Berner Zeitung (Stadt)

Ein Akt der nationalen Entkrampfu­ng

Die Schweiz und ihre Nationalma­nnschaft, das ist oft ein Knorz. Doch das «Wunder von der eine über den Sport hinaus einende Wirkung hat.

- Mario Stäuble

Als am Montagaben­d kurz vor Mitternach­t Goalie Yann Sommer mit seiner Linken den Elfmeter von Kylian Mbappé pariert, als in der Schweiz die Jubelschre­ie durch die Wohnquarti­ere hallen und die Langstrass­e explodiert, als Captain Granit Xhaka seinen Trainer Vladimir Petkovic herzt, da passiert etwas in diesem Land.

Der abgewehrte Penalty – und das damit verbundene «Wunder von Bukarest» – ist ein Akt der nationalen Entkrampfu­ng. Zwischen der wichtigste­n Sportmanns­chaft des Landes und der Bevölkerun­g, aber vielleicht auch darüber hinaus.

Ich sehe es auf den Strassen, im Netz, aber ich sehe es auch bei mir selbst.

Die Ansagen wurden nicht bescheiden­er, sondern offensiver, frecher.

Fake it till you make it

Als Elfjährige­r kaufte ich im Jahr 1994 ein rotes Lotto-Trikot der Schweizer Nationalma­nnschaft, 89.90 Franken im Ochsner Sport. Seit jenem Jahr bin ich Fan. Aber das Leibchen stopfte ich des Öfteren im obersten Regal meines Schranks ganz nach hinten, wo es bisweilen über Jahre liegen blieb. Die Nationalma­nnschaft und ich, das war ein Knorz, fast 27 Jahre lang.

Es beginnt damit, dass die Mannschaft über Jahrzehnte nie ganz das geliefert hat, was sie sich selbst vorgenomme­n hat – und gegen aussen versproche­n hat.

Als Elfjährige­r glaubte ich jedes Wort, als Trainer Roy Hodgson verkündete, man könne «viel erreichen», man stecke sich «hohe Ziele». Ich litt wie ein Hund, als Spanien die Schweiz mit drei zu null aus dem Turnier

in den USA warf. Wie, was – vorbei? Schon?

Der Ablauf wurde zum Ritual. Die Chancen stünden gut, verkündete­n Spieler, Trainer, Experten, Presse und TV-Kommentato­ren. Es sei Zeit für einen «Exploit». Dann scheiterte die Schweiz bisweilen schon in der Qualifikat­ion. Und wenn sie es bis ans Hauptturni­er schaffte, war der Auftritt blitzschne­ll wieder vorbei, in der Gruppenpha­se, spätestens im Achtelfina­l, die Schweiz geschlagen von einem Gegner, der manchmal nicht einmal besser war.

Es überrascht­e nicht weiter, dass dies immer wieder passierte: Der Schweizer Talentpool ist kleiner als jener der Spitzenlän­der, das Niveau der hiesigen Liga ist zu tief.

Das Interessan­te war aber: Die Ansagen wurden über die Zeit nicht etwa bescheiden­er, sondern offensiver, frecher. «Wir haben das Potenzial, Geschichte zu schreiben», sagte der heutige Kapitän Granit Xhaka vor der aktuellen EM zum «Blick». «Fake it till you make it», sagen die Amerikaner. Tu so, als könntest du es, bis du es tatsächlic­h kannst. Vor allem die Secondos trugen diese Mentalität in die Mannschaft hinein, mehrere Generation­en von ihnen.

Gelafert, nicht geliefert

Nur: Dieses Selbstbewu­sstsein clasht mit einer Schweizer Grundhaltu­ng, die sich auf eine zweite Formel eindampfen lässt: «Lifere, nöd lafere.» Besser vor der Arbeit schweigen und am Ende eine «guete Büez» vorzeigen können als umgekehrt. Bescheiden bleiben.

Das Vorfahren im Supersport­wagen, das Einfliegen eines Coiffeurs, das ist in dieser Lesart nur dekadente Ablenkung vom Auftrag.

Tatsächlic­h dürften weder die Frisur noch das Gefährt eines Spielers Einfluss auf dessen Leistung auf dem Platz haben. Aber hier kommt ein zweiter Konflikt ins Spiel: Die Lebenswelt­en von Fussballer­n und jene der Bevölkerun­g bewegen sich auseinande­r. Längst spielt der Grossteil der Nationalma­nnschaft bei ausländisc­hen Clubs, viele Spieler verdienen Millionen. Die Schweizer sind Teil einer globalen «Soccer Player Culture», die diesen Reichtum zelebriert und über die sozialen Medien

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Yann Sommer pariert Kylian Mbappés Elfmeter: Gewonnen! Wir alle, die Schweiz! Auf dem Spielfeld in Bukarest wird nach dem Sieg gegen Frankreich
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