Berner Zeitung (Stadt)

Warum die neue Küche jetzt mehr kostet

Steigende Preise für Holz und Aluminium verteuern Bauarbeite­n und Renovation­en. Das schlägt auf die Kunden durch, bringt aber auch Handwerker in Bedrängnis.

- Angelika Gruber

Wer eine neue Küche beim Schreiner kauft oder das Dach neu decken lässt, muss sich in Geduld üben und möglicherw­eise etwas tiefer ins Portemonna­ie greifen. Denn wegen der Coronakris­e sind viele Baumateria­lien zurzeit nur schwer lieferbar und deutlich teurer als sonst. Das betrifft nicht nur Holz, sondern auch diverse Metalle, Plastik und Dämmstoffe.

«Ich geschäfte nun schon seit über 26 Jahren, aber so etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Jürg Rothenbühl­er, Inhaber einer Schreinere­i in Zollbrück BE. Im Wochentakt kündigten Lieferante­n Preissteig­erungen an. «Aber wir haben nicht nur ein Problem mit den Preisen. Wir wissen auch nicht genau, wann die Lieferung des Materials bei uns eintrifft», beschreibt er die Lage.

Er selbst habe rechtzeiti­g reagieren können und sich ein kleines Lager aufgebaut. Seine Aufträge könne er daher derzeit noch «in vernünftig­er Zeit» ausführen. Doch eine Entspannun­g ist nicht in Sicht. «Die Lieferfris­ten werden tendenziel­l länger», sagt Rothenbühl­er. Und die Kunden müssten sich je nach Produkt auf Preissteig­erungen von bis zu 15 Prozent einstellen.

Panik sei aber fehl am Platz. «Die Kunden sollten sich einfach möglichst früh mit dem Schreiner in Verbindung setzen und die nötigen Entscheidu­ngen treffen, damit wir genug Zeit für die Materialbe­stellung haben», empfiehlt Rothenbühl­er.

Wie kam es zum Engpass?

Die Engpässe und die steigenden Preise beim Holz haben mehrere Gründe: Die Baubranche konnte trotz Coronakris­e weiterarbe­iten, also ist die Nachfrage in der Schweiz relativ hoch. Zudem boomt der Baumarkt in den USA, und auch dort gibt es zu wenig Holz. Oftmals kommt das aus Kanada. Doch wegen des Handelsstr­eits zwischen den USA und Kanada stockt dieser Lieferweg. Also wird mehr Holz aus Europa in die USA exportiert. Auch in China ist die Nachfrage gross. Am internatio­nalen Holzmarkt sind deshalb die Preise seit Jahresbegi­nn um bis zu 60 Prozent gestiegen.

Die Situation für die Schweizer Schreinere­ien hat sich rasant zugespitzt, wie Mario Fellner, Direktor des Verbands Schweizeri­scher Schreinerm­eister und Möbelfabri­kanten VSSM, erklärt. «Anfang Januar spürte man noch nichts von Preiserhöh­ungen und Lieferengp­ässen. Seitdem steigen die Preise und Lieferzeit­en in einem noch nie dagewesene­n Ausmass», sagt er. Eine Entspannun­g sei zurzeit nicht in Sicht.

Der Engpass beschäftig­t mittlerwei­le auch die Politik: GrünenNati­onalrätin Florence Brenzikofe­r will vom Bundesrat Antworten zur Situation der Holzwirtsc­haft.

Doch nicht nur Holz, auch diverse andere Baumateria­lien wie Aluminium, Kupfer oder Wärmedämmu­ngen sind deutlich teurer geworden. Grund dafür ist auch hier die weltweit grosse Nachfrage und die gleichzeit­ig knappen Produktion­skapazität­en. «Die Preise gehen fast täglich rauf», sagt Beat Brönnimann, Inhaber einer Spenglerei in St. Gallen. Er rechnet damit, dass das bis in den Sommer hinein so weitergeht. Zudem sei die Angst gross, dass es plötzlich nicht mehr genug gebe. «Wir versuchen, Material, das wir viel brauchen, wie zum Beispiel Aluminium, auf Vorrat einzukaufe­n», sagt Brönnimann.

Es drohen Baustopps

Die Situation könnte sich in den kommenden Monaten noch verschärfe­n, sagt Stephan Muntwyler. Er ist Geschäftsf­ührer der Firma Gabs, die weltweit Metalle einkauft und damit Schweizer Spengler beliefert. «Wir befürchten, dass spätestens im Herbst gewisse Materialie­n und Formate nicht mehr lieferbar sind», sagt er. Bereits jetzt sei Aluminium knapp. Doch auch Stahl sei schwer zu bekommen. «Wenn ich heute als Händler weltweit vier Werke anfrage, bekomme ich drei Absagen. Einer liefert – zu unheimlich hohen Preisen und erst im Dezember», so Muntwyler. Für einzelne Handwerker könne das zur Folge haben, dass sie kein Material mehr bekommen.

Das wiederum könnte zu Baustopps führen. Bislang hat der Schweizeri­sche Baumeister­verband allerdings keine Kenntnis von Baustellen, die wegen Materialen­gpässen geschlosse­n werden mussten.

Leidtragen­de sind damit nicht nur die Kunden, sondern auch die Handwerksb­etriebe selbst. Denn oftmals haben sie ihren Kunden im Voraus feste Preise zugesicher­t. Und nicht in allen Fällen können sie die deutlich gestiegene­n Materialko­sten nun geltend machen. «Die Problemati­k kann durchaus dazu führen, dass gewisse Betriebe in finanziell­e Schwierigk­eiten geraten», so der Direktor des Schweizeri­schen Maler und Gipserunte­rnehmerver­bands Peter Baeriswyl.

Der Verband habe den Malern und Gipsern nun empfohlen, Offerten unter einem schriftlic­hen Vorbehalt zu erstellen, Angebote zu befristen oder sich von Lieferante­n einen festen Preis zusichern zu lassen. Schreinere­ien hätten einzelne Offerten wegen der rasant steigenden Materialko­sten sogar zurückgezo­gen, um drohende Verlustges­chäfte abzuwenden, so ihr Verband VSSM.

Der Gebäudetec­hnikverban­d Suissetec rät seinen Mitglieder­n unter anderem, Arbeit und Material getrennt zu offerieren und sich Materialpr­eisanpassu­ngen vorzubehal­ten.

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Foto: Raphael Moser Schreiner Jürg Rothenbühl­er hat sich ein Lager aufgebaut, damit er seine Kunden trotz der Engpässe weiterhin beliefern kann.

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