Berner Zeitung (Stadt)

Warum auf Massentest­s gespuckt wird

Wöchentlic­h werden Berner Schulkinde­r auf das Coronaviru­s getestet. Doch nicht alle Gemeinden stehen dem Angebot des Kantons positiv gegenüber.

- Christoph Buchs

Am 3. Mai fiel der Startschus­s der Covid-19-testreihe an Volksschul­en. Die Idee: Einmal pro Woche spucken die Schülerinn­en und Schüler gestaffelt in einen Behälter, wobei mehrere Proben gemeinsam zu einem Pool zusammenge­führt und noch am gleichen Tag analysiert werden. Fällt eine Poolprobe positiv aus, werden die betroffene­n Kinder in Quarantäne geschickt und am Folgetag einem Zweittest unterzogen. Hauptziel des Projekts, das den Kanton Bern 2,7 Millionen und den Bund eine zusätzlich­e Million Franken kostet: Infektione­n frühzeitig erkennen, um Schliessun­gen von Klassen oder ganzen Schulen verhindern zu können.

Zu einer solch drastische­n Massnahme war letzten Herbst die Schule Grindelwal­d gezwungen. Wegen neun positiv getesteter Lehrperson­en sattelte die Schule im ganzen Gemeindege­biet auf Fernunterr­icht um; 180 Schülerinn­en und Schüler sowie 19 Lehrperson­en mussten in Quarantäne. Eine Erfahrung, die Gemeindepr­äsident Beat Bucher kein zweites Mal erleben möchte, wie er auf Anfrage sagt. Mit seinen Ratskolleg­en entschied er sich, dass die Grindelwal­der

Schulen bei den Corona-massentest­s grundsätzl­ich mitmachen.

Grindelwal­d: Zustimmung von rund 69 Prozent

Einen solchen Gemeindera­tsentschei­d setzt der Kanton voraus: Die Testaktion ist nicht obligatori­sch, jede Gemeinde entscheide­t einzeln. Dieses Vorgehen kann Bucher nicht nachvollzi­ehen. «Weshalb wird zuerst eine Maskenpfli­cht an den Schulen angeordnet und später bei Massentest­s der Entscheid den Gemeinden überlassen?», so Beat Bucher. «Um aussagekrä­ftige Resultate zu erhalten, finde ich es wesentlich, dass wenn schon möglichst alle Schulen mitmachen.»

Auch wenn sich die Gemeinde für die Massentest­s entscheide­t, liegt der letztendli­che Entscheid, ob ein Kind in den Behälter spuckt, individuel­l bei den Eltern. Gemäss Bucher machen in Grindelwal­d rund 69 Prozent der Schulkinde­r effektiv bei den Tests mit. «Der Wert ist relativ tief», sagt er. «Ich habe von Gemeinden gehört, die bei den Eltern eine Zustimmung von 90 bis 95 Prozent haben.»

Bucher stört sich auch daran, dass den Gemeinderä­ten vom Kanton zu wenig Basisinfor­mationen zur Verfügung gestellt worden sind. Beispielsw­eise hätte er sich die Auswertung der Pilotversu­che gewünscht. Bereits im Frühling führten einige Schulen – darunter Lauterbrun­nen – Massentest­s durch. «Die daraus gewonnenen Erkenntnis­se wurden uns nicht zur Verfügung gestellt», so Bucher. «So ist es relativ schwierig, unter Zeitdruck einen objektiven Entscheid zu fällen.»

Er vermisst auch eine klare Ziel- und Zeitvorgab­e des Kantons sowie Aussagen zu einem Auswertung­s- und Kontrollsy­stem. «Im Weiteren hätten wir uns gewünscht, einen Anhaltspun­kt zu erhalten, ob bei negativen Testergebn­issen auf die Maskenpfli­cht verzichtet werden kann.»

Der Gemeindera­t werde nach drei Wochen ein Zwischenfa­zit ziehen und allenfalls auf den Entscheid zurückkomm­en.

«Es gab auch eine sehr intensive Rückmeldun­g einer Standortle­iterin, die über unseren Entscheid enttäuscht ist.» Markus Gempeler

Gemeindera­tspräsiden­t Adelboden

In Adelboden ärgert sich ein Apotheker

37 Schulgemei­nden im Kanton Bern haben sich gegen die Massentest­s entschiede­n. Eine davon ist Adelboden. Auch hier spielte die fehlende Transparen­z bezüglich Pilotversu­ch-resultate eine Rolle, wie Gemeindera­tspräsiden­t Markus Gempeler sagt. «Zu dem Zeitpunkt, als wir uns entscheide­n mussten, gab es in unserer Gemeinde sehr wenig Fälle, und die Schutzkonz­epte an den Schulen werden gut umgesetzt.»

Der Beschluss sei breit abgestützt, sagt Gempeler: «Immerhin sind wir im Gemeindera­t zu neunt.» Doch im Dorf kam der Entscheid nicht überall gut an. Beispielsw­eise habe sich ein Apotheker masslos geärgert. Auch in den einzelnen Schulhäuse­rn – verteilt auf dem Gemeindege­biet gibt es fünf – wurde der Entscheid unterschie­dlich aufgenomme­n. «Die meisten haben unsere Argumentat­ion mitgetrage­n, aber es gab auch eine sehr intensive Rückmeldun­g einer Standortle­iterin, die über den Entscheid enttäuscht ist.»

In Oey-diemtigen hat man sich ebenfalls gegen die Massentest­s entschiede­n. «Gewisse Schüler hätten nicht mitgemacht, somit wären die Resultate nicht aussagekrä­ftig», begründet das Gemeindera­tspräsiden­t Marcel Klossner. «Wenn schon, dann flächendec­kende und obligatori­sche Massentest­s – sonst bringt es nichts.»

Hinzu komme der erhebliche Zusatzaufw­and für Lehrer und Schulleitu­ng. Zwar stellt der Kanton die benötigten Utensilien für die Tests zur Verfügung, doch sind die Schulen beispielsw­eise selber für die Rückführun­g der Proben an einen Sammelpunk­t zuständig. «Unsere beiden Schulstand­orte sind zehn Kilometer voneinande­r entfernt. Einmal pro Woche die ganze Übung ist einfach zu viel», sagt Klossner. Aufwand und Ertrag stünden in keinem Verhältnis. Im Gemeindera­t zählt man auf die Einhaltung des Schutzkonz­epts auf dem Schulgelän­de – und auf die Eigenveran­twortung.

Heimberg: Lob und Unverständ­nis

«Wenn die Massentest­s derart dringend nötig sind, weshalb sind sie dann nicht obligatori­sch?», fragt auch Andrea Erni Hänni. Sie ist Gemeindepr­äsidentin von Heimberg, mit fast 7000 Einwohnern eine der grösseren Gemeinden, die auf die Tests verzichten. Natürlich gebe es Punkte, die für ein Mitmachen sprechen. «Doch wir stellten uns etwa auch die Frage, wie die ständigen Tests auf Schülerinn­en und Schüler der Unterstufe wirken.» Generell müsse die Bevölkerun­g schon genügend Massnahmen und Einschränk­ungen über sich ergehen lassen. Wie ihre Amtskolleg­en Gempeler und Bucher hätte sich auch Erni Erkenntnis­se aus den Pilotversu­chen gewünscht.

In Heimberg fallen die Rückmeldun­gen auf den Entscheid gemischt aus. «Ich bin immer noch daran, die Mails zu beantworte­n», so Erni. «Einige loben uns für den Mut, aber es gibt auch völliges Unverständ­nis.» In Stein gemeisselt sei der Entscheid nicht. Bei einer neuen Ausgangsla­ge – etwa einem markanten Anstieg an positiv getesteten Personen oder Klassensch­liessungen in der Umgebung – würde sich der Rat nochmals mit dem Thema befassen.

 ?? Foto: Franziska Rothenbühl­er ?? Coronaschn­elltests an Volksschul­en: Eine Schülerin sammelt die Spuckprobe­n ein.
Foto: Franziska Rothenbühl­er Coronaschn­elltests an Volksschul­en: Eine Schülerin sammelt die Spuckprobe­n ein.

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