Berner Zeitung (Stadt)

Trump buhlt um Aufmerksam­keit

Der ehemalige US-Präsident gibt 22 Interviews für 17 Bücher und tritt auch wieder öffentlich auf. Die grosse Frage lautet: Will er noch einmal ins Weisse Haus?

- Christian Zaschke,

Es steht ausser Frage, dass weite Teile der USA den 4. Juli, den Nationalfe­iertag, so ausgelasse­n begehen werden wie lange nicht. Präsident Joe Biden will zu diesem Datum verkünden, dass 70 Prozent der Amerikaner mindestens eine Impfdosis erhalten haben, und selbst wenn diese Zahl nicht erreicht wird, überwiegt das Gefühl, die Pandemie überwunden zu haben. Es wird Feuerwerke geben, Konzerte, Grillparty­s, jede Menge Flaggen.

Bei diesen Feierlichk­eiten wollte der ehemalige Präsident Donald Trump nicht aussen vor bleiben. Also hatte er für den 4. Juli einen Auftritt in der Stadt Mobile im Bundesstaa­t Alabama geplant. Alabama ist ein solider republikan­ischer Staat. Ein Heimspiel für Trump, konnte man meinen.

Absage von Trumps Auftritt

Nun hat Alabama den Auftritt Anfang der Woche abgesagt mit der bemerkensw­erten Begründung, es könne sich womöglich um eine «parteiisch­e politische Veranstalt­ung» handeln. Noch bemerkensw­erter erscheint, dass die Absage auf Drängen der Republikan­er in Mobile erfolgte.

An Unterstütz­ung für Trump mangelt es dennoch nicht in der Partei, die ihm weiterhin grösstente­ils ergeben ist. Vor gut zwei Wochen ist er 75 Jahre alt geworden. Er feierte in seinem Golfresort in Bedminster, New Jersey, wo er den Sommer verbringt. Den Winter und den Frühling hatte er in seinem Golfresort Mar-a-Lago in Florida verbracht, doch in Florida wird es ihm sommers zu heiss. Zum Geburtstag machten ihm einige Republikan­er die Aufwartung, darunter die der Waffenlobb­y nahestehen­de Abgeordnet­e Lauren Boebert, die auf Twitter schrieb, Trump arbeite weiterhin so hart wie eh und je daran, Amerika wieder grossartig zu machen.

Seine grössten Hits

In welcher Weise genau Trump an diesem Unterfange­n arbeitet, ist indes unklar. Am vergangene­n Wochenende hatte er seinen ersten grösseren Auftritt, seit er das Weisse Haus im Januar verlassen musste. Er sprach in Ohio vor einigen Tausend Fans, und er bot der Menge ein Medley seiner grössten Hits. Unter anderem wiederholt­e er seine Lüge, dass ihm die Wahl gestohlen worden sei, und er schimpfte auf Republikan­er, die ihn bei dieser Lüge nicht unterstütz­en.

Abgesehen davon hat Trump in den vergangene­n Monaten wenig getan, was man als Arbeit an der Grossartig­keit Amerikas interpreti­eren könnte. Wie das Magazin «Axios» berichtet, hat er stattdesse­n vor allen Dingen daran gearbeitet, dass er nicht in Vergessenh­eit gerät, indem er 22 ausführlic­he Interviews für 17 Bücher gewährte, die in den kommenden Monaten über ihn erscheinen sollen.

Das sind, wohlgemerk­t, nur die Bücher, an denen Trump aktiv als Gesprächsp­artner mitgewirkt hat. Mit Reportern wie dem Watergate-Enthüller Bob Woodward mochte er lieber nicht sprechen, was diesen nicht davon abhalten wird, sein drittes kritisches Buch über Trump zu veröffentl­ichen.

Den Anfang der Bücherwell­e wird nach letztem Stand Michael Wolff machen, dessen Werk «Landslide» (deutscher Titel: «77 Tage») sich mit den letzten Tagen der Präsidents­chaft beschäftig­t und Ende Juli erscheint. Wolff hatte Anfang 2018 mit dem Buch «Fire and Fury» Aufsehen erregt, in dem er ein dysfunktio­nales Weisses Haus beschrieb. Trump gewährte ihm nun gleich zwei lange Interviews.

Ein Autor schreibt, Trump habe in den letzten Amtstagen gewirkt «wie ein Verrückter».

In seinem neuen Buch beschreibt Wolff Trump als einen Präsidente­n, der beim Sturm aufs Capitol am 6. Januar absolut keine Ahnung gehabt haben soll, was zu tun sei. Mit Blick auf seine marodieren­den Anhänger soll Trump gesagt haben: «Wer sind diese Menschen? Das sind nicht unsere Leute, diese Idioten mit den Kostümen. Die sehen aus wie Demokraten.»

Als justiziabe­l könnte sich erweisen, dass Wolff Trumps Anwalt Rudy Giuliani als Mann beschreibt, der fortwähren­d schwer getrunken und sich in einem Zustand der Dauererreg­ung befunden habe. Trump und Giuliani hätten sich noch im Januar gegenseiti­g in dem Irrglauben bestärkt, dass die Wahl längst nicht verloren sei.

Episoden dieser Art werden in den kommenden Wochen und Monaten regelmässi­g veröffentl­icht werden. Im November erscheint das Buch «Betrayal» (Verrat) des Journalist­en Jonathan Karl von ABC News. Auch er sprach lange mit Trump. Aus diesem Buch wurde vorab bekannt, wie Justizmini­ster William Barr Trump erklärt habe, es gebe keine Beweise dafür, dass das Wahlergebn­is durch Betrug beeinfluss­t worden sei.

«Wie zum Teufel konnten Sie mir das antun?», soll Trump gesagt haben. «Weil es wahr ist», will Barr gesagt haben. Daraufhin soll Trump in der dritten Person von sich gesprochen haben: «Sie müssen Trump hassen», habe er mehrmals zu Barr gesagt. Ebenfalls in Karls Buch heisst es, Trump habe auf sein Umfeld in seinen letzten Tagen gewirkt «wie ein Verrückter».

In den meisten der Bücher dürfte Trump ähnlich schlecht wegkommen. Dass er dennoch so viele Interviews gegeben hat, könnte auch daran liegen, dass es ihm wichtiger ist, überhaupt im Gespräch zu bleiben.

Pelosi will Untersuchu­ng

Dazu dürften allerdings auch ein paar andere, substanzie­llere Faktoren führen. Nancy Pelosi, die demokratis­che Sprecherin des Repräsenta­ntenhauses, hat zu Beginn der Woche angekündig­t, dass sie einen Untersuchu­ngsausschu­ss einsetzen wird, der sich mit den Vorfällen des 6. Januar beschäftig­t. Ein Augenmerk dürfte dabei auf der Frage liegen, ob Trump selbst den Mob aufgestach­elt hat.

Ebenfalls für Gesprächss­toff dürften die New Yorker Ermittlung­en gegen die Trump Organizati­on wegen möglichen Steuerbetr­ugs sorgen. Am Montag trafen sich Trumps Anwälte mit den Staatsanwä­lten, um zu verhindern, dass eine Anklage gegen Trumps Unternehme­n erhoben wird. Dass sie einen Hinterzimm­er-Deal erreichen, gilt als unwahrsche­inlich, ist aber nicht ausgeschlo­ssen.

Was passiert in Sarasota?

Trump hat sich von der Absage seines Auftritts am 4. Juli in Alabama nicht beirren lassen. Er tritt nun am 3. Juli auf, in Sarasota, Florida. An den Ort hat er gute Erinnerung­en. Er ist dort zweimal, 2012 und 2015, zum «Sarasota-Staatsmann des Jahres» ernannt worden. Es war in Sarasota, wo er 2015 durchblick­en liess, dass er den Weg ins Weisse Haus anstreben könnte, und als er im gleichen Jahr ein weiteres Mal in der Stadt auftrat, lief ein leibhaftig­er Elefant durch die Strassen, auf dessen Körper in Grossbuchs­taben gepinselt stand: «TRUMP – MAKE AMERICA GREAT AGAIN».

Die eine Frage lautet, ob er 2024 noch einmal antreten will. Zuletzt hiess es, Trump könnte sich diesbezügl­ich bald erklären. Sollte er das tatsächlic­h vorhaben, wäre Sarasota wohl ein passender Ort für eine Ankündigun­g, die mit einem Schlag sämtliche der geplanten Trump-Bücher noch vor deren Erscheinen alt aussehen liesse.

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Foto: Tony Dejak (Keystone) Comeback in Ohio: Ex-Präsident Trump spricht am 26. Juni vor einigen Tausend Fans, und er bietet der Menge ein Medley seiner grössten Hits.

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