Berner Zeitung (Stadt)

Wovon sich Paul Klee inspiriere­n liess

Die Ausstellun­g «Paul Klee. Ich will nichts wissen» zeigt, dass sich der Künstler von Kinderzeic­hnungen und Speeren inspiriere­n liess.

- Helen Lagger Ausstellun­g: Bis 29. August, Zentrum Paul Klee, Bern. www.zpk.org.

Eine neue Ausstellun­g im Zentrum Paul Klee zeigt, dass der Künstler mithilfe von Kinderzeic­hnungen, Speeren, Höhlenmale­reien und einem Psychiatri­ebuch Ideen fand.

— Ein Vater und sein Sohn

Ins verlorene Paradies, wie der Dichter Charles Baudelaire einst die Kindheit beschrieb, wollten viele Künstler zurückkehr­en. So auch Paul Klee, der durch den Automatism­us der Linie glaubte, die schöpferis­che Kraft der Kindheit wiederzufi­nden. Dass eine Zeichnung seines Sohnes Felix Klee (1907–1990) ihm direkt als Vorlage diente, kann man in der aktuellen Ausstellun­g im Themenbere­ich «Kindheit» entdecken. Das Aquarell «Zeltstadt mit blauem Fluss und schwarzen Zickzack-wolken» von Felix Klee spiegelt sich in einem Ölgemälde «ohne Titel» (1920) von Paul Klee wider. Das Werk von Felix ist lichtdurch­flutet, dasjenige des Vaters hat etwas Schwermüti­ges. Eindeutig übernommen vom Sohn hat Klee die prägnanten Zickzack-wolken.

— Eine Besessene und eine Heilige

Ein schauriges Porträt: «Besessenes Mädchen» (1924) von Paul Klee zeigt ein haarloses Mädchen, dessen geistige Umnachtung durch die sie einnehmend­e Dunkelheit im Bild dargestell­t wird. Der offene Mund zeigt ein lückenhaft­es Gebiss, die Augen sind weiss und leer, wie man es bei Zombies aus heutigen Horrorfilm­en kennt. Klee besass die Publikatio­n «Bildnerei der Geisteskra­nken» (1922), wie man in der Ausstellun­g erfährt. Allgemein war in den Zwanzigerj­ahren das Interesse für sogenannte Art Brut gross. 1921 entstand die Lithografi­e «Die Heilige vom inneren Licht», bei der das Körperlich­e zugunsten der Seele in den Hintergrun­d rückt. Es entsteht das Gefühl, ins Innere der aus wenigen Linien bestehende Figur schauen zu können.

— Drei Speere und ein Seefahrer

Drei verzierte Speere – vermutlich aus Papua-neuguinea oder den Admiralitä­tsinseln, wie es ein Schild verrät – stehen als Leihgabe im Zentrum Paul Klee. Sie standen einst im Atelier von Paul Klee, der sich in seinem Drang nach den Ursprüngen für «primitive Kunst» interessie­rte.

Natürlich stammte der Begriff aus Europa und meinte damit eine nicht zivilisier­te Kunst, was aus heutiger Sicht problemati­sch und schlicht falsch ist. So wurden

den Schöpferin­nen und Schöpfern solcher Kunst eine höhere Erkenntnis zu ihrem Schaffen abgesproch­en. Auch Klee glaubte als Avantgardi­st, dass seine Reduktion auf das Wesentlich­e im Gegensatz zu «primitiver Kunst» bewusst geschehe. Ob diese Speere Klee zu seinem Gemälde «Kampfszene aus der kosmisch-phantastis­chen

Allgemein war in den Zwanzigerj­ahren das Interesse für sogenannte Art Brut gross.

… zum Malen diese Ölgemäldes ohne Titel.

Oper Der Seefahrer» (1923) inspiriert­en? Möglich wäre es. Klees Seefahrer steht waagrecht auf einem Kahn und kämpft mit einer diesen

Speeren nicht unähnliche­n Lanze gegen Ungeheuer. Eines hat er bereits verletzt, dicke Blutstropf­en fallen herab. Es sind drei groteske Wesen, scheinbar einer Robbe, einem Kugelfisch und einer Schlange nachempfun­den. Der Seefahrer kommt aus der Dunkelheit herausgefa­hren. Das dies trotz des hohen Grades an Abstrahier­ung so wirkt, liegt am raffiniert­en Farb- und Formkonzep­t Klees.

— Höhlenmale­rei und Tiere

Klee war fasziniert von prähistori­schen Ausgrabung­en, was unter anderem durch Postkarten belegt ist. Publikatio­nen des Ethnologen Leo Frobenius (1873– 1938) fasziniert­en ihn. Als Beispiele für den Einfluss prähistori­scher Kunst auf Klees Kunst werden im Zentrum Paul Klee Werke mit Tieren herbeigezo­gen, die an Höhlenmale­rei erinnern. «Witterndes Tier» (1930) und «Sie brüllt, wir spielen» (1928), sind Beispiele, in denen Tiere eine ähnliche Reduktion aufweisen wie jene aus prähistori­scher Zeit. Bei «Witterndes Tier» experiment­ierte Klee mit zufällig entstanden­en Strukturen von abgedruckt­en Aquarellfa­rben und einer Federzeich­nung. Obwohl das Tier aus lediglich sieben Strichen und zwei Punkten besteht und so fast wie ein Piktogramm wirkt, kann man deutlich erkennen, wie es Fährte aufnimmt.

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Diese Zeichnung von Felix Klee inspiriert­e seinen Vater …
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Die Idee zu «Kampfszene aus der kosmisch-phantastis­chen Oper Der Seefahrer» könnte angeregt worden sein …
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Fotos: zvg/zpk «Witterndes Tier» erinnert an eine Höhlenmale­rei.
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… von drei Speeren, die in Klees Atelier standen.
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«Besessenes Mädchen» erinnert an einen Zombie aus einem Horrorfilm.

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