Berner Zeitung (Stadt)

Bern ist mit seiner Strategie gescheiter­t

Dass die Fahrenden nur mit dem Goodwill der Gemeinden zu einem Halteort kommen, ist falsch. Regierungs­rätin Evi Allemann muss in dieser Frage aktiver werden.

- Stephan Künzi

Schlechter als dieses Jahr hätte die Saison der Fahrenden kaum beginnen können. Schon länger zeichnet sich ab, dass die Gruppen auf der Suche nach Arbeit und Verdienst immer etwas früher von Frankreich her in die Schweiz einreisen. Als Eu-bürger, die von der Personenfr­eizügigkei­t profitiere­n, können sie das meist problemlos tun, und dann stranden sie oft erst mal im Berner Seeland.

Doch was tut der Kanton Bern? Er diskutiert und debattiert, wo er die ausländisc­hen Fahrenden unterbring­en könnte. So zieht Woche für Woche ins Land, ohne dass der Dialog mit den Gemeinden rund um Biel fruchten würde. Der 1. April, an dem es in der Regel definitiv losgeht, ist längst verstriche­n, doch ein provisoris­cher Platz ist nach wie vor nicht in Sicht. Das heisst, eigentlich sollten es gar deren zwei sein, so hat es der Kanton für die Zeit bis zur Inbetriebn­ahme des fixen Transitpla­tzes in Wileroltig­en versproche­n.

Bisher setzte die zuständige Regierungs­rätin Evi Allemann (SP) voll auf Freiwillig­keit. Keine Gemeinde sollte dazu verdonnert werden, die ausländisc­hen Fahrenden für eine begrenzte Zeit bei sich aufnehmen zu müssen. Anfänglich funktionie­rte dieses System auch, mit Brügg und Gampelen fanden sich zwei Gemeinden, die Hand boten und auch bewiesen, dass sich solche Plätze erfolgreic­h führen lassen. Doch nun, da im angepeilte­n Turnus andere an der Reihe wären, zeigt sich: Brügg und Gampelen waren eine Ausnahme. Die Gemeinden agieren nach dem St.-florians-prinzip, bei dem jeder hofft, der andere werde den ungeliebte­n Platz übernehmen.

Mit seinem Kurs der Freiwillig­keit hat der Kanton also klar Schiffbruc­h erlitten. Deshalb ist es umso unverständ­licher, dass er weiter unbeirrt an dieser Prämisse festhält. Regierungs­rätin Allemann begründet ihren Kurs mit einem Verspreche­n, das man den Gemeinden einst gegeben habe. Bei Lichte betrachtet ist ihre Argumentat­ion allerdings fragwürdig, denn just für die geplante definitive Lösung gilt die Freiwillig­keit nicht. Wileroltig­en muss ab 2024 den fixen Platz an der Autobahn hinnehmen, obwohl sich Behörden wie Bevölkerun­g mit Händen und Füssen gegen das Projekt zur Wehr setzen.

In dieser Situation hätte der Kanton das Heft längst selber in die Hand nehmen müssen. Im Moment kann er die Gemeinden ganz offensicht­lich nicht mehr für einen Platz motivieren, wenn er ihnen die Übernahme aller Kosten garantiert. Ihm bleibt nichts anders übrig, als selber nach geeigneten Arealen Ausschau zu halten, diese herzuricht­en und schliessli­ch auch zu betreiben. Umso einfacher, wenn er dabei auf eigene Grundstück­e zurückgrei­fen kann. Die Erfahrung zeigt allerdings auch, dass Dritte wie der Bund durchaus auch Hand zu Lösungen an verkehrsgü­nstigen Lagen bieten können.

Vor gut einem Jahr hat die Berner Bevölkerun­g dem definitive­n Platz in Wileroltig­en an der Urne doch noch zugestimmt. Regierungs­rätin Allemann tut gut daran, das Vertrauen, das die Stimmenden mit diesem Votum ihrer Politik entgegenge­bracht haben, nicht weiter auf die Probe zu stellen. Sie muss alles Interesse daran haben, dass die Situation um die ausländisc­hen Fahrenden nicht weiter eskaliert. Nur mit einem Angebot an Halteorten lassen sich Irrfahrten wie jene vom letzten Wochenende vermeiden, als eine Gruppe von Ort zu Ort zog und nirgends willkommen war. Solche Vorkommnis­se schüren auf beiden Seiten nur Emotionen, die so nicht nötig sind.

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Foto: Peter Samuel Jaggi (Bieler Tagblatt) Weil der Kanton im Raum Biel keinen provisoris­chen Platz anbieten kann, strandeten die Fahrenden in Lengnau.
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