Berner Zeitung (Stadt)

«Der See ist nicht der Wilde Westen»

Nach zwei tödlichen Unfällen auf dem Gardasee und dem Comer See diskutiert Italien über Tempolimit­en auf dem Wasser. Im Gespräch ist auch ein neuer Straftatbe­stand: Totschlag durch Bootsunfal­l.

- Francesca Polistina

Auf italienisc­hen Seen soll nicht mehr gerast werden. Forderunge­n nach mehr Kontrollen und schärferen Regeln für Bootsfahre­r werden laut, nachdem am 19. Juni auf dem Gardasee ein italienisc­hes Paar ums Leben gekommen ist. Dessen kleines Holzboot hatten Münchner Touristen mit ihrem Motorboot gerammt. Eine Woche später kam es erneut zu einem tödlichen Unfall, dieses Mal am Comer See: Das Opfer, ein 22-jähriger Italiener, befand sich an Bord eines Motorboote­s, als ein anderes Motorboot mit etwa zehn Touristen aus Belgien es überfuhr. Der Student starb auf der Stelle, seine zwei Freunde wurden verletzt. «Der See ist nicht der Wilde Westen», war in italienisc­hen Medien zu lesen.

Statistike­n des italienisc­hen Verkehrsmi­nisteriums zeigen, dass Boote nicht nur Dolce Vita und Sonnenbade­n bedeuten, sondern dass von ihnen auch Gefahren ausgehen. Weil im Vergleich zu Verkehrsun­fällen bei Bootsunglü­cken weniger Menschen tödlich verunglück­en, werden diese allgemein weniger wahrgenomm­en – bis zu den Ereignisse­n der vergangene­n Tage.

Mehrere Faktoren spielen in der aktuellen Debatte eine Rolle: Die zwei Unfälle ereigneten sich auf bei Touristen beliebten Seen, die drei Toten waren jung, die Geschwindi­gkeit war vermutlich hoch, die Kollision wurde von ausländisc­hen Feriengäst­en verursacht. Für Aufregung sorgte auch, dass einer der Tatverdäch­tigen des Gardasee-Unfalles den Alkoholtes­t verweigert­e. Dieser ist für Unfälle auf dem Wasser nicht verpflicht­end, wohl aber, wenn man auf der Strasse unterwegs ist – weshalb nun für den Bootsverke­hr ähnlich strenge Regeln gefordert werden, wie sie für den Autoverkeh­r gelten.

Seit fünf Jahren sieht das italienisc­he Gesetz härtere Strafen vor, wenn ein Autounfall gerichtlic­h als Totschlag gewertet wird. Sind Drogen oder Alkohol im Spiel, können sie noch höher ausfallen. Die Regel, die noch unter der Regierung von Matteo Renzi eingeführt wurde, nannte «La Repubblica» einmal «das stärkste Gesetz, das je inder Geschichte der italienisc­hen Republik in Sachen Strassen verkehrssi­cherheit umgesetzt wurde ». Sie ist durchaus eine politische Antwort auf die vielen Unfälle, die auf der Strasse passieren. Aber ob sie tatsächlic­h auch etwas bewirkt hat, ist umstritten.

Zwar ist die Zahl der Verkehrsun­fälle in Italien seit Einführung des Gesetzes zurückgega­ngen, doch diesen Trend gibt es schon seit 15 Jahren. Würde man also den «omicidio nautico», den Straftatbe­stand «Totschlag durch Bootsunfal­l» einführen, wie nun manche fordern, würde das wirklich auch die Zahl der

Unfälle auf den Seen verringern? Oder wäre das lediglich politische­r Aktionismu­s?

Gewiss ist: Bis ein solches Gesetz kommt – wenn es überhaupt kommt–, dürfte noch einige Zeit vergehen. Währenddes­sen und mit Blick auf die Sommersais­on fordern viele Italieneri­nnen und Italiener mehr Tempokontr­ollen auf den Gewässern und Einschränk­ungen für Motorboote.

Bald keine Mietboote mehr?

Im Trentino, im nördlichst­en Teil des Gardasees um Riva del Garda, gilt ein Verbot schon seit mehreren Jahren: Dort ist das Fahren mit dem Motorboot grundsätzl­ich nicht erlaubt. Dass Motorboote auch im südlichen Teil des Gardasees oder auf anderen Seen komplett verbannt werden, ist unwahrsche­inlich. Jedoch plädieren auch Umweltorga­nisationen für striktere Vorschrift­en. So fordert etwa die Organisati­on Legambient­e, dass die Vermietung von Motorboote­n untersagt und ein nachhaltig­er Tourismus gefördert wird.

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Foto: Imago Rasend schnell unterwegs: Touristen auf dem Comersee.

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