mit In­ter­net ge­kannt hät­ten, «nicht das Ge­fühl ha­ben, dass die Schweiz zu 90 Pro­zent aus un­an­stän­di­gen Leu­ten be­steht».

Spür­hund für Hass­re­den

Ist es denn wirk­lich so schlimm? So schlimm wie in den USA, wo Trol­le die Wah­len be­ein­flusst ha­ben sol­len? So schlimm wie in Deutsch­land, wo sich Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten im In­ter­net ver­sam­meln, um mit ge­ball­ter Kraft je­man­den fer­tig­zu­ma­chen? «Ich den­ke nicht. In der Schweiz ha­ben wir ein ganz an­de­res de­mo­kra­ti­sches Sys­tem, Po­li­tik be­ruht we­ni­ger auf Re­gie­rung und Op­po­si­ti­on», sagt Acher­mann. Doch bis­her ha­be man die Trol­le igno­riert. Ha­be die­sen Men­schen, die mit ih­ren Be­mer­kun­gen im In­ter­net auf die emo­tio­na­le Pro­vo­ka­ti­on an­de­rer zie­len, in den Kom­men­tar­spal­ten gros­ser Zei­tun­gen und auf Platt­for­men wie Face­book das Feld über­las­sen. Or­ga­ni­sier­te Ge­gen­re­de ha­be es nur im Rah­men von ein­zel­nen Ab­stim­mun­gen ge­ge­ben, zum Bei­spiel bei der No-bil­la­gini­ta­ti­ve. Und jetzt? «Die Fra­ge ist doch: Ist das In­ter­net für die gan­ze Ge­sell­schaft oder nur für die häs­si­gen drei Pro­zent?», reicht Acher­mann die Fra­ge zu­rück.

Stop Ha­te Speech be­schränkt sich nicht auf das Ver­an­stal­ten von Work­shops. Das Pro­jekt setzt vor al­lem auf Tech­nik. Ein Al­go­rith­mus soll Hass­re­de im In­ter­net fin­den. Acher­mann er­klärt ihn so: «Man kann sich den Al­go­rith­mus als ei­ne Art Hünd­chen vor­stel­len. Es wird trai­niert von der Ge­mein­schaft, die sich ge­gen Hass­re­de ein­set­zen will. Das Hünd­chen lernt, Hass­re­den zu er­ken­nen, bringt sie zu­rück zur Ge­mein­schaft, und die kann ent­schei­den, in­dem sie wie auf Tin­der links oder rechts wischt: Ist es Hass­re­de? Ist es kei­ne? So lernt das Hünd­chen und er­schnüf­felt Hass­kom­men­ta­re im­mer zu­ver­läs­si­ger. Und die Hass­re­den kön­nen von der Ge­mein­schaft ge­gen­kom­men­tiert wer­den.» Im nächs­ten Früh­ling soll die Web­site on­line ge­hen.

Und bis da­hin? Wird die Ge­mein­schaft auf­ge­baut. «Mög­lichst breit», sagt Acher­mann. Man wol­le Land­be­woh­ner, Städ­te­rin­nen, Jun­ge, Al­te, Kon­ser­va­ti­ve und Pro­gres­si­ve. «Die gan­ze an­stän­di­ge Zi­vil­ge­sell­schaft», wie Acher­mann be­tont. Bis­her ha­ben sich et­wa vier­hun­dert Per­so­nen auf der Platt­form ein­ge­schrie­ben. Am Work­shop in Bern ist nur ei­ne ein­stel­li­ge Pro­zent­zahl da­von an­we­send. Doch Acher­mann und Work­shop­lei­ter

Sa­sha Ro­sen­stein sind zu­frie­den. «Es ist ein On­line­pro­jekt, für das wir bis­her kei­ne Wer­bung ge­macht ha­ben», sagt Acher­mann, «off­line ma­chen na­tür­lich we­ni­ger Leu­te mit. Und zu­dem be­steht die Ge­mein­schaft aus Leu­ten aus der gan­zen Schweiz.» In­spi­ra­ti­on

sind Pro­jek­te in an­de­ren Län­dern. Zum Bei­spiel die Be­we­gun­gen #ich­bin­hier oder Re­con­quis­ta In­ter­net um den Ko­mö­di­an­ten Jan Böh­mer­mann in Deutsch­land.

Im Ber­ner Work­shop sit­zen die en­ga­gier­tes­ten der Com­mu­ni­ty,

wie Ni­co­las, der schon seit Jah­ren Kom­men­ta­re, die ge­gen das Schwei­zer Recht ver­stos­sen, mel­det, oder Mar­tin, der meh­re­re Web­sites zum The­ma Po­pu­lis­mus und Ex­tre­mis­mus be­treibt. Die meis­ten ha­ben sich vor­her noch nie ge­se­hen. Das

Ge­mein­schafts­ge­fühl, das sich nach ein paar St­un­den im ste­ri­len Se­mi­nar­raum ein­stellt, ist be­ein­dru­ckend. Zu­sam­men kom­men­tie­ren macht Spass, macht mu­tig, macht stark. Das Mot­to: «Wenn sich die Ge­gen­sei­te or­ga­ni­siert, ma­chen wir das auch.»

Ver­suchs­ka­nin­chen

Doch das ist nicht der ein­zi­ge Grund für den Work­shop. Die Se­mi­nar­teil­neh­men­den sind zu­sätz­lich ei­ne Art Ver­suchs­ka­nin­chen von So­phie Acher­mann und ih­rem Team. Den An­we­sen­den wer­den die ak­tu­el­len Er­kennt­nis­se des jun­gen Pro­jekts prä­sen­tiert, so die De­fi­ni­ti­on von Hass­re­den und die po­ten­zi­el­len Ge­gen­stra­te­gi­en. Sie wer­den nach ih­rer Mei­nung da­zu be­fragt, nach ih­ren ei­ge­nen Er­fah­run­gen, nach Tipps. Rea­li­ty-check. «Nicht, dass wir im stil­len Käm­mer­chen was aus­brü­ten, das völ­lig an der Rea­li­tät vor­bei­zielt», sagt Acher­mann.

Ei­ne Er­kennt­nis ist be­reits klar: Das The­ma geht nicht nur Frau­en an – auch wenn es von ei­ner Frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on auf­ge­grif­fen wur­de. «Laut Stu­di­en sind Frau­en nicht häu­fi­ger von Hass im Netz be­trof­fen», sagt Acher­mann. Al­ler­dings wür­den sie häu­fi­ger se­xis­tisch an­ge­gan­gen. Und sie lies­sen sich schnel­ler ein­schüch­tern. «Man kann nun sa­gen, die Frau­en sol­len sich ei­ne di­cke­re Haut zu­le­gen. Oder die Dis­kus­si­ons­kul­tur im In­ter­net so an­he­ben, dass auch sie sich wohl­füh­len», sagt Acher­mann. Ih­re Wahl ist klar.

«Wir wün­schen uns ein In­ter­net, in dem man Zi­vil­cou­ra­ge zeigt und sich ein­setzt ge­gen je­de Art von Hass und Ge­walt.» So­phie Acher­mann

Ge­schäfts­füh­re­rin Al­li­an­ce F

Fo­tos: Su­san­ne Kel­ler

Sie wol­len dem Hass im In­ter­net Ge­gen­steu­er ge­ben: So­phie Acher­mann von Al­li­an­ce F (links) und die Teil­neh­men­den des Work­shops.

Hass­kom­men­ta­re auf News­por­ta­len wer­den ge­mel­det – oder ge­gen­kom­men­tiert

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.