Berner Zeitung (Stadt)

Sie spielt für einen ganzen Kontinent

Die Tunesierin hat als erste Araberin ein WTA-Turnier gewonnen. Sie sieht sich als Botschafte­rin und Wegbereite­rin.

- René Stauffer,

London

Sie hört Eminem und andere Rapper, schwärmt für Fussball, besonders für Real Madrid und Juventus, sie ist auf Twitter, Facebook und Instagram. Doch etwas unterschei­det die 1,67 m grosse und 26 Jahre alte Ons Jabeur vom Rest der Tennisspie­lerinnen: Sie kommt aus Tunesien, und seit sie 2011 als Juniorin das French Open gewann, schreibt sie die Geschichte arabischer Tennisspie­lerinnen um. Und das mit einem hoch inspiriert­en, variantenr­eichen Spiel, dem in der zweiten Runde von Wimbledon gestern auch die frühere Siegerin Venus Williams nicht gewachsen war (7:5, 6:0).

Für eine lange erwartete Premiere hatte sie schon am 20. Juni in Birmingham gesorgt, wo sie erstmals – und als erste Araberin – ein WTA-Turnier gewann. «Darauf hatte ich so lange gewartet. Ich habe mir den Matchball wieder und wieder angeschaut», sagt sie in London und lacht. Dass es so lange dauerte, bis sie endlich einen Titel gewann, überrascht sie nicht: «Bei mir ging alles immer etwas länger.» Das hat auch mit ihrer Herkunft zu tun – und dem Erwartungs­druck, den diese mit sich bringt.

«Gott, alle wollen, dass ich gewinne»

«Gott, alle wollen, dass ich gewinne. Und das sofort», erzählt sie. «Inzwischen sind sie zu Hause mit einem Grand-SlamAchtel­final nicht mehr zufrieden. Sie wollen Titel sehen.» Dieser Extradruck sei vor allem am Anfang schwierig gewesen. «Ich spiele nicht nur für mein Land, ich spiele für den ganzen Kontinent, für Afrika und die arabische Welt. Jemand muss das tun, nun bin ich diese Person und stolz darauf», erklärt sie. «Mein Ziel ist es, Türen zu öffnen und ein gutes Vorbild zu sein für jene Spielerinn­en, die davon träumen, einmal an meiner Stelle zu sein. Ihnen will ich eine kraftvolle Botschaft geben.»

Vor Jabeur stand erst eine arabische Frau in den Top 100, die Tunesierin Selina Sfar, die bis auf Rang 75 vorstiess. Jabeur ist nun als 24. so gut wie noch nie klassiert und auf dem Sprung in die Top 20. Am Australian Open 2020 hatte sie als erste Araberin einen Grand-Slam-Viertelfin­al erreicht. In Wimbledon kam sie in ihrem vierten Anlauf nun erstmals in die dritte Runde. Sie sei durch ihre Mutter Samira zum Tennis gekommen, erzählt das jüngste von vier Geschwiste­rn. Sie lebt immer noch in ihrem

Heimatland, wo sie einst ihr Studium mit Tennis verbinden konnte. «In Tunesien spielen viele Tennis, und das gefiel mir. Allerdings ist die Infrastruk­tur bescheiden. Du hast einfach ein Racket und einen Ball und versuchst, das Beste daraus zu machen.» Das fiel ihr relativ leicht, ist sie doch mit einem aussergewö­hnlichen Ballgefühl und Talent gesegnet. Aber auch das war nicht nur von Vorteil.

«Alle sagten: Du hast so viel Talent, aber du machst zu wenig draus», erinnert sie sich. «Es stimmt: Ich habe ein anderes Spiel als die meisten. Mir stehen so viele Optionen zur Verfügung, dass es manchmal schwierig ist, die richtige zu wählen. Deshalb hatte ich auch lange Mühe, Strategien zu entwickeln und an sie zu glauben. Dank vielen Gesprächen mit meinem Team bin ich jetzt auf dem richtigen Weg.»

Zu diesem gehört neben dem früheren tunesische­n Profi Issam Jellali auch Karim Kamoun, ein früherer Fechter, mit dem sie seit fünf Jahren verheirate­t und der auch ihr Fitnesstra­iner ist. Diese Doppelroll­e sei schon nicht immer einfach, gibt sie zu, «viele kritisiere­n mich auch dafür. Aber hier lasse ich die Gefühle beiseite. Wenn er mich eines Tages nicht mehr verbessern sollte,

werden wir miteinande­r sprechen und schauen, wie es weitergeht.»

Trotz ihrer bahnbreche­nden Erfolge gab es in Jabeurs Karriere auch schwierige Zeiten. Sie habe viele Enttäuschu­ngen erlebt, zum Beispiel in den Jahren des Übergangs von den Juniorentu­rnieren auf die Profitour. Auch an den Grand-Slam-Turnieren musste sie immer wieder früh packen, und die Kritik an ihr zu Hause in Tunesien nahm zu. «Am stolzesten bin ich darauf, dass ich stark geblieben bin und immer an mich geglaubt habe», sagt sie.

Es scheint, als ob ihre Karriere nun eben erst so richtig begonnen hat.

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Foto: Getty Images Sie schreibt die Geschichte der arabischen Tennisspie­lerinnen um: Ons Jabeur.

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