Gas­werkare­al kann sa­niert wer­den

Das Bun­des­ge­richt hat die Be­schwer­de des Haus­ei­gen­tü­mer­ver­bands ge­gen die Wohn­in­itia­ti­ve in der Stadt Bern ab­ge­wie­sen. Die Initi­an­ten er­hof­fen sich da­von ein Si­gnal für die gan­ze Schweiz.

Berner Zeitung (Stadt) - - Erste Seite - Chris­toph Häm­mann

Stadt Bern Die Be­schwer­de von rund 20 An­woh­nern wur­de ab­ge­wie­sen: Das Ver­wal­tungs­ge­richt hält zu­sätz­li­che Schutz­mass­nah­men bei der Alt­las­ten­sa­nie­rung auf dem Gas­werkare­al für un­nö­tig.

Die Re­ak­tio­nen von Rot-Grün wa­ren vol­ler Freu­de. Und vol­ler Är­ger. In Tweets und Stel­lung­nah­men äus­ser­te sich Er­leich­te­rung über den Ent­scheid des Bun­des­ge­richts, die Be­schwer­den ge­gen die Stadt­ber­ner Wohn­in­itia­ti­ve zur För­de­rung güns­ti­gen Wohn­raums voll­um­fäng­lich ab­zu­wei­sen. Dass die Initia­ti­ve, vor über fünf Jah­ren mit 72 Pro­zent der Stim­men an­ge­nom­men, aber erst jetzt in Kraft tre­ten kann, neh­men die Sie­ger den Be­schwer­de­füh­rern übel. «Im­mo­bi­li­en­spe­ku­lan­ten» hät­ten die Initia­ti­ve jah­re­lang ver­zö­gert, schrieb das Grü­ne Bünd­nis auf Twit­ter, und SPGross­rat und -Kan­to­nal­se­kre­tär Da­vid Stampf­li twit­ter­te: «Die Im­mo­bi­li­en­spe­ku­lan­ten und ih­re bür­ger­li­chen Hel­fers­hel­fer ver­lie­ren auch vor Bun­des­ge­richt!»

Ge­meint wa­ren der Haus­ei­gen­tü­mer­ver­band Bern und Um­ge­bung so­wie die Po­li­ti­ker Adri­an Haas (FDP), Ru­dolf Fried­li und Beat Scho­ri (bei­de SVP), die nach der po­li­ti­schen Nie­der­la­ge 2014 die Initia­ti­ve auf dem Rechts­weg be­kämpft hat­ten. Mit ih­ren Be­schwer­den schei­ter­ten sie zu­erst vor der kan­to­na­len Jus­tiz-, Ge­mein­de- und Kir­chen­di­rek­ti­on und an­schlies­send vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt. Nun hat das Bun­des­ge­richt de­ren Ent­schei­de ge­stützt, wie die städ­ti­sche Prä­si­di­al­di­rek­ti­on ges­tern pu­blik mach­te.

«Ich hof­fe, dass nach die­ser Ohr­fei­ge die Be­schwer­den ge­gen die Initia­ti­ve in Kö­niz zu­rück­ge­zo­gen wer­den.»

Na­ta­lie Im­bo­den Prä­si­den­tin Mie­ter­ver­band

«Pfei­ler der Wohn­stra­te­gie»

Stadt­prä­si­dent Alec von Graf­fen­ried (GFL) zeig­te sich in ei­ner Mit­tei­lung er­freut über das Ver­dikt des höchs­ten Ge­richts. Die­ses be­stä­ti­ge da­mit ei­nen Pfei­ler der städ­ti­schen Wohn­stra­te­gie, liess er sich zi­tie­ren. Der Ent­scheid zei­ge, dass die Wohn­in­itia­ti­ve ein taug­li­ches In­stru­ment da­für sei, lang­fris­tig be­zahl­ba­ren Wohn­raum zu schaf­fen.

Kon­kret ver­langt die Initia­ti­ve zwei Er­gän­zun­gen in der Bau­ord­nung: Zum ei­nen soll bei Ein­oder Um­zo­nun­gen min­des­tens ein Drit­tel des Wohn­raums preis­güns­tig oder von ge­mein­nüt­zi­gen Trä­ger­schaf­ten er­stellt wer­den. Zum an­de­ren sol­len Haus­ei­gen­tü­mer bis zu 20 Pro­zent mehr Nutz­flä­che rea­li­sie­ren dür­fen, wenn sie ge­mein­nüt­zig or­ga­ni­siert sind oder preis­güns­ti­ge Woh­nun­gen bau­en. Laut von Graf­fen­ried konn­te nach den Ur­tei­len der Vor­in­stan­zen da­mit ge­rech­net wer­den, dass auch das Bun­des­ge­richt die Be­schwer­den ab­wei­sen wür­de. Des­halb ha­be die Stadt die For­de­run­gen der Wohn­in­itia­ti­ve be­reits an­ge­wen­det und Bau­herr­schaf­ten in Pla­nungs­ver­fah­ren emp­foh­len, ei­nen Drit­tel der Wohn­flä­che für güns­ti­gen Wohn­raum zu re­ser­vie­ren.

Die Geg­ner der Initia­ti­ve hat­ten ar­gu­men­tiert, dass die Initia­ti­ve nicht stu­fen­ge­recht sei und ei­nen un­zu­rei­chend be­grün­de­ten Ein­griff in die Ei­gen­tums­ga­ran­tie, die Wirt­schafts­frei­heit so­wie die Ver­trags­frei­heit dar­stel­le. Doch schon vor Ver­wal­tungs­ge­richt war sich im Ju­ni 2018 das Rich­ter­gre­mi­um ei­nig ge­we­sen, dass die Initia­ti­ve kei­ne Rechts­ver­let­zung dar­stel­le. Dar­über hin­aus ent­spre­che es ei­nem öf­fent­li­chen In­ter­es­se, dass preis­wer­ter Wohn­raum ge­för­dert wer­de. Dies wer­de so­wohl von der Kan­tons­ver­fas­sung als auch von zahl­rei­chen Ent­schei­den des Bun­des­ge­richts ge­stützt.

«Wich­ti­ges Si­gnal»

In den letz­ten Jah­ren wur­den in zahl­rei­chen Schwei­zer Ge­mein­den ähn­li­che Initia­ti­ven lan­ciert. Al­lein in der Re­gi­on Bern wur­de die Kö­ni­zer Wohn­in­itia­ti­ve an­ge­nom­men, über je­ne in Woh­len wird heu­te Abend an der Ge­mein­de­ver­samm­lung ab­ge­stimmt, und auch in Mu­ri sind die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten zu­sam­men­ge­kom­men. Laut Alec von Graf­fen­ried schafft der jüngs­te Ent­scheid schweiz­weit Klar­heit über die Gül­tig­keit ähn­li­cher wohn­po­li­ti­scher Initia­ti­ven. «Da­mit kommt dem Ur­teil des Bun­des­ge­richts ei­ne rich­tungs­wei­sen­de Be­deu­tung zu.»

Von ei­nem «wich­ti­gen Si­gnal» mit Aus­strah­lung in die gan­ze Schweiz spricht auch die grü­ne Gross­rä­tin Na­ta­lie Im­bo­den, Prä­si­den­tin des Mie­te­rin­nen- und Mie­ter­ver­bands Bern und Um­ge­bung. «Ich freue mich sehr, dass jetzt be­stä­tigt ist, was wir im­mer ge­sagt ha­ben: Es liegt in der Kom­pe­tenz von Ge­mein­den, die von uns ver­lang­ten Mass­nah­men zur För­de­rung güns­ti­gen Wohn­raums zu er­grei­fen.»

Nach­dem die Ver­zö­ge­rungs­stra­te­gie der Ein­spre­cher nun «mit ei­ner Ohr­fei­ge» be­en­det wor­den sei, hof­fe sie, dass die ähn­li­chen Be­schwer­den ge­gen die Initia­ti­ve in Kö­niz nun zu­rück­ge­zo­gen wür­den.

Fo­to: Andre­as Blat­ter

Ein Jahr nach An­nah­me der Wohn­in­itia­ti­ve pro­tes­tier­ten die Initi­an­ten beim Haus­ei­gen­tü­mer­ver­band (HEV) ge­gen des­sen Wi­der­stand: HEVGe­schäfts­füh­rer Lu­kas Her­ren er­hielt von Na­ta­lie Im­bo­den (Mie­ter­ver­band) und Ste­fan Jor­di (SP) ei­nen Zie­gel­stein über­reicht.

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