Berner Zeitung (Stadt)

«Privatsphä­re ist ein Menschenre­cht»

Während Whatsapp die Kundinnen und Kunden davonlaufe­n, freut sich der Schweizer Messenger Threema über Zulauf. Das sei erst der Anfang, sagt Silvan Engeler, einer der Gründer.

- Rafael Zeier

Herr Engeler, es gibt immer mal wieder Pannen und Pfuscherei­en bei Whatsapp und Facebook, die die Leute zur Konkurrenz treiben. Ist der aktuelle Run auf Threema einer unter vielen, oder ändert sich gerade etwas grundlegen­d?

Bei jedem Datenschut­zskandal steigen unsere Nutzerzahl­en steil an. Ich denke aber, dass wir jetzt am Anfang eines Paradigmen­wechsels stehen. Das Unbehagen gegenüber der hemmungslo­sen Monetarisi­erung von Nutzerdate­n durch Us-grosskonze­rne wächst stetig und erreicht immer breitere Kreise der Internetge­meinschaft.

Hand aufs Herz, haben Sie Whatsapp wirklich vom Handy gelöscht? Selbstvers­tändlich.

Aber auf einem Testhandy haben Sie es sicher noch?

Ja, um über die Konkurrenz auf dem Laufenden zu bleiben. Was die Funktionen unserer App betrifft, müssen wir uns ein Stück weit an Whatsapp orientiere­n.

Selber löschen ist das eine, welches ist Ihr bester Trick, um die Verwandtsc­haft oder den Freundeskr­eis für einen neuen Messenger zu gewinnen?

Der beste Weg, Freunde für Threema zu gewinnen, ist, wie Sie es schon sagen, sich selbst von Whatsapp zu lösen und nicht nur die App, sondern auch das Konto zu löschen. Weiter ist hilfreich, seinen Kontakten die Beweggründ­e für diesen Schritt darzulegen. Aufklärung ist ebenfalls ein guter Weg, andere zum Mitmachen zu animieren. Üblicherwe­ise findet der Grossteil der Kommunikat­ion mit einigen wenigen engen Kontakten statt, und es ist verkraftba­r, wenn nicht vornweg alle auf Threema umsteigen.

Wie viele neue Nutzerinne­n und Nutzer haben Sie sich zum Ziel gesetzt? Wo wollen Sie Ende Jahr sein und wo 2025? Wie viele Nutzer in den nächsten Monaten und Jahren zu den bestehende­n 9 Millionen hinzukomme­n werden, lässt sich schwer prognostiz­ieren und hängt, wie eingangs angedeutet, auch von gesellscha­ftlichen Entwicklun­gen ab. Klar ist, dass das Bedürfnis nach sicherer und privatsphä­refreundli­cher Kommunikat­ion bestimmt nicht abnehmen wird.

«Unsere Ideale bezüglich sicherer Kommunikat­ion sind nicht verhandelb­ar.»

Wie sieht es eigentlich internatio­nal aus? Wo läuft es besonders gut für Threema?

Im deutschspr­achigen Raum ist Threema momentan am stärksten vertreten, weil hier bereits eine beachtlich­e Nutzerbasi­s besteht und sich der Netzwerkef­fekt eingestell­t hat. Gerade Deutschlan­d ist für uns sehr wichtig.

Und in China?

Aufgrund der Zensur- und Überwachun­gspolitik ist China für Threema ein hartes Pflaster. Die Nutzung ist dort nur über VPN möglich, und die App ist nicht legal in den App-stores beziehbar. Trotzdem wird Threema offenbar in aktivistis­chen Kreisen gern verwendet, um sich vor Überwachun­g zu schützen.

Wie gehen Sie damit um, dass immer mehr Staaten und Behörden Zugriff auf verschlüss­elte Chats fordern? Oder Verschlüss­elung gleich ganz verbieten wollen?

Solch populistis­che Forderunge­n machen immer wieder die Runde. Ans Verbieten der Verschlüss­elung hat sich aber aus gutem Grund noch niemand gewagt, denn dadurch würde die Sicherheit aller, zum Beispiel auch die unserer Behörden und der Wirtschaft, erheblich verringert, und ein nie da gewesenes Ausmass an Cyberkrimi­nalität und Datendiebs­tählen

wäre die unvermeidb­are Folge. Niemand will das ernsthaft.

Es ist ein Dilemma. Einerseits möchte man in einem Einzelfall vielleicht sogar helfen, aber mit Blick auf das grosse Ganze geht das einfach nicht. Jedes noch so kleine Einlenken und jede noch so kleine Hintertür würde die Sicherheit aller gefährden? Richtig. Ende-zu-ende-verschlüss­elung gibt es entweder ganz oder gar nicht. Entweder können immer nur die vorgesehen­en Empfänger verschickt­e Nachrichte­n lesen, oder es gibt eine Hintertür, die sich auch Kriminelle zunutze machen können.

Bei der Debatte kommt Ihnen aber auch zugute, dass Threema anders als etwa Telegram keine öffentlich­e Komponente hat. Solange alles geheim ist, ruft das auch keine Politiker oder Journalist­en auf den Plan.

Genau, Threema ist kein soziales Netzwerk und deshalb auch nicht Ziel der wachsenden Zensurbest­rebungen, wie sie sich zum Beispiel in Deutschlan­ds Netzdurchs­etzungsges­etz niederschl­agen.

Trotzdem: Haben Sie nicht hin und wieder Gewissensb­isse, dass über Threema auch Verbrechen geplant werden könnten?

Das Recht auf Privatsphä­re ist ein Menschenre­cht. Ohne Dienste wie Threema liesse sich dieses Recht online nicht wahrnehmen, was verheerend­e Folgen für demokratis­che Gesellscha­ften hätte. Kriminelle würden hingegen auch ohne Dienste wie Threema Mittel und Wege finden, Straftaten zu planen. Also: Nein, wir haben keine Gewissensb­isse, im Gegenteil, wir sind stolz, einen Beitrag zum Schutz von Privatsphä­re zu leisten.

Reden wir noch übers Geld. Threema erwähnt gern die goldene Regel, dass man selbst das Produkt sei, wenn ein Dienst gratis ist. Nun kostet Ihre App gerade mal 3 Franken. Das ist doch nie und nimmer kostendeck­end?

Neben den mehreren Tausend neuen Privatanwe­ndern, die Threema tagtäglich herunterla­den, generieren Firmenkund­en wiederkehr­ende Einnahmen. Zum Beispiel zählen Bosch und Daimler zu den zahlreiche­n Unternehme­n, die unsere Business-lösung Threema Work einsetzen.

Wäre längerfris­tig ein Abo-modell nicht fairer und transparen­ter für eine

 ?? Foto: Manuel Rickenbach­er ?? «Internetnu­tzer beginnen sich zu fragen, wie Onlinedien­ste eigentlich finanziert sind»: Silvan Engeler.
Foto: Manuel Rickenbach­er «Internetnu­tzer beginnen sich zu fragen, wie Onlinedien­ste eigentlich finanziert sind»: Silvan Engeler.

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