Berner Zeitung (Stadt)

Der doppelte Fan Gerardo Seoane Fussball

Der frühere YB-Meistertra­iner jubelt und leidet mit der Schweiz so wie mit Spanien – darum wäre es ihm lieber, die beiden Länder würden im Viertelfin­al nicht aufeinande­rtreffen.

- Thomas Schifferle

Schweiz oder Spanien? Der ehemalige Meister-Trainer der Young Boys jubelt und leidet mit für beide Länder. Er hätte lieber kein Zusammentr­effen im Viertelfin­al.

Nach diesem Montag müssen Sie ein glückliche­r Mensch sein. Das habe ich mir auch überlegt: zwei so spezielle Spiele an einem Tag erleben zu dürfen. Einerseits mit Spanien, da kommen meine Eltern her, und ich bin gebürtiger Spanier. Anderersei­ts mit der Schweiz, wo ich geboren und aufgewachs­en bin. Ich fühle mich zu hundert Prozent als Schweizer. Und in gewissen Sachen auch zu hundert Prozent als Spanier.

Am Freitag können Sie nur gewinnen.

Wenn Sie es so anschauen wollen, dann schon. Aber ganz ehrlich, ich hätte mir lieber eine andere Paarung gewünscht als Schweiz gegen Spanien.

Wie fest leiden Sie als Trainer an einem solchen Abend?

Ich bin weniger emotional als die Fans im Public Viewing, weil ich als Trainer Emotionen gewohnt bin und damit vielleicht anders umgehe. Aber am Montag gab es schon den einen oder anderen Moment, in dem meine Gefühlslag­e speziell war. Beim Penaltysch­iessen hatte ich ein mulmiges Gefühl, ich litt mit. Und bei Spanien nahm mich das erste Gegentor nach diesem dummen Fehler des Goalies mit. Das gehört dazu.

Läuft bei Ihnen alles innerlich ab? Oder ballen Sie schon einmal die Faust – aus Freude oder Ärger?

Beim 3:3 der Schweiz jubelte ich und machte die Faust. Bei Spanien war es genau gleich. Beim 1:1 rutschte mir ein «Vamos!» raus. Beim Spiel der Nationalma­nnschaft kommen bei mir viel mehr die Gefühle auf, wie sie ein Fan hat, der mitleidet. Egal, ob Dreier- oder Viererkett­e, ein Stürmer oder zwei Stürmer – die Emotionen stehen viel deutlicher im Vordergrun­d.

Wenn Sie jetzt trotzdem als Trainer antworten: Wieso hat die Schweiz gegen Frankreich gewonnen?

Der grösste Anteil liegt nicht im technisch-taktischen Bereich, sondern in der Persönlich­keit der Mannschaft. Dass sie die Leidensfäh­igkeit hatte, den Teamgeist, den Glauben, das alles war entscheide­nd, um eine solche Leistung erbringen zu können.

Woher kommt diese Persönlich­keit? Wie gross ist der Einfluss des Trainers? Darauf versucht ein Trainer immer einzuwirke­n, schon am Anfang eines Zusammenzu­gs. Er weiss, was es braucht, um erfolgreic­h zu sein. Es braucht gute Pässe, gute Schüsse, gute Flanken. Aber schlussend­lich braucht es einen extrem guten Teamspirit – vor allem, wenn du als Schweiz auf eine grosse Mannschaft triffst.

Wo sehen Sie den Anteil von Petkovic an diesem Sieg?

Da würde ich den ganzen Staff miteinbezi­ehen. Über die letzten sieben Jahre ist etwas aufgebaut worden; es geht um einen Spielstil, der vorgibt, dass man sich nicht zurückzieh­t, egal, wer der Gegner ist. Es geht auch um den Umgang miteinande­r und um die Ruhe, die Petkovic ausstrahlt. Das machte er auch gegen Frankreich, und das in einem solchen Spiel, das eine Achterbahn­fahrt der Gefühle war. Er versuchte, fokussiert zu bleiben und die richtigen Entscheide zu treffen. Das gelang ihm auch mit den Einwechslu­ngen. Über eine Nationalma­nnschaft reden und urteilen ja alle, das ist in jedem Land so. Das ist kein einfacher Job. Da ist es eben wichtig, dass der Trainer die Souveränit­ät behält.

Die Mannschaft wurde rund um das Spiel gegen Italien teilweise heftig kritisiert. Kann das bei ihr etwas auslösen – eine Trotzreakt­ion nach dem Motto: Den Kritikern zeigen wir es jetzt?

Es gibt verschiede­ne Motivation­sarten, innere und äussere. Klar kann Kritik eine Trotzreakt­ion bewirken. Vielmehr geht es aber darum, dass diese Mannschaft wirklich stolz ist, das Land zu vertreten, dass sie auch motiviert und ehrgeizig ist, etwas Grossartig­es zu leisten. Sie spürt ja selbst auch: Hey, wir haben auch Qualität. Diese Energie, etwas von grossem Wert schaffen zu wollen, ist viel wichtiger als die fünf oder zehn Prozent Trotzreakt­ion.

Granit Xhaka ist bei der Formulieru­ng der Ziele ein völlig untypische­r Schweizer. Er hat keine Angst, selbst vom Titel zu reden.

Das drückt seine Überzeugun­g aus. Wir haben, glaube ich, den Weltmeiste­r besiegt. Und wenn man ihn schlägt, kann man schon sagen, dass man dann jeden schlagen kann. Dann ist das nicht vermessen – auch wenn das nicht meiner Art von Kommunikat­ion entspreche­n würde. Die Schwierigk­eit ist es, in vier Wochen siebenmal eine überragend­e Leistung auf den Platz zu bringen, es geht um die Tagesform und das Spielglück. Darum ist es so schwierig, den Weg bis in den Final zu schaffen.

Xhaka hielt vor dem Elfmetersc­hiessen eine emotionale Ansprache. Wäre der Glaube, etwas erreichen zu können, ohne ihn nicht derart verbreitet bei diesem Team?

Es war eindrückli­ch von Granit, ja. Er ist mehr der Vulkan, der die Teamkolleg­en anheizt. Aber es muss in dieser Mannschaft noch viel mehr Persönlich­keit haben, dass sie auf dem Platz so gut funktionie­rt. Ein Granit allein reicht da nicht. Und der Glaube kommt auch vom Trainer.

Xhaka ist gegen Spanien gesperrt. Was verliert die Schweiz mit ihm?

Sicher den Fixpunkt im zentralen Mittelfeld, der gegen Frankreich zeigte, wieso er in einer Topliga zu den besten Spielern gehört. Er erobert Bälle, seine Passqualit­ät ist gross, er denkt strategisc­h, er rennt viel. Nein, ihn kann man nicht ersetzen.

Wenn ich nun bei uns auf der Bank schaue, sehe ich trotzdem Spieler mit Qualität, die ihn vertreten können. Ein Sow, ein Zakaria. Aber natürlich wäre es besser, wenn Granit spielen würde.

Er selbst geht ja davon aus, dass seine Teamkolleg­en gegen Spanien einen grossen Match machen und er dann am Dienstag im Halbfinal in London ein Heimspiel hat. Okay. Es ist alles möglich.

Wie geht eine Mannschaft mit einem solchen Erfolg um, wenn sie das nicht gewohnt ist? Wie schwierig ist das?

Die Achterbahn von Sieg und Niederlage in der Gruppenpha­se ist entscheide­nd in einem solchen Turnier. Gegen Italien waren alle enttäuscht. Vier Tage später zeigte die Schweiz eine ganz andere Leistung. Jetzt ist sie euphorisch. Sie muss das zum einen verarbeite­n, zum anderen muss sie den Schwung mitnehmen. Wichtig ist, dass sie den Moment des Sieges in vollen Zügen genoss, aber schon am nächsten Morgen bei der ersten Ansprache ist es ebenso wichtig, dass der Trainer den Fokus auf die nächste Aufgabe richtet und die Mannschaft erklärt, wieso sie so gut war. Ohne dabei den Bogen zu überspanne­n. Es bringt ja nichts, wenn alle schon drei

Tage vorher das Gefühl haben, sie würden in den Krieg ziehen.

Sie hören gerne spanische Radiosendu­ngen, wenn es um Fussball geht …

... ja …

... haben Sie das am Montag auch wieder gemacht?

Am Dienstagmo­rgen.

Und was haben Sie gehört? Dass alle Spanier sagten: Eigentlich haben wir Freude, dass wir nicht gegen Frankreich müssen, aber es wäre gar nicht so schlecht, wenn wir nicht Favorit wären.

Dieses Denken ist aber aussergewö­hnlich für diese grosse Fussballna­tion.

Die Spanier haben keine Mannschaft mit Spielern, die schon 100 Länderspie­le haben. Sie sind jung. Und sie wurden in den ersten beiden Runden (Remis gegen Schweden und Polen) hart kritisiert, weil sie noch unruhig und nicht befreit waren.

In den vier bisherigen Partien spielten sie durchschni­ttlich 826 Pässe. Gefällt Ihnen dieser Fussball?

Die ersten beiden Spiele waren nicht das, was mir gefällt, es war auch nicht das, was Spanien selbst zeigen wollte. Die Mannschaft hatte grausam Mühe, den Ballbesitz in torgefährl­iche Situatione­n umzumünzen. Es war in Spanien ein heiss diskutiert­es Thema, dass die Spieler ermuntert werden sollen, mehr in den Abschluss zu gehen. In den letzten beiden Spielen (5:0 gegen die Slowakei, 5:3 gegen Kroatien) traten sie ganz anders auf, weil sie viel mehr die 1-gegen-1Situation­en suchten und in den Strafraum gingen. Wir haben ja die schnellen, wirbligen Flügel für diese Art von Fussball.

Sie sagen «wir» …

Ja, ich sage aber auch, wir haben einen guten Granit Xhaka. Ich identifizi­ere mich voll mit beiden Mannschaft­en. Sie sind sehr ähnliche Wege gegangen: in der Vorrunde kritisiert, sich gefangen und jetzt beide mit Teamspirit und Willen und Energie in hoch emotionale­n Spielen eine Runde weitergeko­mmen.

Wie schauen Sie den Match am Freitag?

Dann schaue ich ihn nicht mehr wie am Montag mit ein paar Kollegen in Luzern. Dann bin ich in Leverkusen und sehe ihn mir wahrschein­lich allein an.

Eine Frage ist unumgängli­ch: Was tippen Sie?

Puuuh … Es kann eine klare Sache geben für die Spanier, wenn sie einen Toptag erwischen. Wenn die Schweiz gewinnt, wird es eher knapp sein. Ich tippe, dass es in die Verlängeru­ng geht und es auch ein Elfmetersc­hiessen geben kann. Und dass der Glücksfakt­or entscheide­t. Ich kann Ihnen aber wirklich nicht sagen, wer weiterkomm­t.

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Foto: Daniel Mihailescu (Keystone) «Das war eindrückli­ch»: Gerardo Seoane über Granit Xhaka, wie er das Team vor dem Elfmetersc­hiessen einschwört.

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