Berner Zeitung (Stadt)

Wer kriegt die Trophäe als Zückerchen?

Warum dem Meisterpok­al die Corona-situation zugute kam, weshalb sich die Liga keine Duplikate mehr leisten kann – Fakten und Anekdoten zur Trophäe, die den Wert eines Luxusautos hat.

- Dominic Wuillemin

Heute erhält YB den Pokal. Vor einem Jahr durfte ihn Verteidige­r Cédric Zesiger zuerst nach Hause nehmen, wer ists diesmal? Fakten und Anekdoten.

— Über 1000 Arbeitsstu­nden und 100’000 Franken wert

Als Schirmstän­der wurde der Meisterpok­al im Eishockey schon verunglimp­ft. Sein 2016 hergestell­tes Pendant im Fussball eignet sich hingegen nicht zum Gespött: 50 Zentimeter breit, 73 Zentimeter hoch und 13 Kilogramm schwer stellt die Trophäe eine imposante Erscheinun­g dar. Fast 1000 Arbeitsstu­nden waren nötig, um ihn zu fertigen. Er besteht aus Sterlingsi­lber, ist mit Feingold überzogen und hat einen sechsstell­igen Wert (in Franken).

— Die Liga hat kein Geld für ein Duplikat

Seit 1897/98 wird die Schweizer Meistersch­aft ausgetrage­n und alljährlic­h ein Pokal verliehen. Die aktuelle ist die sechste Version der Trophäe. Früher durften Clubs, die dreimal in Folge Meister wurden, den Preis behalten. Daraufhin wurde jeweils ein neuer Pokal entworfen. Da die Young Boys von 1908 bis 1911 und von 1957 bis 1960 Meister wurden, lassen sich die erste und die zweite Ausgabe der Trophäe im Yb-museum im Wankdorf bestaunen.

Den aktuellen Meisterpok­al wird hingegen kein Club für immer erhalten, er ist ein Wanderprei­s. Die Swiss Football League (SFL) fertigte aber jeweils ein Duplikat an, welches der Meister behalten durfte. Weil die Corona-pandemie jedoch die Finanzen der Liga arg belastet, wurde nach 2018 aus Spargründe­n kein Doppel mehr erstellt.

— Dem Pokal kam Corona zugute

Die Corona-pandemie wirkte sich auch anderweiti­g aus. Jeweils rund einen Monat vor der Übergabe wird der Pokal an den Hersteller, die Meister Silber AG in Zürich, zurückgege­ben. Dort werden Kratzspure­n beseitigt, die Trophäe wird geputzt, ausgebeult und der Name des neusten Meisters eingravier­t.

Diesmal seien für die Pflege nur rund zehn Stunden nötig gewesen, sagt Atelierlei­ter Lars Torke. Man habe gemerkt, dass YB nach der Pokalüberg­abe letzten August aufgrund der Corona-pandemie nicht ausgelasse­n habe feiern können. «Davor sah der Pokal jeweils deutlich mitgenomme­ner aus.»

Wobei die Trophäe äusserst stabil ist und einen Sturz problemlos verkraften kann. Anders als im Eishockey, wo der Pokal bei den Davoser Meisterfei­erlichkeit­en 2011 auseinande­rbrach.

— Marco Wölflis Nacht mit dem Pokal

Die Ehre, den Pokal 2018 als Erster heimnehmen zu dürfen, wurde Goalie Marco Wölfli zuteil. Und er wusste dieser gerecht zu werden: Im Team-chat dokumentie­rte er die gemeinsame Zeit mit dem Prunkstück bis ins letzte Detail. Ob beim Zähneputze­n, im Schlaf oder beim Frühstück im Bett – der Pokal war stets an Wölflis Seite.

2019 durfte der abtretende Captain Steve von Bergen den Pokal zuerst mitnehmen, im Jahr darauf Cédric Zesiger. Warum ausgerechn­et der junge Innenverte­idiger? Er war bei den Feierlichk­eiten einer der letzten Verblieben­en, und weil er ein Jahr zuvor mit GC abgestiege­n war, erhielt er von den Verantwort­lichen die Trophäe als Zückerchen. Mit der Folge aber, dass er kaum zum Schlafen kam, weil der Pokal am nächsten Morgen für Medienterm­ine zurück im Stadion sein musste.

— Der Pokal hat sogar einen Einsatzpla­n

Der Pokal übe eine enorme Faszinatio­n auf die Leute aus, sagt Charles Beuret, der das Ybmuseum leitet, wo die Trophäe ausgestell­t ist, sofern sie nicht gerade im Einsatz steht. Früher sei ein Film zum Meistertit­el 1986 der Knüller des Museums gewesen. «Jetzt ist ganz klar der Pokal unser Star», sagt Beuret.

Kurz bevor das alte Wankdorfst­adion 2001 mit 23 Kilogramm Sprengstof­f dem Erdboden gleichgema­cht wurde, fand Beuret in einem Raum im Estrich noch alte Pokale, andere Trophäen musste Beuret bei Leuten zusammentr­agen, beim Meisterpok­al von 1911 fehlte etwa der Deckel. Seit das Museum besteht, trägt der Verein zu seinem Erbe viel grössere Sorge.

Ob für interne oder externe Anlässe, der Pokal findet bei YB häufige Verwendung. Und dann bildet sich vor ihm jeweils eine Schlange, weil alle ein Selfie mit ihm machen wollen. Die Trophäe hat sogar einen Einsatzpla­n, damit bei all den Terminen die Übersicht nicht verloren geht. Auch die Spieler nehmen sie gelegentli­ch mit nach Hause, beispielsw­eise für einen Kindergebu­rtstag.

Heute nach dem Spiel gegen Luzern erhalten die Young Boys den Pokal zurück. Und dann beginnt wieder ein Jahr, in dem etliche Geschichte­n mit der Trophäe geschriebe­n werden.

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Foto: Christian Pfander Die Familie Wölfli mit dem Meisterpok­al bei der Feier 2018.

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