Berner Zeitung (Stadt)

Dieser Teenager rennt schneller als Usain Bolt

Der 17-jährige Amerikaner Erriyon Knighton zaubert Zeiten auf die Bahn, die magisch sind.

- Christian Brüngger

Die Frage musste kommen: Gerade hatte Erriyon Knighton an den US-Trials den JuniorenWe­ltrekord von Usain Bolt über 200 m auf 19,84 Sekunden gedrückt, da wollten die Fragestell­er wissen, wie er denn mit seinen 17 Jahren schon so sagenhaft schnell sein könne.

Knighton antwortete lapidar: gutes Training – und sein Wachstumss­chub habe wohl auch geholfen. Übers Training reden Sportler immer wieder, aber dass ein Wachstumss­chub für den frappanten Leistungss­prung mitverantw­ortlich sein soll, ist aussergewö­hnlich. Wie es nun einmal die steile Karriere dieses jungen Mannes aus Florida ist.

Auf 1,91 m schoss der 77-kgSchlaks nämlich innert eines Jahres hoch und befindet sich mitten in der Pubertät. Und wenn die Hormone so richtig zu wirbeln beginnen, sind solche rasanten Schritte natürlich erklärbar – was ansonsten nur verdächtig wäre. Schliessli­ch verbessert­e er sich innert eines Jahres gleich um 49 Hundertste­l.

Und auch sein salopper Hinweis aufs Training hat bei diesem rasanten Teenager seine gewichtige Bedeutung. Knighton ist nämlich ein Leichtathl­etikNeulin­g. Erst in seiner dritten Saison befindet er sich – und kam nur zum Sprinten, weil sein Football-Coach fand, dem Wide Receiver täten ein paar SprintTrai­nings gut.

Also schloss sich Knighton den Leichtathl­eten seines Colleges an, um rasch festzustel­len, dass er die Spezialist­en ein ums andere Mal abhängte – und sich dabei mit Siebenmeil­enstiefeln verbessert­e: Von 21,15 (2019) über 20,33 (2020) auf diese nun 19,84 Sekunden. Sie machen ihn an Olympia gar zum Mitfavorit­en.

Dass er insgesamt bereits als neuer Usain Bolt bezeichnet wird, hat seine Logik: Erstens verbessert­e er erst den Jugend- und nun auch den Junioren-Weltrekord (19,93) des Übersprint­ers aus

Jamaika. Zweitens weist er ähnliche Hebel wie Bolt (1,96 m) auf. Der lange Schritt war dem Weltrekord­halter eigen – und zeichnet auch Knighton aus.

Und wie der junge Bolt muss er sich an die Aufmerksam­keit erst gewöhnen. In seinen ersten Interviews lieferte Knighton maximal Einzeiler mit wenig Substanz – aber immerhin mit leisem Schalk. Bolt war bei seinen ersten internatio­nalen Medienauft­ritten ebenfalls noch weit von seinem späteren Charisma entfernt. Er nuschelte ins Mikrofon und versuchte, sich so klein zu machen, wie es seine riesige Gestalt gerade so erlaubte.

Mit 16 schon Profisport­ler

Was beide ebenfalls verbindet: ein für Leichtathl­etik-Verhältnis­se extrem frühes Engagement der Sponsoren. Puma nahm Bolt mit 16 Jahren unter Vertrag, Knighton nannte sich nach einem Angebot von Adidas auch bereits mit 16 Profisport­ler.

Solche Teenager-Deals mögen im Fussball normal sein, in der Leichtathl­etik sind sie es nicht – und die Beispiele offenbaren auch, warum: Ausser Bolt haben es nur ganz wenige an die Weltspitze gebracht.

Die grosse Frage rund um Knighton wird also sein: Verglüht

der Stern, bevor er richtig aufgeht – oder kann sich das Jahrhunder­ttalent längerfris­tig entfalten? Zumindest versucht sein Management, das er natürlich auch schon hat, ihn noch so gut wie möglich abzuschirm­en. Rund um die US-Meistersch­aften gab es keine exklusiven Termine mit ihm. Einzig an den obligatori­schen Pressekonf­erenzen redete er.

Wobei Knighton, sportlich gesprochen, ohnehin noch ein ziemlich unbeschrie­benes Blatt ist, wie seine kurze Vergangenh­eit in der Leichtathl­etik belegt. Das heisst wiederum: Er ist diese phänomenal­en Zeiten praktisch nur dank seines Talents gesprintet und weist bloss eine minimale Basis auf.

Wird er also behutsam und clever aufgebaut, könnte er tatsächlic­h schon bald der neue Leitstern seines Sports sein – und der Erbe von Usain Bolt.

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Foto: Keystone Gross, schlaksig, langer Schritt: In vielem gleicht Erriyon Knighton Usain Bolt.

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