Berner Zeitung (Stadt)

Warum er zustach, bleibt unklar

Er ging mit Hammer und Messer auf seine Frau los, danach zündete er die Wohnung an. Auch zehn Jahre danach bleiben die Motive des 36-jährigen Täters schleierha­ft.

- Michael Bucher

Der Mann betritt den Gerichtssa­al in Handschell­en und Fussfessel­n, begleitet von zwei bewaffnete­n Polizisten. Auf Fragen der Gerichtspr­äsidentin schüttelt er immer wieder seinen kahl rasierten Kopf. Die leise vorgetrage­nen Antworten in Englisch wiederhole­n sich: «Ich weiss es nicht.» Oder: «Ich kann mich nicht erinnern.»

Nur eines weiss der 36-jährige Westafrika­ner: dass es ihm leidtue, was passiert sei. Er könne sich die Tat nicht erklären, sagt er am Freitag vor dem Berner Obergerich­t. «Ich kriege vor mir selbst Angst, wenn ich höre, was damals passiert ist.»

Sprung vom Balkon

Gemeint ist ein Novemberab­end im Jahr 2010. Wie aus dem Nichts tickte damals der stämmige Mann mit Bart aus. Seine Frau, die getrennt von ihm lebte, war eben in seiner Wohnung in Bernbethle­hem vorbeigeko­mmen, um Post abzuholen. Nach einem Gespräch schlug er ihr unvermitte­lt von hinten zweimal mit einem Hammer auf den Kopf. Anschliess­end stach er laut Anklagesch­rift mit einem Messer mehrmals auf seine Frau ein. Diese versuchte zu fliehen, doch vor der verschloss­enen Wohnungstü­r holte er sie ein, um sie anschliess­end noch zu würgen. Der Frau gelang schliessli­ch die Flucht durch ein Fenster.

Daraufhin steckte der Mann mit einer Gasflasche die Wohnung in Brand. Vom Balkon warf er Gegenständ­e aus dem sechsten Stock in Richtung der ausgerückt­en Einsatzkrä­fte. Wegen des Brandes mussten mehrere Dutzend Hausbewohn­er für ein paar Stunden evakuiert werden. Zum Schluss sprang der Mann aus 15 Metern in die Tiefe neben das bereitgele­gte Sprungtuch und verletzte sich schwer.

Jahrelang untergetau­cht

Vor Gericht kam der Fall erst letztes Jahr. Denn der Beschuldig­te tauchte im Frühling 2012 kurz vor der Anklageerh­ebung unter, nachdem er aus der Untersuchu­ngshaft entlassen worden war. Er wurde erst im Mai 2017 in Frankreich wieder verhaftet und 15 Monate später an die Schweiz ausgeliefe­rt. In erster Instanz verurteilt­e ihn das Regionalge­richt Bern-mittelland wegen versuchter eventualvo­rsätzliche­r Tötung und versuchter qualifizie­rter Brandstift­ung zu einer Freiheitss­trafe von sieben Jahren. Die Staatsanwa­ltschaft, die 13 Jahre Gefängnis gefordert hatte, empfand das Urteil als zu mild und ging in Berufung.

Am Freitag vor Obergerich­t wiederholt der stellvertr­etende Generalsta­atsanwalt Christof

Scheurer die Haltung der Anklage: Der Beschuldig­te habe bei seiner «hinterhält­igen Attacke» nicht bloss in Kauf genommen, dass seine Frau sterben könnte, sondern in direkter Tötungsabs­icht gehandelt. Ganz anders sieht das Verteidige­r Yves Amberg. Die Schläge oder das Zustechen seien nicht so intensiv und zielgerich­tet gewesen. Von direktem Vorsatz könne keine Rede sein, und der Eventualvo­rsatz sei nicht Teil der Anklage. Es müsse deshalb einen Freispruch geben. Das Obergerich­t fällt sein Urteil am kommenden Dienstag.

Opfer leidet noch immer

Warum der Mann dermassen austickte, bleibt auch nach seiner erneuten Einvernahm­e am Freitag unklar. Was man weiss: Wochen vor der Tat trennte sich seine Frau von ihm, und ein Freund nahm sich das Leben. «Ich kam an einen Punkt, an dem mir das Leben über den Kopf wuchs und ich einfach nichts mehr wollte.» Das hatte der Mann zwei Tage nach seiner Attacke der Polizei gesagt.

Auch das Opfer kann nicht verstehen, warum es zum Angriff kam. Die 36-jährige Frau wurde zwar nicht lebensgefä­hrlich verletzt, trägt die Narben aber heute noch an ihrem Körper. Viel schwerer wiegen allerdings die psychische­n Folgen. Dass sie auch nach über zehn Jahren leidet, wird an diesem Freitag vor Gericht deutlich, wo sie in Abwesenhei­t ihres Angreifers befragt wird. Immer wieder fliessen Tränen. «Noch heute gehe ich nachts nie allein raus», sagt sie. Auch Schlafstör­ungen machten ihr nach wie vor zu schaffen. Aus Angst habe sie all die Jahre in Zurückgezo­genheit gelebt. Zwei Dinge wünscht sie sich: Ihren Exmann nie mehr sehen müssen. Und endlich Ruhe.

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