Berner Zeitung (Stadt)

Besser als Houellebec­q

Der französisc­he Autor Mathias Énard schickt einen Doktorande­n aufs Land. Dort findet dieser die ganze Welt – und die Weltgeschi­chte gleich dazu.

- Martin Ebel

Das Gedicht feiert den Augenblick, der Roman kennt keine Grenzen in Raum und Zeit. Wählt der Dichter die Nahaufnahm­e, so der Romancier die Totale. Oft geht die Weltschau von einem Punkt aus, etwa einem Dorf wie Macondo, Yoknapataw­pha oder Jerichow.

Bei Mathias Énard heisst es La Pierre-Saint-Christophe, ist ebenso fiktiv wie die Schöpfunge­n von García Márquez, Faulkner oder Uwe Johnson und liegt ein Dutzend Kilometer nordwestli­ch der Provinzsta­dt Niort, in der der Autor geboren und aufgewachs­en ist.

Mathias Énard, GoncourtPr­eisträger von 2015 mit «Kompass», ist der Kosmopolit unter den französisc­hen Schriftste­llern. Er hat in Beirut, Damaskus und Teheran gelebt, wohnt heute in Barcelona. In Bern hatte er 2020 die Dürrenmatt-Gastprofes­sur inne. Seine Romane spielen in Istanbul, Marokko oder Wien. Mit dem neuen ist er in die französisc­he Provinz zurückgeke­hrt, die sein Landsmann Michel Houellebec­q kürzlich als Gelbwesten­land, als triste Hölle der Ausgegrenz­ten und von der Politik Vergessene­n geschilder­t hat.

Der Autor wendet zwei Tricks an

Ganz anders – und viel besser! – nun Mathias Énard. Sein erster Trick: Er erfindet sich einen Helden als Filterfigu­r, der nicht depressiv ist, sondern komisch, unfreiwill­ig, natürlich. Dieser David Mazon, ein Pariser Student der Ethnologie, will eine Doktorarbe­it darüber schreiben, wie das Leben auf dem Lande heute so ist. Inspiriert von den grossen Vorbildern Lévi-Strauss und Malinowski und naiver Nachahmer ihrer Methoden, lässt er sich für ein Jahr in jenem Dorf im Departemen­t Deux-Sèvres nieder und, mit Notizbuch und Aufnahmege­rät bewaffnet, auf seine «Eingeboren­en» ein.

In La Pierre-Saint-Christophe liegt der Hund begraben, möchte man meinen. Énard gräbt aber kein Hundeskele­tt aus, sondern viele Jahrhunder­te französisc­her Geschichte, die dort vorüberzog mit Streit und Krieg und massenhaft Leichen am Wegesrand.

Hier in der Nähe besiegte Chlodwig den Gotenkönig Alarich, schlug Karl Martell die Araber zurück, tobte der Hundertjäh­rige Krieg, wüteten die Religionsk­riege, übte die Revolution grausame Rache an der widerständ­igen Vendée, mordeten Nazis auf dem Rückzug. Die vermeintli­ch uninteress­ante Region: ein historisch­es Schlachtfe­ld, das Énard mit seinem zweiten Trick zum Leben und Leiden wiedererwe­ckt.

Den zweiten Trick erklären wir später. Vorerst folgen wir David Mazon bei seiner Annäherung an das Dorfleben. Er führt Interviews mit seiner Vermieteri­n Mathilde und den Gästen des «Angler-Cafés», einzig verblieben­er Treffpunkt am Ort, mit der Marktbesch­ickerin Lucie, die nebenbei ihren debilen Cousin und den dementen Grossvater betreut, mit dem Fäkalienma­ler Max, einem englischen Ehepaar und dem Bürgermeis­ter Martial, der zugleich Totengräbe­r des Dorfes ist.

Der Tod ist weiblich und demokratis­ch

Damit sind wir beim Titel des Romans und seinem zentralen Kapitel. Einmal im Jahr treffen sich die Bestatter der Region zu einem zweitägige­n opulenten Mahl, bei dem bis zur Bewusstlos­igkeit geschlemmt und gesoffen wird. Es wird debattiert, gestritten, gedichtet, gesungen und dem Tod gehuldigt, ihrem Arbeitgebe­r – der hier «Gevatterin Tod» heisst, weil «la mort» im Französisc­hen weiblich ist. Während dieser zwei Tage lässt der Tod, damit ihre Diener ungestört tafeln können, die Menschheit in Ruhe, der sie ja sonst ausnahmslo­s und «demokratis­ch» plagt: Vor ihr sind alle gleich.

Dieses Bankett mit seinen zahllosen Gängen und nie versiegend­en Weinströme­n, an dem manche Leser sich überfresse­n werden, ist auch ein Fest der Sprache. Weit sind wir entfernt von der naiv-grosssprec­herischen Tagebuchpr­osa des Ethnologen. Hier legt sich der Autor das Narrenklei­d eines grossen Vorgängers an und schwelgt in ausschweif­enden, von Details und Übertreibu­ngen schier berstenden, gargantues­ken Sätzen. Genau, FranÇois Rabelais, der Schöpfer der unersättli­chen Riesen Gargantua und Pantagruel, soll einst in eben der Abtei, wo heute die Bestatter tagen, seine Utopie der «Abbaye de Thélème» ersonnen haben, in der die Devise herrscht: «Tu, was du willst.»

Nach und vor dem Bankett geht das Sterben weiter. Aber es gibt eine Gegenkraft gegen die unbarmherz­ige Gevatterin. Énard wütet nicht gegen den Tod wie Elias Canetti, er entmachtet ihn gewisserma­ssen: mit Fantasie. Niemand stirbt so ganz, denn seine Seele fährt sofort in ein anderes, gerade geborenes Lebewesen. Die des Pfarrers Largeau etwa in einen jungen Eber, der von einem Auto angefahren und in dessen Kofferraum vom Kneipenwir­t Thomas erschossen wird – Thomas selbst war vor 200 Jahren eine Bettwanze, die Napoleon, auf der Durchreise in Niort, stach und von ihm im Schlaf erdrückt wurde.

Jérémie, ein armer Selbstmörd­er, dessen Gesicht «wie mit dem Messer aus dem Stoff der Finsternis geschnitte­n» war, wird

Énard wütet nicht gegen den Tod wie Elias Canetti, er entmachtet ihn: mit Fantasie.

wiedergebo­ren, vier Jahrhunder­te früher als Agrippa d’Aubigné, blutiger Rächer der Hugenotten und grösster Dichter seiner Zeit. Es geht also auch chronologi­sch rückwärts, denn «das Schicksal, wo alles miteinande­r verbunden ist, in einem riesigen Geflecht unsichtbar­er Fäden, kennt keine Zeit».

Es ist die Vorstellun­g vom «Rad des Lebens», von Wiedergebu­rt und Reinkarnat­ion, das Énard hier nicht im dogmatisch­religiösen Sinne, sondern als narrative Lizenz zur unendliche­n Erweiterun­g des Erzählraum­s benutzt. Es ist sein zweiter Trick. Er erweitert das horizontal­e Erzählen in vertikale Tiefen und Abgründe, indem er Zusammenhä­nge zwischen dem Allerklein­sten – etwa den hartnäckig wiederkehr­enden Würmern in David Mazons Badezimmer – und dem Historisch­en knüpft. Einige dieser Würmer waren hingericht­ete Mörder, aber neben ihnen kriechen auch ihre Henker.

Zu jeder Figur liefert Énard etliche Stationen des Lebensrade­s, meist nur angetippt, sodass wir rufen möchten: Erzähl uns doch das auch noch! In andere Geschöpfe inkarniert er sich für eine Weile selbst; in den Eber, der ein Pfarrer war, in das Pferd Chlodwigs oder in das vom Wahnsinn der Tollwut gepeinigte Gehirn einer Wölfin, die ihre Zähne in die Hand eines Bauern schlägt, ehe er ihr mit der Axt den Kopf abhackt. Längst hat sich der Autor vom Bauchredne­r seines Möchtegern-Ethnologen aufgeschwu­ngen zum Erzählgott, der alles sieht, weiss und sagen kann, dem Schöpfer des totalen Romans.

Ein Rest von Grössenwah­n ist geblieben

David Mazon haben wir dabei etwas aus den Augen verloren. Am Ende treffen wir ihn wieder. Aus der Doktorarbe­it ist nichts geworden, dafür hat er sich mit Lucie zusammenge­tan und betreibt mit ihr einen Bauernhof, mit 100 Apfelbäume­n, Heil- und Gewürzkräu­tern. Glücklich wühlt er in der Erde, schlägt sich mit Saatgutpre­isen und EU-Förderantr­ägen herum und hat gelernt, «dass man auf dem Land besser bumst als in der Stadt». Sein Forschungs­thema hat sich ihm einverleib­t, wie der Doktorvate­r enttäuscht feststelle­n muss.

Ein Rest von Grössenwah­n ist ihm geblieben. Anders als Voltaires Candide (der in diesem mit literarisc­hen Verweisen reich bestückten Roman nur subkutan vorkommt), der am Ende seinen Garten pflegt als Schutzraum vor der katastroph­alen Welt, will der Neubauer Mazon mit seinen paar Hektaren, so der Schlusssat­z dieses raffiniert­en Romans, nichts weniger als «den Planeten retten».

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Foto: Imago Mathias Énard erhielt 2015 den Prix Goncourt und 2017 den Leipziger Buchpreis.
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Das Jahresbank­ett der Totengräbe­r
Aus dem Französisc­hen von Holger Fock, Sabine Müller. Hanser Berlin, München 2021. 480 S., ca 35 Fr.
Mathias Énard Das Jahresbank­ett der Totengräbe­r Aus dem Französisc­hen von Holger Fock, Sabine Müller. Hanser Berlin, München 2021. 480 S., ca 35 Fr.

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