Berner Zeitung (Stadt)

Bernexpo-Chef hat grosse Ziele

Seit März steht Tom Winter an der Spitze des Messeunter­nehmens Bernexpo. Als er antrat, stand das Geschäft still. «Wir sind wieder zurück», lautet jetzt seine Botschaft.

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Messen Mitten im Lockdown trat Tom Winter die Stelle als CEO von Bernexpo an. Die ganze Branche war vom Bundesrat mit einem Quasi-Berufsverb­ot belegt. Das hinderte den gebürtigen Stadtberne­r nich daran, einige Wochen später eine Veranstalt­ung zu organisier­en, an der zuerst EM-Spiele gezeigt werden, danach gibts ein Open-Air-Kino und schliessli­ch Auftritte von Oesch’s die Dritten und Francine Jordi. Kurz nach seinem Antritt im März sagte das Stadtberne­r Stimmvolk Ja zur neuen Festhalle. Deren Neubau und Konzeption wird Winter in den nächsten Jahren beschäftig­en. Zudem hat die Bernexpo mit der Sportgastr­o einen neuen Gastropart­ner an der Seite.

Stellen Sie sich vor, Sie werden Messechef, doch das Geschäft ist tot. So lässt sich der Stellenant­ritt des neuen BernexpoCh­efs Tom Winter beschreibe­n. Als er im März seinen neuen Job beim Messeunter­nehmen antrat und damit Jennifer Somm ablöste, waren Ausstellun­gen verboten.

Beim Besuch auf dem BernexpoGe­lände will Tom Winter unterstrei­chen, dass er Akzente gesetzt hat: «Ich möchte Ihnen unsere Büros zeigen, die umgebaut werden», sagt er bei der Begrüssung. Beim Eingang an der Tschäppäts­trasse geht es hinauf zu den Bürofläche­n von Bernexpo. Viele Angestellt­e sind am Montagmorg­en aus dem Homeoffice ins Büro zurückgeke­hrt. Im Grossraumb­üro zeigt sich an vielen Details, dass die Umbauarbei­ten noch nicht abgeschlos­sen sind.

«Wir haben viele Wände rausgeriss­en. Auch ich habe kein eigenes Büro mehr. Zudem haben wir die Geschäftsl­eitung und die EventOrgan­isation unter ein Dach gebracht», erzählt Winter. Das Grossraumb­üro nebenan ist noch leer. Zwei Handwerker montieren Holzregale. Sie tragen TShirts mit dem BernexpoLo­go. «Wir haben intern viele Handwerker aus dem Messebau, die wir für diesen Umbau eingesetzt haben. So sparen wir Kosten», erzählt Winter.

Tom Winter ist ein «Gieu us em Wyssebüehl». Er ist in dem Stadtberne­r Quartier aufgewachs­en. Für das Bauingenie­urStudium ging er an die ETH Lausanne. Seinen ersten Job trat er beim Mobilfunka­nbieter Orange an. Seine Aufgabe war es, Standorte für die Mobilfunka­ntennen zu finden. Dann zog es ihn in Richtung Verkauf. Er baute für Orange ein Netz von eigenen Shops und anschliess­end das Geschäft in der Dominikani­schen Republik auf.

Im Jahr 2012 wechselte er zu UPC Cablecom und zwei Jahre später zur GlobusGrup­pe, wo er Stellvertr­eter des CEO wurde. Nach dem Verkauf von Globus ins Ausland verliess er das Unternehme­n und gründete mit einem Partner in der Region Bern das Unternehme­n Rüedu, das ein Netz von unbediente­n, digitalisi­erten Quartierlä­den aufbaut.

Der 46jährige Manager fühlt sich aufgrund seiner berufliche­n Erfahrunge­n gerüstet, um

«Ein digitales Format kann den Besuch einer Messe nicht ersetzen.»

Tom Winter

das Messegesch­äft jetzt wieder zum Laufen zu bringen. Das sind die Baustellen, die der Bauingenie­ur anpacken will:

1 Das Messegesch­äft und die Überbrücku­ng

Auf dem Gelände von Bernexpo herrscht wieder Betrieb. Impfwillig­e gehen in Richtung Festhalle, wo der Kanton ein Impfzentru­m betreibt. Studierend­e der Universitä­t Bern machen sich auf, um in der neuen Ausstellun­gshalle ihre Prüfungen abzulegen. «Uns war es sehr wichtig, dass wir den Auftrag für den Betrieb des Impfzentru­ms erhalten. So können wir in einer Zeit, in der das Messegesch­äft darniederl­iegt, einen gewissen Umsatz erzielen», betont Winter.

Im ersten Halbjahr durften wegen der CoronaMass­nahmen keine Ausstellun­gen stattfinde­n. Bernexpo entwickelt­e deshalb digitale Formate. So wurde die Ausbildung­smesse BAM erstmals auf diese Weise durchgefüh­rt. Allerdings: «Ein digitales Format kann den Besuch einer Messe nicht ersetzen. Und für Bernexpo bedeutet das, dass auch die Besucherza­hlen und Umsätze einen Bruchteil des normalen Geschäfts ausmachen.»

Derzeit sieht alles danach aus, dass im zweiten Halbjahr die Durchführu­ng von Messen wieder möglich sein wird. «Unsere fünf wichtigste­n Anlässe werden der CaravanSal­on, das Gamerfesti­val Herofest, die Ausstellun­gsmesse BAM sowie die Fachmessen Sindex und Ornaris sein», sagt Winter.

Mitten in der CoronaKris­e konnte Bernexpo auch einen Erfolg verbuchen: Die MotoSwiss, die Ausstellun­g der nationalen Motorradbr­anche, wird vom 3. bis zum 6. März 2022 erstmals in Bern anstatt in Zürich stattfinde­n, wie im April bekannt wurde. «Solche Zeichen waren für unsere Angestellt­en wichtig. Dies, weil sie zeigen, dass das Geschäft nach dem Abflauen der CoronaKris­e wieder weitergeht», sagt Winter.

2 Ein Sommerfest mit Francine Jordi und Co.

Der neue BernexpoCh­ef zeigt mit einem gewissen Stolz das Festivalar­eal mit grosser Bühne, das zwischen der Curlinghal­le und der Postfinanc­eArena aufgestell­t worden ist. «Summer in the City» soll ein Fest anlässlich des mutmasslic­hen Endes der CoronaPand­emie sein. Bernexpo hat mit

«Die Ausstellen­den unterschre­iben derzeit rege Verträge, und das Interesse ist definitiv da.»

Tom Winter

Partnern einen beträchtli­chen Betrag für die Infrastruk­tur und die Gagen der Stars investiert. Winter ist überzeugt, dass sich der Aufwand lohnen wird.

Das Programm beinhaltet zum einen Public Viewings der FussballEM seit den Achtelfina­ls. Pro Tag sind maximal 300 Personen zugelassen. Ab dem 16. Juli zeigt Bernexpo Filme auf der Grossleinw­and, vom 23. Juli bis zum 7. August werden Musikerinn­en und Musiker ihre Comebacks auf der Bühne geben: Oesch’s die Dritten und Francine Jordi geben ein Doppelkonz­ert. Zudem sind Beatrice

Egli, Stefanie Heinzmann und die niederländ­ische Saxofonist­in Candy Dulfer gebucht. Die Veranstalt­er sprechen von einer Zuschauerk­apazität von 2000 Personen.

3 «Endlich wieder BEA» im nächsten Jahr

In diesem Jahr hegte die Bernexpo bis zuletzt Hoffnungen. Und musste dann doch die Publikumsm­esse BEA 2021 absagen. Es war die zweite Absage in Folge. Tom Winter ist guter Dinge, dass die BEA vom 29. April bis zum 8. Mai 2022 stattfinde­n kann. «Wir planen für 2022 eine normale BEA», sagt er. Das Motto ist bereits bekannt: «Endlich wieder BEA». «Die Ausstellen­den unterschre­iben derzeit rege Verträge, und das Interesse ist definitiv da», so Winter. Er stellt sich aber darauf ein, dass gewisse Aussteller weniger Fläche buchen werden.

Parallel arbeiten die Verantwort­lichen an einem Konzept, damit die Messe – falls ihr denn Mutationen des Coronaviru­s wiederum einen Strich durch die Rechnung machen sollten – mit einem Schutzkonz­ept oder allenfalls digital durchgefüh­rt werden kann.

4 Viel Neues im Gastrobere­ich

Bis zum Ausbruch der CoronaKris­e wurde die Gastronomi­e auf dem BernexpoGe­lände vom Zürcher Frauenvere­in (ZFV) geführt. Doch das Unternehme­n liess den Vertrag auslaufen.

Per August springt die Sportgastr­o AG – eine Tochterges­ellschaft des SC Bern – in die Bresche und übernimmt das Catering und das Restaurant Henris. «Wir arbeiten derzeit das neue Konzept für das Restaurant aus und suchen einen neuen Namen», sagt Tom Winter. Das Engagement eines Sternekoch­s ist frühestens im Hinblick auf die Eröffnung der Festhalle ein Thema.

5 Die Arbeiten für die neue Festhalle

Am Ende der ersten Arbeitswoc­he von Tom Winter als BernexpoCh­ef fällte das Stadtberne­r Stimmvolk einen wegweisend­en Entscheid: Es stimmte einem Beitrag von 15 Millionen Franken an den Bau einer neuen Festhalle zu. Das Abstimmung­sergebnis fiel mit einem JaStimmenA­nteil von 51,1 Prozent äusserst knapp aus. Das VolksJa war für das Unternehme­n jedoch enorm wichtig, weil der Kanton Bern seinen Beitrag von 15 Millionen Franken von demjenigen aus der Stadt Bern abhängig gemacht hatte.

Die Projektarb­eiten für den Bau der neuen Festhalle laufen nun auf Hochtouren. «Es ist unser Ziel, dass wir in diesem Herbst das Baugesuch einreichen können», sagt Winter. Läuft alles nach Plan, ist die Eröffnung im Jahr 2024 vorgesehen. Bereits jetzt arbeitet das zuständige Team daran, für die Zeit danach Kongresse, Konzerte und andere Grossveran­staltungen nach Bern zu holen.

6 Das Warten auf die Härtefallg­elder

Bernexpo blickt wegen der CoronaKris­e auf ein historisch schlechtes Geschäftsj­ahr 2020 zurück. Der Umsatz brach von knapp 50 Millionen Franken im Vorjahr auf 24,4 Millionen ein. Der Verlust belief sich auf 16,1 Millionen Franken.

Tom Winter erwartet, dass ein Teil dieses Verlusts durch die Härtefallg­elder gedeckt werden kann. Die Entscheide über die Gesuche in Millionenh­öhe stehen noch aus. Auch für die entgangene­n Umsätze im ersten Halbjahr 2021 wird Bernexpo ein Gesuch einreichen.

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Tom Winter sieht sich als Gastgeber auf dem Bernexpo-Areal. Derzeit sieht alles danach aus, dass dort im zweiten Halbjahr die Durchführu­ng von Messenwied­er möglich sein wird.
 ?? Foto: Valerie Chételat ?? Derzeit ist das Restaurant Henris geschlosse­n. Bernexpo sucht einem neuen Namen und tüftelt an einem neuen Konzept.
Foto: Valerie Chételat Derzeit ist das Restaurant Henris geschlosse­n. Bernexpo sucht einem neuen Namen und tüftelt an einem neuen Konzept.
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Foto: Raphael Moser Ein Blick ins Impfzentru­m, das sich in der alten Festhalle befindet – ein wichtiger Auftrag für Bernexpo.
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Foto: Urs Baumann Die Publikumsm­esse BEA musste nun zwei Jahre aussetzen. Für das nächste Jahr besteht Hoffnung.
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Foto: Nicole Philipp
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Foto: Beat Mathys Die alte Festhalle will Bernexpo durch einen Neubau ersetzen. Das Baugesuch soll im Herbst publiziert werden.

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