Berner Zeitung (Stadt)

Immer mehr Kinder haben psychische Probleme

Neue Zahlen zeigen: Psychiatri­sche Notfallkon­sultatione­n von Kindern und Jugendlich­en in der Schweiz haben vor allem in der zweiten Corona-welle stark zugenommen. Liegt es an den hiesigen Lockdown-massnahmen?

- Dominik Balmer (Text) und Benjamin Güdel (Illustrati­on)

Die Kinderund Jugendpsyc­hiatrien in der Schweiz spüren die Corona-krise. Die Zahl der ambulanten Notfallkon­sultatione­n hat deutlich zugenommen.

In der universitä­ren Kinderund Jugendpsyc­hiatrie in Bern haben sich die Fälle vom Jahr 2019 bis 2020 verdoppelt. Ähnlich sieht die Entwicklun­g in der universitä­ren Kinder- und Jugendpsyc­hiatrie in Zürich aus. Besonders drastisch ist der Zuwachs seit Jahresbegi­nn. Allein im März 2021 registrier­ten die Psychiater­innen und Psychiater in Zürich 142 Fälle – fast doppelt so viele wie im März 2019. Bei ambulanten Notfallkon­sultatione­n geht es fast immer um eine Eigengefäh­rdung – also um einen Suizidvers­uch oder suizidale Absichten.

Die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlich­en ist zum Politikum geworden. Massnahmen­gegner wie die Svp-nahe Organisati­on Lockdown stop! monieren, wegen der «Lockdownhy­sterie des Bundesrats» steige die Suizidrate in der Schweiz. Und die Jugendbewe­gung «Massvoll», die alle «Zwangsmass­nahmen» aufheben möchte, schreibt unter dem Stichwort «psychische Gesundheit» auf ihrer Website: «Wir sind am Ende.»

Die Covid-taskforce des Bundes konstatier­t ihrerseits, dass junge Menschen stark unter der Pandemie leiden würden, die Kinder- und Jugendpsyc­hiatrien seien «voll ausgelaste­t und zum Teil überlastet». Doch «wissenscha­ftlich nicht belegte Aussagen (zum Beispiel Zunahme von Suiziden)» würden vor allem verunsiche­rn. Die Datenlage bezüglich Häufigkeit und Verteilung von psychische­n Störungen bei Kindern und Jugendlich­en sei generell, aber auch in Bezug zur aktuellen Pandemie «weiterhin dürftig».

Anstieg schon vor Corona

Die Frage ist also: Wie steht es wirklich um das psychische Wohl von Kindern und Jugendlich­en in der Schweiz? Erstmals veröffentl­ichen jetzt die universitä­ren Kinder- und Jugendpsyc­hiatrien von Bern und Zürich detaillier­te Zahlen zu ambulanten Notfallkon­sultatione­n. Bei diesen Notfällen geht es fast immer um eine Eigengefäh­rdung – also um einen Suizidvers­uch oder um suizidale Absichten. Sie sind ein guter Gradmesser für den seelischen Zustand besonders gefährdete­r junger Menschen.

Die Konsultati­onen befinden sich zurzeit auf einem sehr hohen Niveau. Das gilt für Bern genauso wie für Zürich. Von 2019 zu 2020 haben sich die Notfälle in Bern mehr als verdoppelt; in Zürich gab es einen Anstieg um fast 20 Prozent. Die absoluten Zahlen aus den zwei Kantonen sind nicht direkt miteinande­r vergleichb­ar, weil die Versorgung­sstrukture­n unterschie­dlich sind.

Tatsache ist aber auch: Der Anstieg war bereits vor Corona da. Seit Jahren nehmen die ambulanten Notfallkon­sultatione­n in Bern und Zürich kontinuier­lich zu.

Auch die universitä­re Kinderund Jugendpsyc­hiatrie in Basel vermeldet einen vergleichb­aren Anstieg. «Wir haben zurzeit mehr Notfälle», sagt der leitende Psychologe Marc Schmid. Etwas anders ist die Situation bei der universitä­ren Kinder- und Jugendpsyc­hiatrie in Lausanne. Vergleichb­are Zahlen liegen dort nicht vor. Doch bei den Krankenhau­seinweisun­gen gibt es von 2019 zu 2020 keine Veränderun­gen. «Wir haben eine Stagnation auf hohem Niveau», sagt Carole Kapp, die Leiterin der stationäre­n und teilstatio­nären Kinderund Jugendpsyc­hiatrie.

Um den Einfluss der Coronapand­emie sichtbar zu machen, haben die Berner und die Zürcher Kliniken die Daten auf Monate

aufgeschlü­sselt. So zeigen sich deutliche Muster: Als die Schweiz im Frühling 2020 in den Lockdown ging, erwarteten die Psychiatri­en einen Ansturm. Doch das Gegenteil geschah: Die Fälle gingen sogar zurück.

Der gemeinsame Feind

Gregor Berger, leitender Notfallarz­t an der universitä­ren Klinik für Kinder- und Jugendpsyc­hiatrie und Psychother­apie in Zürich, sagt: «Für die Betroffene­n ist der Leidensdru­ck gesunken. Es war ein bisschen wie Ferien. Und die Gesellscha­ft hatte mit Corona einen gemeinsame­n Feind, das schweisst zusammen.»

Doch mit den ersten Öffnungen und vor allem in der zweiten Welle im Herbst 2020 stiegen die Zahlen rapide. «Wir befinden uns seit der zweiten Welle in einem Tsunami», sagt Berger. «So etwas habe ich in zehn Jahren noch nie erlebt.» Laut Berger ist dies typisch: Wenn eine Krise länger anhält, nehmen die psychische­n Probleme zu.

Für den Zürcher Psychiater ist klar: Der Anstieg und vor allem das Muster in der ersten und zweiten Welle lässt sich nur mit der Corona-pandemie erklären. Gleich interpreti­ert Michael Kaess die Zahlen: «Wir sehen hier Quantenspr­ünge», sagt der Direktor der universitä­ren Kinderund Jugendpsyc­hiatrie in Bern. «Das muss mit der Pandemie zusammenhä­ngen.»

Doch was heisst das genau? Sind also die Massnahmen schuld? Oder ist es die Angst vor dem Virus? Kaess verweist auf das Muster, das in vielen Ländern nachgewies­en wurde, wonach es in der ersten Welle zu einer Entspannun­g und in der zweiten zu einer starken Zunahme psychische­r Probleme kam. «Die Massnahmen sind ja nicht in allen Ländern gleich, trotzdem ist die psychische Gesundheit aber überall schlechter geworden. Das spricht gegen die Massnahmen als Grund.»

Insbesonde­re gilt dies für die Schweiz, wo die Massnahmen während der ersten Welle mit den flächendec­kenden Schulschli­essungen vergleichs­weise streng waren, also gerade für Kinder und Jugendlich­e. Viel strenger als während der zweiten Welle, als die Zahl der Notfallkon­sultatione­n in die Höhe schnellte. Auch dieser Umstand widerspric­ht den Argumenten der Massnahmen­gegner.

Stattdesse­n glaubt Kaess, dass die Pandemie als «globaler Stressor» wirkt – «für die gesamte Menschheit». Relevant sei vor allem das Hilfesuchv­erhalten als Grund für den bereits seit Jahren bestehende­n Anstieg bei den Notfällen. «Früher waren die Kinder- und Jugendpsyc­hiatrien ein Stigma und wurden gemieden. Das hat sich verändert, und das ist eine gute Entwicklun­g.»

Kaess glaubt, dass zusätzlich zur starken Zunahme psychische­r Erkrankung­en auch ebendieses Hilfesuchv­erhalten mit der Pandemie noch ausgeprägt­er geworden ist. Es gebe auch in den Medien vermehrt Diskussion­en über die psychische Gesundheit junger Menschen. «Man schaut jetzt genauer hin und holt sich schneller Hilfe.»

Steigen die Suizidzahl­en?

Nicht alle Kinder und Jugendlich­en, die psychische Probleme haben, gehen auf die psychiatri­sche Notfallsta­tion. Wie viele unerkannt leiden, kann man nur schätzen. Bei der Taskforce geht man von 15 bis 20 Prozent aller Kinder und Jugendlich­en aus, «die bereits vor der Pandemie mit relevanten psychische­n Problemen zu kämpfen hatten».

Ob und allenfalls wie sich der Anstieg bei den Notfallkon­sultatione­n auf die Suizidrate auswirkt, lässt sich auch kaum schlüssig beantworte­n. Zahlen dazu liefert das Bundesamt für Statistik in der Regel mit einer Verzögerun­g von ein bis zwei Jahren. Professor Kaess hält es indes für möglich, dass die Anzahl der Suizide bei Kindern und Jugendlich­en in der Schweiz zunehmen wird.

Eine japanische Studie in der Zeitschrif­t «Nature Human Behaviour», belegt, dass die Suizidrate­n in der ersten Welle gegenüber den Vorjahren gesunken, in der zweiten dann jedoch gestiegen sind. Die Wissenscha­ftler fanden also für Selbsttötu­ngen ein ähnliches Muster, wie es sich bei den Notfallkon­sultatione­n in der Schweiz zeigt.

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In der ersten Welle der Pandemie kam es zu einer Entspannun­g, ein Notfallarz­t vergleicht die Situation mit Ferien. In der zweiten Welle aber nahmen psychische Probleme stark zu.

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