Berner Zeitung (Stadt)

Masken nur für Ungeimpfte – für Berset keine Option

Der Bundesrat rechnet im Herbst mit einem Anstieg der Fallzahlen bei den Ungeimpfte­n. Käme das Gesundheit­swesen deshalb an Grenzen, hätte das auch Folgen für Geimpfte.

- Luca De Carli

Erleben wir gerade ein Déjà-vu? Ziemlich genau vor einem Jahr, die erste Corona-Welle war gerade vorbei, hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein Konzept für einen allfällige­n Wideransti­eg der Fälle im Herbst/Winter veröffentl­icht. Die Stimmung damals bei den politische­n Verantwort­lichen und in der Bevölkerun­g lässt sich mit einem Satz zusammenfa­ssen: «Wir können Corona.» Die zweite Welle überrollte die Schweiz trotzdem.

Heute ist die Stimmung im Land dank der Impfung ähnlich gelassen wie im Juni 2020. Und wieder präsentier­t der Bund ein Konzept für die Herbst- und Wintermona­te. Doch anders als damals das BAG («Ein starker Anstieg der Fallzahlen wird die Schweiz nicht mehr in gleichem Masse überrasche­n») kommunizie­rt der Bundesrat jetzt deutlich vorsichtig­er. Gesundheit­sminister Alain Berset warnt bereits vor einer weiteren Corona-Welle bei Personen, die nicht geimpft sind. «Wir wollen uns aber so gut wie möglich darauf vorbereite­n», sagte er am Mittwoch.

Wie sieht dieses neue Konzept aus, und welche Massnahmen drohen im Herbst, wenn die Fallzahlen erneut stark ansteigen sollten? Die wichtigste­n Fragen und Antworten zum Plan des Bundesrate­s:

Womit rechnet der Bundesrat im Herbst und Winter?

Das Konzept des Bundesrats enthält drei Szenarien:

1. Die Zahlen bleiben auch in den kalten Monaten auf tiefem Niveau. Kleinere Ausbrüche oder leicht steigende Zahlen sind kein Problem für das Gesundheit­swesen. Die Krise wäre zu Ende, es bräuchte überhaupt keine Massnahmen mehr.

2. Die Zahlen steigen stark an – vor allem unter den Ungeimpfte­n. Das Gesundheit­swesen stösst wieder an Grenzen. Es werden erneut Massnahmen nötig.

3. Die Schweiz erreichen neue Virusvaria­nten, vor denen die Impfung nicht schützt. Es kommt zu einer grossen Welle, die die gesamte Bevölkerun­g betrifft. Es werden wieder einschneid­ende Massnahmen nötig.

Die Szenarien 1 und 3 bezeichnet Alain Berset als wenig wahrschein­lich. Man bereite sich deshalb auf das Szenario 2 vor – das Hauptszena­rio.

Wie würde der Bundesrat auf Szenario 2 reagieren? Bislang sah der Plan des Bundesrate­s so aus: Voraussich­tlich Ende August sind in der Schweiz alle Erwachsene­n vollständi­g geimpft, die das wollen. Gemäss aktuellen Umfragen dürften das rund drei Viertel aller Erwachsene­n sein. Ab dann sollen auch die letzten verblieben­en CoronaMass­nahmen schrittwei­se abgebaut werden. Der Bundesrat nennt sie «Basismassn­ahmen» und meint damit insbesonde­re die Maskenpfli­cht im öffentlich­en Verkehr und in öffentlich zugänglich­en Innenräume­n wie zum Beispiel Läden. Sowie die Abstandsvo­rschriften.

Kommt es im Herbst oder Winter tatsächlic­h zu Szenario 2, will der Bundesrat vor allem auf Basismassn­ahmen setzen, um eine Überlastun­g des Gesundheit­ssystems zu verhindern. Gelten würden diese für Geimpfte wie auch für Ungeimpfte. Alain Berset sagte gestern dazu: Sollte eine Maskenpfli­cht wieder oder immer noch nötig sein, dann für alle. Anders sei diese Massnahme nicht umsetzbar.

In seinem Konzept hält der Bundesrat aber auch fest, dass in Szenario 2 weitergehe­nde Massnahmen wie Beschränku­ngen für Veranstalt­ungen nur für Personen ohne Covid-Zertifikat gelten würden.

Wie sollen die Kinder geschützt werden?

Mit einer Impfung für Kinder unter 12 Jahren rechnet der Bundesrat erst zu Beginn des nächsten Jahres. Bei einer Welle in den Herbst- oder Wintermona­ten wären Kinder also noch nicht durch eine Impfung geschützt.

Als wichtigste Gegenmassn­ahme sieht der Bundesrat repetitive Tests in Schulen und eventuell auch Kindergärt­en und Kinderkrip­pen vor. So soll der Betrieb ohne einschränk­ende Massnahmen fortgeführ­t werden können.

Allerdings sind die Kantone für die Ein- und Durchführu­ng solcher präventive­r Massentest­s zuständig. Im Frühjahr haben sich viele dagegen gewehrt. Alain Berset zeigte dafür am Mittwoch wenig Verständni­s. Er erwarte, dass alle Kantone an den Schulen testen. In Israel und Grossbrita­nnien habe sich gezeigt, dass die Schulen ein Treiber bei der Verbreitun­g der Delta-Variante seien. Diese ansteckend­ere Variante dürfte in einigen Wochen auch in der Schweiz dominieren.

Was tut der Bundesrat sonst noch, um gerüstet zu sein? Selber geht der Bundesrat bis im August in die Sommerpaus­e. In der Zwischenze­it hat er Ämtern und Kantonen diverse Aufträge erteilt. Sie sollen vor allem dafür sorgen, dass im Fall einer weiteren Welle anders als im Herbst vor einem Jahr genügend Kapazitäte­n im Contact-Tracing vorhanden sind und dass neue Virusvaria­nten schneller entdeckt und besser überwacht werden.

Und was passiert, wenn doch Szenario 3 eintreten sollte?

Der Bundesrat hält in seinem Konzept klar fest: Die Vorbereitu­ngen für Herbst/Winter sollen mit Fokus auf Szenario 2 stattfinde­n. Sollten bis dann aber tatsächlic­h heute noch nicht bekannte Virusvaria­nten auftreten, die den Schutz der vorhandene­n Impfungen umgehen, könnten diese ein «starkes staatliche­s Eingreifen» nötig machen. Was genau damit gemeint ist, wird im Konzept nicht ausgeführt. Der Bundesrat hält aber fest, dass davon auch Geimpfte und Genesene betroffen wären.

 ?? Foto: Alessandro Crinari (Keystone) ?? Die Maskenpfli­cht im öffentlich­en Verkehr soll aufgehoben werden ‒ doch nur, wenn die Zahlen tief bleiben.
Foto: Alessandro Crinari (Keystone) Die Maskenpfli­cht im öffentlich­en Verkehr soll aufgehoben werden ‒ doch nur, wenn die Zahlen tief bleiben.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland