Berner Zeitung (Stadt)

Der langsamste und billigste Flieger gewinnt

- Christian Zürcher

Wer einmal einen Piloten einer F-35 über ebendiese sprechen gehört hat, kommt ins Staunen. Was dieser Flieger bei Piloten auslöst, was dieser alles kann!

Als «Pilotennir­wana» bezeichnet Alan Norman das Flugerlebn­is. Als Cheftestpi­lot von F-35-Hersteller Lockheed Martin ist er aber nicht ganz unabhängig. Früher sei Fliegen vergleichb­ar gewesen mit Auf-einemBein-Stehen – man musste sich immer konzentrie­ren, um nicht umzufallen. Heute sei es furchtbar einfach. «Du beginnst anders zu denken, du siehst plötzlich die Welt anders», sagt Norman.

95 Punkte Vorsprung

Die F-35 Typ A erreichte 336 Punkte in der Evaluation des VBS, mindestens 95 Punkte mehr als die anderen Kandidaten, der Eurofighte­r von Airbus, die Rafale von Dassault und die Super Hornet von Boeing.

Die F-35A war der modernste Flugzeugty­p in der Auswahl, der einzige Flieger der fünften Generation. Das heisst: durch Tarnkappen für Radarsyste­me unauffindb­ar, ausgestatt­et mit unzähligen Sensoren, Kameras und Lasern: ein fliegender Computer. Dies war in der Evaluation ausschlagg­ebend, gerade beim Hauptkrite­rium Wirksamkei­t.

«In der Wirksamkei­t erreicht die F-35A das beste Resultat durch ihren ausgeprägt­en technologi­schen Vorsprung», bilanziert das VBS. Mit den modernen

Systemen erreiche das Flugzeug gegenüber den Konkurrent­en eine Informatio­nsüberlege­nheit. Was wiederum von Bedeutung sei für den Luftpolize­idienst.

Die technische Überlegenh­eit soll die Luftwaffe auch ökologisch­er machen. Bei der F-35A fallen 5000 Flugstunde­n pro Jahr an und damit 20 Prozent weniger als bei den Konkurrent­en. Hier waren nicht die Simulators­tunden entscheide­nd, sondern das einfachere Fliegen, das weniger Trainingsf­lüge erfordert und den CO2-Ausstoss um 25 Prozent senken soll. Das VBS geht davon aus, dass der technologi­sche Vorsprung «bis weit in die Zukunft» anhält.

Ebenfalls am besten schnitt der Flieger bei den Kriterien Unterhalt sowie der Kooperatio­n mit anderen Ländern ab. Zudem behält die Schweiz die Datenhohei­t. Sie bestimmt, ob und welche Daten ausgetausc­ht werden.

Neben den technische­n Aspekten spielte auch der Preis eine Rolle. Die 36 Flugzeuge kosten mit 5,068 Milliarden Franken weniger als die vom Stimmvolk beschlosse­nen 6 Milliarden. Über die Betriebsda­uer von 30 Jahren kostet die F-35A-Flotte samt Unterhalt 15,5 Milliarden Franken und damit rund 2 Milliarden weniger als die Konkurrent­en.

Doch die F-35A hat auch Angriffsfl­ächen. Sie war 2006 erstmals in die Luft gestiegen, das Pentagon fand im Oktober 2020 871 Mängel, davon zehn schwere.

Dänemark, ein anderer Abnehmer, beklagt Zusatzkost­en in Milliarden­höhe. Der Jet ist zwar hochmodern, aber noch immer nicht vollends funktionst­üchtig.

Und dann sind da ganz praktische Dinge. Die F-35A hat ihre Stärke im Verbund und ist auf Angriffe spezialisi­ert. Die Schweizer Luftwaffe aber hat primär defensive Ziele.

«Lahme Ente»

Die F-35A ist zudem mit einem Triebwerk ausgestatt­et. Dadurch steigt sie verhältnis­mässig langsam. Laut Luftfahrte­xperte Georges Bridel hat das Flugzeug rund eine Minute und damit 50 Prozent länger als seine Konkurrent­en, bis es auf 11’000 Meter ist und die Überschall­geschwindi­gkeit erreicht. «Im Luftkrieg sind das Ewigkeiten», sagt Bridel gegenüber «Infosperbe­r».

Solche Aussagen seien mit Vorsicht zu geniessen, sagt Bernhard Berset, Cheftestpi­lot bei Armasuisse. Man habe sich auf nicht öffentlich­e Daten gestützt, da hätten die Anbieter vergleichb­are Steigzeite­n gehabt. Tatsache ist aber: Die F-35A fliegt maximal Mach 1,6. In Fliegerkre­isen ist von einer «lahmen Ente» die Rede. Darauf angesproch­en, sagte Pilot Drew Allen von der US Air Force 2019 an den Testtagen in Payerne, es komme auf den Kampfmodus an. «There, we will kick their asses.»

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