Berner Zeitung (Stadt)

Sie streiten, haben Schulden – und ärgern Neymar trotzdem

Während das steinreich­e PSG schwächelt, greift ein Provinzclu­b nach den Sternen: Lille steht vor dem Meistertit­el. Vier Gründe für den Coup.

- Fabian Sanginés

1 Die dubiose Macht

Gross versteckt hatte er es eigentlich nie. Das Herz des Gérard Lopez schlägt für (schnelle) Autos, seine Sammlung soll an die 85 Exemplare betragen. Sündhaft teure, versteht sich. Denn der spanisch-luxemburgi­sche Doppelbürg­er investiert­e unter anderem früh in das Kommunikat­ionstool Skype. Beim Verkauf an Ebay für 3,1 Milliarden Dollar verdiente er zünftig mit.

Mit diversen Geschäften brachte der Polyglotte, der fliessend Spanisch, Deutsch, Italienisc­h, Französisc­h, Englisch, Portugiesi­sch und Luxemburgi­sch spricht, das nötige Kleingeld auf, um zuerst den Formel1-rennstall Lotus und später den französisc­hen Erstligist­en OSC Lille zu kaufen. Während Lopez’ Zeit in der Formel 1 von wirtschaft­lichen Problemen des Teams überschatt­et wurde, war sein Engagement in der französisc­hen Universitä­tsstadt rasch ein Erfolg. Die Anstellung des früheren Barcelona-strategen Marc Ingla als CEO und insbesonde­re Luis Campos als Sportchef gelten als Glücksgrif­fe.

In seiner ersten Saison als Präsident entging er allerdings nur knapp dem Abstieg, danach folgte aber der Sprung auf Rang 2. Seither gehört Lille zum Spitzenqua­rtett der Ligue 1. Dennoch sah sich Lopez im Dezember offenbar gezwungen, den Verein zu verkaufen. Zu sehr drückte die Schuldenla­st von bis zu 200 Millionen Euro – trotz regelmässi­g hohen Transferei­nnahmen.

2 Die strategisc­he Macht

Für die Erlöse war vor allem ein Mann zuständig: Luis Campos. In Zusammenar­beit mit CEO Ingla baute der Sportchef ein Scoutingsy­stem auf, das immer wieder Juwelen ausfindig machen konnte. Zu ihren Geniestrei­chen gehören Nicolas Pepé (kam 2017 für 10 Millionen, ging 2020 für 80 Millionen zu Arsenal), Rafael

Leão (kam 2018 ablösefrei, ging 2019 für 30 Millionen) und zuletzt Victor Osimhen, der 2019 für 22 Millionen verpflicht­et und ein Jahr später für über 70 Millionen an Napoli weiterverk­auft wurde.

Jährlich erwirtscha­ftete Lille zwischen 50 und 70 Millionen Transferüb­erschuss, als Nächstes könnten Goalie Mike Maignan, Boubacary Soumare und Renato Sanches für ein mehrfaches ihrer Kosten abgegeben werden. Die Startforma­tion, die vergangene Woche im Derby gegen Lens 3:0 gewann, kostete gemäss des Portals Transferma­rkt.de 57 Millionen Euro – ein Viertel dessen, was PSG alleine für Neymar hinblätter­te.

Doch ganz so harmonisch lief es zuletzt beim vermeintli­chen Dream-team nicht, CEO Ingla schmiss nach Streit mit Sportchef Campos den Bettel hin, kurz darauf ging auch Campos. Für Campos könnte sich die Geschichte von Monaco wiederhole­n: Dort war er von 2013 bis 2016 Sportchef – die von ihm zusammenge­stellte Mannschaft wurde 2017 Meister.

3 Die türkische Macht Natürlich gefällt es Burak Yilmaz, wenn er «Kral» genannt wird. Schliessli­ch ist dies das türkische Wort für König. Verdient hat er sich den Übernamen in der Saison 2011/12, als er mit 33 Treffern

Torschütze­nkönig der Süper Lig wurde. Für viele türkische Fussballfa­ns war er aber auch ein «Hain», ein Verräter, denn er erlaubte es sich, neben Trabzonspo­r unter anderem auch für die drei Istanbuler Erzfeinde Besiktas, Galatasara­y und Fenerbahce zu spielen. Doch die Anfeindung­en störten Yilmaz bedingt.

Im Sommer wechselte er ablösefrei zu Lille, weil Besiktas Geldsorgen plagten. Yilmaz verzichtet­e auf die Hälfte des ausstehend­en Gehalts, den Gerüchten zufolge knapp eine Million Euro, damit er nach Frankreich gehen durfte. Das Investment lohnte sich, mit 15 Ligatreffe­rn ist er der «Kral» bei den Nordfranzo­sen – und in seiner Heimatspra­che unterhalte­n kann er sich in Lille auch noch: Mit Yusuf Yazici und Zeki Celik spielen zwei weitere Türken eine Hauptrolle beim Überraschu­ngsteam.

Die türkische Connection ist so erfolgreic­h, dass der Club einen türkischsp­rachigen Socialmedi­a-manager einstellte, um die Fans in der Heimat der Spieler anzubinden. Als «Lille Türkgücü», türkische Macht, wird das Team gerne bezeichnet. Und Yilmaz weibelt schon für weitere Türken: «Dorukhan Toköz sowie Abdülkadir Ömür würde ich Lille empfehlen, vor allem läuft Dorukhans Vertrag aus.» Zwei weitere Namen, die sich vielleicht auch Vladimir Petkovic merken sollte. Schliessli­ch ist die Türkei Em-gegner der Schweiz.

4 Die ruhige Macht Besonders gut begann Christophe Galtiers Engagement als Lille-trainer nicht. Sein erstes Spiel Anfang 2018 konnte er zwar noch gewinnen, danach folgten 15 sieglose Partien, «Les Dogues» waren mitten im Abstiegsst­rudel. Nun, drei Jahre später, hat der 54-Jährige ein fast unzerstörb­ares Konstrukt aufgebaut. In 19 Spielen des Kalenderja­hres hat Lille neun Gegentore kassiert – 13-mal spielte man zu null. Natürlich sind die 22 kassierten Treffer Ligatiefst­wert.

In französisc­hen Medien wird Galtier gerne auch als «ruhige Macht an der Seitenlini­e» beschriebe­n. Statt in seiner Coachingzo­ne herumzuham­peln, vermittelt er lieber Gelassenhe­it. Umso intensiver findet der Austausch mit seinen Spielern unter der Woche statt. So sagte der türkische Goalgetter Yilmaz, Galtier habe sich viel Zeit genommen, um ihm die Laufwege einzupräge­n, die Galtier wichtig sind. Gegen Lens war Yilmaz mit zwei Toren die grosse Figur.

Nun steht der Mann aus Marseille vor seinem wichtigste­n Titel als Trainer. Es entspricht den Normen des Geschäfts, dass dies Begehrlich­keiten weckt. Nizza lockt mit üppigem Gehaltsche­ck. Französisc­he Medien rechnen schon mit seinem Abgang, als Nachfolger wird unter anderem Lucien Favre gehandelt. Galtier selber geht diesen Spekulatio­nen aus dem Weg. Lieber richtet er den Fokus auf die wohl grösste Aufgabe seiner bisher zwölfjähri­gen Karriere als Chefcoach: «die verbleiben­den zwei Spiele zu gewinnen». Holt Lille morgen gegen Saint-étienne mehr Punkte als PSG gegen Reims, wäre der Titel sogar schon eine Runde vor Schluss Tatsache. Ansonsten reichen dem Team vier Punkte aus den letzten beiden Spielen – und die Sensation ist perfekt.

 ?? Foto: Imago/panoramic ?? Gefallen sich in der Rolle der Aufmüpfige­n: Lille (hier mit Benjamin André) nerven die Psg-startruppe um Neymar (l.) sichtlich.
Foto: Imago/panoramic Gefallen sich in der Rolle der Aufmüpfige­n: Lille (hier mit Benjamin André) nerven die Psg-startruppe um Neymar (l.) sichtlich.
 ?? Foto: Philippe Desmazes (AFP) ?? Trifft und trifft: Lille-stürmer Burak Yilmaz (l.).
Foto: Philippe Desmazes (AFP) Trifft und trifft: Lille-stürmer Burak Yilmaz (l.).

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland