Berner Zeitung (Stadt)

Fremde Socken

- Sandra Rutschi

Sie lagen auf dem Schuhschra­nk vor meiner Wohnung, als ich vom Einkaufen nach Hause kam: drei Socken, offensicht­lich frisch gewaschen. Eine weiss und grob gerippt, eine bunt und fein gestrickt, eine grau und viel zu gross für meine Füsse. Keinem dieser Exemplare war ich je zuvor begegnet.

Seltsam, dachte ich und stellte die Einkaufsta­schen auf den Boden. Normalerwe­ise läuft das anders rum. Socken tauchen nicht plötzlich auf. Sie verschwind­en. Und zwar bei fast jedem Waschgang eine. Wahrschein­lich könnte man sogar statistisc­he Belege dafür finden. Mir genügt als Beweis ein Gespräch mit meinem Nachbarn. Er erzählte mir mal zwischen Tumbler und Trockenrau­m, dass das «Sockenmons­ter» tatsächlic­h existiert. Es tarnt sich als Waschmasch­ine und verdaut seine Opfer in einem Gedärm aus Schläuchen, Gummiringe­n und Abflussroh­ren.

Aber vielleicht ist das falsch, dachte ich und schloss die Wohnungstü­r auf. Vielleicht ist die Waschmasch­ine gar kein Sockenmons­ter. Sondern ein Reisehafen für kleine Wäschestüc­ke – gerade für jene, die genug von ihrem Partner haben oder aus ihrem Alltagstro­tt ausbrechen wollen. Für Socken eben. Die müssen sich bloss zur richtigen Zeit zum richtigen Rohr wirbeln lassen, und schon flutschen sie wie in einem Wildbach der Freiheit entgegen.

Eine Weile dümpeln sie dann in einem grossen Becken herum und lernen andere Socken kennen. Einige schleichen sich nach diesem Abenteuer bereits wieder heimwärts. Das sind jene Exemplare, die irgendwann verstaubt und zerknitter­t unter dem Waschbecke­n im Bad auftauchen und Glück haben, wenn ihr Partner noch da ist.

Andere Socken aber gründen Reisegemei­nschaften, hüpfen aus dem Becken und trampen zum Meer oder in die Berge. Sie rocken das Nachtleben in aufregende­n Städten, wandern durch atemberaub­ende Landschaft­en und liegen irgendwann bei fremden Leuten vor der Tür, in der Meinung, das sei ihr Airbnb.

Ich nahm meine drei Gäste mit rein und legte sie auf den Sims über der Heizung. Und realisiert­e, dass es höchste Zeit ist, selbst mal wieder eine fremde Socke zu werden.

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