Pfusch mit Schön­heits­sprit­zen be­las­tet die Kran­ken­kas­sen

Vie­le An­bie­ter oh­ne me­di­zi­ni­sche Aus­bil­dung set­zen heu­te Schön­heits­sprit­zen. Wenn es schief­geht, tra­gen die Kran­ken­kas­sen die Kos­ten.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Ra­hel Gug­gis­berg Sei­te 2+3

Im­mer mehr Nicht­me­di­zi­ner set­zen heu­te Sprit­zen mit dem Wirk­stoff Hyalu­ron­säu­re. Das ist le­gal. «Ge­spritzt wird heut­zu­ta­ge von Kos­me­ti­ke­rin­nen, Tä­to­wie­rern und Pier­cern», sagt Tho­mas Fi­scher, Spe­zi­al­arzt FMH für plas­ti­sche, re­kon­struk­ti­ve und äs­the­ti­sche Chir­ur­gie aus der Stadt Bern. Die Kun­din­nen er­hof­fen sich vom Wirk­stoff zum Bei­spiel pral­le­re Lip­pen oder ein Ver­schwin­den von Fal­ten.

Doch er­folgt das Sprit­zen nicht fach­ge­recht, kön­nen die ge­sund­heit­li­chen Fol­gen ver­hee­rend sein. Fach­ärz­te se­hen im­mer mehr Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten mit gra­vie­ren­den Kom­pli­ka­tio­nen wie In­fek­ten, Hau­t­in­fark­ten bis hin zu Er­blin­dun­gen. Auch in der Re­gi­on Bern.

Die Be­hand­lung der Fol­ge­schä­den geht dann zu­las­ten der ob­li­ga­to­ri­schen Kran­ken­pfle­ge­ver­si­che­rung und muss von Prä­mi­en­zah­le­rin­nen und -zah­lern fi­nan­ziert wer­den. Die Aar­gau­er CVP-Na­tio­nal­rä­tin Ruth Hum­bel hat ei­nen Vor­stoss ein­ge­reicht, der den Bun­des­rat be­auf­tragt, ge­setz­li­che Grund­la­gen zu schaf­fen, dass nur Ärz­te Hyalu­ron und Bo­tox sprit­zen dür­fen. Die­se sol­len zu­dem die be­nö­tig­te Aus­bil­dung ha­ben und haft­pflicht­ver­si­chert sein. Der Bun­des­rat hat dem Par­la­ment am 6. No­vem­ber die Ab­leh­nung der Mo­ti­on be­an­tragt. Hum­bel ist da­mit nicht ein­ver­stan­den: «Es kann nicht sein, dass Kos­me­tik­stu­di­os mit Pfusch viel Geld ver­die­nen, und die Fol­ge­kos­ten hat dann die All­ge­mein­heit über die Prä­mi­en zu be­zah­len.»

Die­sen Som­mer war im See­land ei­ne Un­ga­rin in ei­nem Rei­se­bus un­ter­wegs. Ih­ren Kun­din­nen und Kun­den spritz­te sie im Bus Hyalu­ron­säu­re in die Lip­pen und ins Ge­sicht. Mit Hyalu­ron­säu­re las­sen sich Fal­ten aus­fül­len und Lip­pen ver­grös­sern. Bei ei­ner Kun­din tra­ten Pro­ble­me auf. Sie wand­te sich an den Spe­zi­al­arzt Tho­mas Fi­scher, der ih­re Ge­schich­te er­zählt.

«Mei­ne Pa­ti­en­tin war er­schro­cken, als sie sich im Spie­gel sah. Das Re­sul­tat war ka­ta­stro­phal», er­zählt Fi­scher, Spe­zi­al­arzt für Plas­ti­sche, Re­kon­struk­ti­ve und Äs­the­ti­sche Chir­ur­gie der Pra­xis Cen­ter­cli­nic in der Stadt Bern. «Ich ver­ste­he nicht, war­um ge­wis­se Leu­te ih­re Ge­sund­heit so aufs Spiel set­zen», sagt er. Teil­wei­se wer­den laut Fi­scher so­gar an­de­re Sub­stan­zen ver­wen­det: «Ei­ner Pa­ti­en­tin wur­de Si­li­kon in die Lip­pe ge­spritzt. Es bil­de­ten sich ent­zün­de­te Kno­ten. Die kann man nie wie­der weg­ma­chen.»

In­flu­en­ce­rin­nen set­zen Trends

Es sind jun­ge bis sehr jun­ge Frau­en, die sich vol­le­re Lip­pen wün­schen. Sie wol­len so aus­se­hen wie be­rühm­te In­flu­en­ce­rin­nen, die ih­re pral­len Lip­pen auf Ins­ta­gram prä­sen­tie­ren. Für sie ver­kör­pern ame­ri­ka­ni­sche Stars wie Ky­lie Jen­ner oder Kim Kardashian ein Schön­heits­ide­al.

Auch in der Stadt Bern bie­tet ei­ne Kos­me­ti­ke­rin ih­ren Kun­den Hyalu­ron-Be­hand­lun­gen an. Vor­ge­nom­men wer­den die­se von ei­ner Rus­sin, die an­gibt, Ärz­tin zu sein. «Oh­ne genau zu be­spre­chen, wo Hyalu­ron ver­wen­det wird, spritz­te sie mir die Sub­stanz in die Zor­nes­fal­te», er­zählt ei­ne et­wa 50-jäh­ri­ge Kun­din die­ser Zei­tung. Ihr Ge­sicht sei meh­re­re Ta­ge da­nach im­mer noch stark ge­schwol­len ge­we­sen.

Sol­che Fäl­le är­gern Tho­mas Fi­scher. Die Auf­klä­rung der Kun­din­nen müs­se un­be­dingt ver­bes­sert wer­den, sagt er. Er warnt: «Vom Markt mit der Hyalu­ron­säu­re wol­len heu­te vie­le An­bie­ter oh­ne ärzt­li­che Aus­bil­dung pro­fi­tie­ren. Ne­ben den Ärz­ten set­zen heu­te auch Kos­me­ti­ke­rin­nen, Tä­to­wie­rer oder Pier­cer Sprit­zen an.» Bei ei­nem se­riö­sen An­bie­ter kos­te das Auf­sprit­zen der Lip­pen rund 500 Fran­ken.

Tho­mas Fi­scher hat­te bei­spiels­wei­se Pa­ti­en­ten, bei de­nen ein Teil des Na­sen­flü­gels ab­ge­stor­ben war. Bei ei­ner an­de­ren Kun­din war das Ge­we­be ei­ner Stirn­sei­te zer­stört. «Die­se Pa­ti­en­ten sind ent­stellt», fasst er zu­sam­men. «Es geht uns Ärz­ten nicht dar­um, dass an­de­re nicht auch in die­sem Be­reich Geld ver­die­nen kön­nen. Nein, es geht um die Ge­sund­heit und vor al­lem die Si­cher­heit der Pa­ti­en­ten», so Fi­scher. Denn in sol­chen Fäl­len müs­se dann die Kran­ken­kas­se die Kos­ten der Wie­der­her­stel­lun­gen be­zah­len, und das kos­te rasch meh­re­re Tau­send Fran­ken.

Hyalu­ron ist kein Me­di­ka­ment

Hyalu­ron gilt als ein so­ge­nann­tes Me­di­zin­pro­dukt und nicht als Me­di­ka­ment. Me­di­zin­pro­duk­te sind frei ver­käuf­lich, und so ha­ben auch me­di­zi­ni­sche Lai­en Zu­gang. Tho­mas Fi­scher sagt: «Die Pro­duk­te, die bei­spiels­wei­se Kos­me­ti­ke­rin­nen ver­wen­den, sind heu­te sehr ein­fach über das In­ter­net zu be­stel­len. In Deutsch­land kann man als Laie genau die glei­che Qua­li­tät er­wer­ben wie Ärz­te.» Vie­len Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten sei nicht be­wusst, dass Sprit­zen ge­gen Fal­ten ein gros­ses Fach­wis­sen er­for­de­re.

Zwar gibt es ge­setz­li­che Vor­ga­ben zu den frei er­hält­li­chen Pro­duk­ten, et­wa dass die­se nach 30 Ta­gen im Kör­per ab­ge­baut sein müs­sen. «Ob sie wirk­lich nur sol­che Pro­duk­te an­wen­den, kon­trol­liert nie­mand», sagt Fi­scher. Um­strit­ten sei so­gar, ob es über­haupt Hyalu­ron­prä­pa­ra­te gibt, die der mensch­li­che Kör­per so schnell ab­baut.

«Es kam zu ex­trem vie­len Kom­pli­ka­tio­nen»

Mark Nuss­ber­ger, Prä­si­dent der Schwei­ze­ri­schen Ge­sell­schaft für Äs­the­ti­sche Chir­ur­gie, stellt fest, dass bei den un­ter 25-jäh­ri­gen Pa­ti­en­tin­nen ex­trem vie­le Kom­pli­ka­tio­nen auf­grund von Pfu­sche­rei­en auf­tre­ten. In der Schweiz wer­den laut Nuss­ber­ger täg­lich Hun­der­te sol­che Be­hand­lun­gen mit Hyalu­ron­säu­re von Nicht­me­di­zi­nern durch­ge­führt. Es sei in den letz­ten Jah­ren ei­ne deut­li­che Zu­nah­me zu ver­zeich­nen. Mit Hyalu­ron be­han­deln las­sen sich et­wa zu zwei Drit­teln Frau­en, ein Drit­tel sind Män­ner.

Da­vid Kier­meir, Fach­arzt für Plas­ti­sche, Re­kon­struk­ti­ve und Äs­the­ti­sche Chir­ur­gie, der in der Stadt Bern ei­ne Pra­xis führt, warnt vor wei­te­ren Ri­si­ken: «Wenn die Na­del un­sach­ge­mäss oder am fal­schen Ort ge­setzt wird, kann das ver­hee­ren­de Fol­gen ha­ben», sagt er. «Von un­schö­nen Schwel­lun­gen bis hin zu Er­blin­dung ist al­les mög­lich.» Das kön­ne pas­sie­ren, wenn im Be­reich der Zor­nes­fal­te, der Na­se oder der Na­so­la­bi­al­fal­te bei ei­ner Un­ter­sprit­zung ein Ge­fäss ge­trof­fen und Hyalu­ron­säu­re in das Ge­fäss in­ji­ziert wird.

Ärz­te wol­len den Pfusch stop­pen

Um den Pfusch zu stop­pen, ver­langt die Schwei­ze­ri­sche Ge­sell­schaft für Äs­the­ti­sche Chir­ur­gie ein Spritz­ver­bot für Kos­me­ti­ke­rin­nen. Und auch Tho­mas Fi­scher be­tont: «Wir for­dern von der Po­li­tik, dass die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben end­lich ein­ge­hal­ten wer­den: Kei­ne nicht ärzt­li­che Per­son darf Sub­stan­zen sprit­zen, die län­ger als 30 Ta­ge wirk­sam sind be­zie­hungs­wei­se im Kör­per blei­ben.» Zu­dem soll­ten die Kos­me­ti­ke­rin­nen, Tat­too- und Pier­cing­stu­di­os kon­trol­liert wer­den. Ein Zu­wi­der­han­deln ge­gen die Ge­setz­ge­bung müs­se auch wirk­lich ge­ahn­det wer­den.

Kan­ton will kei­ne neu­en ge­setz­li­chen Re­geln

Im Kan­ton Bern hat die Ge­sund­heits­und Für­sor­ge­di­rek­ti­on die­sen Markt zu über­wa­chen. «Un­se­rer An­sicht nach braucht es kei­ne zu­sätz­li­chen ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen», sagt der Spre­cher Gun­de­kar Gie­bel. «Es ist Auf­ga­be der An­wen­der, al­so zum Bei­spiel der Kos­me­ti­ke­rin­nen,

dass sie nur Pro­duk­te an­wen­den, für wel­che sie die Er­laub­nis ha­ben.» Kos­me­tik­stu­di­os sei­en kei­ne be­wil­li­gungs­pflich­ti­gen Be­trie­be. Das be­deu­te, das Kan­tons­apo­the­ker­amt und das Kan­tons­arzt­amt hät­ten kei­nen di­rek­ten Auf­sichts­auf­trag. Es wer­de nur kon­trol­liert, wenn ent­spre­chen­de Mel­dun­gen ein­ge­hen.

Mark Nuss­ber­ger von der Schwei­ze­ri­schen Ge­sell­schaft für Äs­the­ti­sche Chir­ur­gie är­gert sich über die­se Ant­wort und sagt: «Die Kan­tons­ärz­te wur­den durch uns ge­warnt mit ei­nem of­fe­nen Brief an Swiss­me­dic – doch wie im­mer gab es kei­ne Re­ak­ti­on.» Sie wür­den sich nicht für die­ses Pro­blem in­ter­es­sie­ren, da sie mein­ten, es ge­he um Kos­me­tik und nicht um kran­ken­kas­sen­pflich­ti­ge Be­hand­lun­gen. «Die Kan­tons­ärz­te wis­sen auch nicht, wie schwer sol­che Kom­pli­ka­tio­nen nach dem Sprit­zen von Hyalu­ron­säu­re sein kön­nen», kri­ti­siert Nuss­ber­ger.

Hyalu­ron ist ein The­ma im Bun­des­haus

In der Schweiz gibt es kei­ne Da­ten­bank, die er­fasst, wie oft es zu Kom­pli­ka­tio­nen kommt. «Sol­che Injektione­n sind me­di­zi­nisch nicht nö­tig, und dar­um wer­den sie von Swiss­me­dic nicht er­fasst», sagt der Arzt Tho­mas Fi­scher. In Süd­ko­rea wer­de bei­spiels­wei­se ex­trem viel Hyalu­ron­säu­re ge­spritzt, und es kom­me jähr­lich zu rund dreis­sig Er­blin­dun­gen, die auf die­se Sub­stan­zen zu­rück­zu­füh­ren sind.

Hyalu­ron ist auch im Bun­des­haus ein The­ma. Die Aar­gau­er CVP-Na­tio­nal­rä­tin Ruth Hum­bel hat ei­nen Vor­stoss ein­ge­reicht, der den Bun­des­rat be­auf­tragt, ge­setz­li­che Grund­la­gen zu schaf­fen, da­mit nur Ärz­te Hyalu­ron und Bo­tox sprit­zen dür­fen. Der Bun­des­rat be­an­tragt dem Par­la­ment, die­se Mo­ti­on ab­zu­leh­nen, weil aus sei­ner Sicht die ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen ge­nü­gen wür­den. «Er ar­gu­men­tiert rein for­ma­lis­tisch und geht nicht auf die Ri­si­ken der Be­hand­lung und mög­li­che ge­sund­heit­li­che Schä­den ein», sagt Hum­bel. Sie kämp­fe nun aber wei­ter und sei über­zeugt, im Par­la­ment ei­ne Mehr­heit zu fin­den.

«Ich wer­de dem Bun­des­rat ant­wor­ten, dass ich mit der Ant­wort nicht ein­ver­stan­den bin und die Mo­ti­on im Na­tio­nal­rat trak­tan­die­ren will», sagt Hum­bel. Sie stört sich auch dar­an, dass Fol­ge­schä­den die­ser Be­hand­lun­gen der All­ge­mein­heit auf­er­legt wer­den und über die Kran­ken­kas­se be­zahlt wer­den. «Es kann nicht sein, dass Kos­me­tik­stu­di­os mit Pfusch viel Geld ver­die­nen. Die Fol­ge­kos­ten hat dann die All­ge­mein­heit über die Prä­mi­en zu be­zah­len», be­tont Hum­bel.

Sie for­dert auch, dass bei jun­gen Frau­en ge­nau­er hin­ge­schaut wird. «Es ist ver­rückt, wenn sich schon Min­der­jäh­ri­ge Hyalu­ron sprit­zen las­sen. Teil­wei­se sol­len sie es ja ge­schenkt be­kom­men von den El­tern.» Wenn El­tern solch ge­sund­heits­schä­di­gen­de Ein­grif­fe fi­nan­zie­ren wür­den, sei es bes­ser, sie für Min­der­jäh­ri­ge zu ver­bie­ten.

«Ich ver­ste­he nicht, war­um ge­wis­se Leu­te ih­re Ge­sund­heit so aufs Spiel set­zen.»

Tho­mas Fi­scher

Plas­ti­scher Chir­urg in Bern

Hyalu­ron führ­te zu ei­ner Ne­kro­se des Hautare­als.

Fo­tos: zvg

Lip­pen­ab­szess nach Hyalu­ron­säu­re­sprit­ze durch ei­ne Kos­me­ti­ke­rin.

Drei Ta­ge nach der Be­hand­lung tra­ten die­se Ent­zün­dun­gen auf.

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