In jun­gen Jah­ren von Lett­land nach Langnau

Die Let­ten Os­kars La­pins­kis und Da­rels Du­kurs le­ben in Langnau, weit über 2000 Ki­lo­me­ter von der Hei­mat ent­fernt. Sie gin­gen als Bu­ben. Und sol­len ir­gend­wann als Pro­fis heim­keh­ren.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Phil­ipp Rind­lis­ba­cher

Wie Lands­mann und Go­a­lie Ivars Pun­ne­novs wol­len die let­ti­schen SCL-Ju­nio­ren Os­kars La­pins­kis und Da­rels Du­kurs in der Schweiz zu Pro­fis rei­fen.

Aus «Os­kars» ist «Ös­ku» ge­wor­den. Als ihn die El­tern erst­mals in Langnau be­su­chen ka­men, dach­ten sie, die Leu­te wüss­ten noch nicht ein­mal, wie ihr Sohn heisst. Aber «Ös­ku» passt nun mal bes­ser ins Em­men­tal. Die­ses ist zur zwei­ten Hei­mat ge­wor­den für Os­kars La­pins­kis, 17, Eis­ho­ckey­spie­ler in Aus­bil­dung. Und vor al­lem: Let­te.

La­pins­kis ist in die wei­te Welt ge­zo­gen. Über 2000 Ki­lo­me­ter weg von ei­nem Vo­r­ort Ri­gas bis nach Langnau. Mit 14 schon hat er das Kin­der­zim­mer ver­las­sen, die Ma­ma wein­te und fleh­te, er mö­ge doch blei­ben. Aber der Bub, er­staun­lich reif für sein Al­ter, woll­te weg. Weil Eis­ho­ckey zwar der be­lieb­tes­te Sport im bal­ti­schen Staat ist, die Nach­wuchs­för­de­rung aber nach wie vor zu wün­schen üb­rig lässt.

Und so kurvt seit ver­gan­ge­nem Win­ter auch Da­rels Du­kurs in der Il­fis­hal­le übers Eis. 16 ist er erst, eben­falls Let­te, wie La­pins­kis gilt er als gros­ses Ta­lent. Ge­spro­chen wird Dia­lekt, was doch ei­ni­ger­mas­sen er­staunt. «Die Let­ten kom­men – und drei Mo­na­te spä­ter re­den sie flies­send bern­deutsch», sagt Jürg Aesch­bach, Ge­schäfts­füh­rer der

SCL Young Ti­gers. «Kommt ein Wel­scher, spricht er auch drei Jah­re spä­ter noch kaum ein Wort.»

Der be­kann­te Tür­öff­ner

An­fra­gen von Ju­nio­ren aus dem Aus­land er­hält Aesch­bach bei­na­he wö­chent­lich. Et­wa von Tsche­chen, Slo­wa­ken, Slo­we­nen. Und im­mer häu­fi­ger von Let­ten. Die let­ti­sche Wel­le hat die Schweiz längst er­fasst, es gibt Nach­wuchs­spie­ler in Zü­rich und Genf, in Bern und Lu­ga­no. Den Tür­öff­ner hat­te Ha­ris Wi­to­linsch ge­spielt: Der 51-Jäh­ri­ge, ver­gan­ge­ne Sai­son Trai­ner-Not­na­gel in Davos und einst Leih­spie­ler in Langnau, war nach dem Rück­tritt 2006 Coach beim da­ma­li­gen Zweit­li­gis­ten Pi­kes Ober­thur­gau.

Er lots­te Schü­ler nach Ro­mans­horn, ver­mit­tel­te Plät­ze bei Gast­fa­mi­li­en. Ti­gers-Go­a­lie Ivars Pun­ne­novs kam auf die­sem Weg in die Schweiz, sei­ne Team­kol­le­gen Toms An­der­sons und Rihards Mel­nalk­s­nis ta­ten es ihm spä­ter gleich (sie­he Zweit­text). Bei La­pins­kis und Du­kurs hat­te Wi­to­linsch sei­ne Fin­ger nicht im Spiel, nicht di­rekt zu­min­dest. «Er hat den Men­schen bei uns da­heim ver­deut­licht, was es bringt, in die Schweiz zu kom­men. Oh­ne ihn wä­ren wir jetzt nicht hier», meint La­pins­kis.

Jürg Aesch­bach sei­ner­seits er­teilt den meis­ten aus­län­di­schen In­ter­es­sen­ten ei­ne Ab­sa­ge, schliess­lich ist es nicht die Idee, den ei­ge­nen Ta­len­ten den Platz weg­zu­neh­men. Min­des­tens so gut wie die bes­ten Ein­hei­mi­schen müs­sen Aus­wär­ti­ge sein. La­pins­kis mel­de­te sich, weil er wuss­te, dass es sich bei Langnau um Pun­ne­novs’ Ar­beit­ge­ber han­delt. Er schrieb auch Lu­ga­no an, da dort mit El­vis Merz­li­k­ins eben­falls ein Lands­mann das Tor hü­te­te. Zum Pro­be­trai­ning ein­ge­la­den wur­de er von den SCL Ti­gers, nach fünf Mi­nu­ten schon nahm ihn Aesch­bach be­geis­tert zur Sei­te und mein­te: «Du gehst nicht mehr heim!»

Der an­ge­pass­te Wasch­plan

Nach Lett­land zu­rück rei­sen die Ta­len­te nur we­gen der Zu­sam­men­zü­ge mit dem Nach­wuchsNa­tio­nal­team und kurz wäh­rend der Früh­lings- und Som­mer­fe­ri­en. In Langnau woh­nen sie visà-vis vom Sta­di­on ober­halb der Ge­schäfts­stel­le in ei­ner ge­räu­mi­gen Woh­nung. Es han­delt sich um ei­ne be­treu­te WG für Min­der­jäh­ri­ge, auch drei Ober­län­der und ein Bas­ler Ju­ni­or ha­ben ein Zim­mer be­zo­gen. Zwei Ho­ckey­to­re

in Mi­nia­tur­for­mat ste­hen im Flur, Stö­cke lie­gen her­um, in der Kü­che hängt aus­ge­rech­net ein Pos­ter von SCB-Cap­tain Si­mon Mo­ser. Zum Rech­ten schaut ei­ne Schlum­mer­mut­ter, Aesch­bach ist der ge­setz­li­che Ver­tre­ter von La­pins­kis und Du­kurs. Die Re­geln sind klar: Nacht­ru­he um 22.30 Uhr, je­der er­le­digt sei­ne Ämt­li. An­ge­dacht war, dass die Frei­zeit­klei­dung von der Schlum­mer­mut­ter, die sport­li­chen Uten­si­li­en aber von den Spie­lern selbst ge­wa­schen wer­den. Der Plan wur­de ver­wor­fen, weil al­le drei Wo­chen der Ser­vice­tech­ni­ker ge­ru­fen wer­den muss­te: Die Wasch­ma­schi­ne litt un­ter der ei­gen­wil­li­gen Be­die­nung der Te­enager.

Aesch­bach lacht, als er da­mit kon­fron­tiert wird. Ernst­haf­te Schwie­rig­kei­ten je­doch hat es nie ge­ge­ben mit den Gäs­ten aus dem Bal­ti­kum. «Ih­re Ein­stel­lung ist vor­bild­lich, sie ge­ben nicht nur auf dem Eis, son­dern auch in der Schu­le hun­dert Pro­zent. Von ih­nen könn­ten sich vie­le Schwei­zer Ju­nio­ren ei­ne Schei­be ab­schnei­den.» Er den­ke schon, men­tal ro­bus­ter zu sein als die Team­kol­le­gen, meint La­pins­kis schmun­zelnd, «wo­bei das in der Mann­schaft wohl nicht gut an­kom­men wird». Er wol­le Pro­fi wer­den, Aus­re­den gä­be es kei­ne, auch nur ei­nen Tag lang «plöisch­len» lie­ge nicht drin. Du­kurs er­wähnt die Ver­ant­wor­tung ge­gen­über den El­tern, die rund 1000 Fran­ken pro Mo­nat zah­len müs­sen, Trai­nings, Kost und Lo­gis in­klu­si­ve. Dis­kus­sio­nen ent­stan­den in der Ge­mein­de jüngst we­gen des Schul­gelds, die Ti­gers su­chen nun mit den Be­hör­den von Fall zu Fall ei­ne Lö­sung.

Die an­de­re Welt

Längst füh­len sich La­pins­kis und Du­kurs wohl im Em­men­tal. Sie ha­ben Ski­fah­ren ge­lernt, sich ans Es­sen ge­wöhnt. Ein­fach sei es nicht ge­we­sen, sa­gen bei­de, «zu Be­ginn war ich über­wäl­tigt von den Ein­drü­cken, ja von der gan­zen Le­bens­si­tua­ti­on. Es war schon wie in ei­ner an­de­ren Welt», sagt La­pins­kis. Ob­wohl die Schwei­zer hilfs­be­reit und freund­li­cher sei­en als die Leu­te in sei­ner Hei­mat, wür­de er nicht je­dem zu die­sem Schritt ra­ten. «Ein we­nig ab­ge­här­tet muss man schon sein.» Zu­nächst wur­de er in ei­ne Klas­se für Fremd­spra­chi­ge ge­schickt, mitt­ler­wei­le be­sucht er die Sport-Han­dels­schu­le. Auch Du­kurs, des­sen Va­ter To­mas 2016 den Eu­ro­pa­meis­ter­ti­tel im Ske­le­ton ge­wann und nach wie vor bäuch­lings

Bob­bah­nen in al­ler Welt run­ter­saust, ab­sol­viert ein zehn­tes Schul­jahr. Er spielt mit den No­vi­zen (U-17), La­pins­kis ist be­reits Stamm­kraft bei den Eli­te-Ju­nio­ren (U-20). Bei­de ka­men früh nach Langnau, Aesch­bach spricht von der so­zia­len Ver­ant­wor­tung, die er in sol­chen Fäl­len zu tra­gen ha­be.

Wo­bei ein spä­ter Wech­sel kaum Sinn er­gibt. Denn: Wäh­rend min­des­tens fünf Sai­sons müs­sen Aus­län­der bei ei­nem hie­si­gen Ver­ein im Nach­wuchs spie­len, um spä­ter als so­ge­nann­te Eis­ho­ckey-Schwei­zer wie Pun­ne­novs und Kon­sor­ten das Aus­län­der­kon­tin­gent nicht zu be­las­ten. Es sei das Ziel, die­se Ak­teu­re der­einst in die ers­te Mann­schaft zu in­te­grie­ren, sagt Aesch­bach. Oder we­nigs­tens Aus­bil­dungs­ent­schä­di­gun­gen zu er­hal­ten, soll­ten sie wei­ter­zie­hen.

Vo­r­erst wol­len die bei­den hier­blei­ben. Sie schwär­men von der Be­treu­ung, ha­ben sich in­te­griert, Freun­de ge­fun­den. Ge­schla­fen wird un­ter Ti­gers-Bett­wä­sche, in Du­kurs’ Zim­mer liegt ein Ti­gers-Schal her­um, ein Ti­gers-Wim­pel hängt an der Wand. Die Ver­bun­den­heit mit dem Ver­ein ist nicht ge­spielt. Als sich La­pins­kis beim Fo­to­gra­fen vor­stellt, sagt er: «Ich bin Ös­ku.»

Fo­to: Mar­cel Bie­ri

Ti­ger hier, Ti­ger da, Ti­ger über­all: Os­kars La­pins­kis (links) und Da­rels Du­kurs po­sie­ren in der Langnau­er Wohn­ge­mein­schaft.

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