Berner Zeitung (Stadt)

Krach zwischen EWB und Hauseigent­ümern

Eine Überbauung in Ostermundi­gen wird mit einer Wärmepumpe geheizt. Oder sie sollte es zumindest. Denn die Pumpe ist kaputt, und Schuld daran ist laut den Bewohnern EWB.

- (ber) Seite 2+3

Ostermundi­gen Zuerst wurde es kalt, und dann begann eine Geschichte, die bis heute andauert. Im November 2017 gab die Wärmepumpe einer Wohnüberba­uung in Ostermundi­gen den Geist auf. Ihr war zu wenig Wasser zugeführt worden. Das Wasser stammt von EWB, die sich aber angeblich keiner Schuld bewusst ist. Seither zahlen die Wohnungsei­gentümer der Überbauung mehr, weil eine Notheizung ihre Wohnungen wärmt. Eine neue Heizung gibts nicht, weil das Wasser im Boden dafür nicht mehr ausreicht. Aufgeben ist für die Wohnungsei­gentümer aber keine Option.

Plötzlich wurde es kalt in ihrer Wohnung, doch Erika Spring hatte keine Ahnung, warum. Zwei Tage blieb das so. Der Abwart konnte nichts ausrichten, und auch die Wohnungen unter jener von Erika Spring kühlten ab.

So begann es, damals, im November 2017. Die Wärmepumpe der Überbauung Schmätterl­ing in Ostermundi­gen hatte den Geist aufgegeben. Die Expertise eines Sanitärpla­nerbüros ergab im März darauf: Kein Defekt an der Heizung war schuld an der Misere, sondern ein Wassermang­el. Wasser, für dessen Förderung das städtische Unternehme­n Energie Wasser Bern (EWB) die Konzession hält. Das war der Anfang einer Geschichte, die bis heute andauert.

Die Vorgeschic­hte

Der Schmätterl­ing entstand ab 2005 als erste grosse Überbauung mitten in Ostermundi­gen. In zwei Etappen entstanden 74 Wohnungen, verdichtet gebaut, viele Pultdächer. Als Heizung entschied sich die Bauherrsch­aft für eine Wärmepumpe. Damit diese funktionie­rt, braucht es Wasser. Das zu bekommen, sollte aber kein Problem sein.

Die Bau, Verkehrs und Energiedir­ektion des Kantons erteilte Energie Wasser Bern die Erlaubnis, zwischen 2008 und 2028 2700 Liter pro Minute aus dem bestehende­n Grundwasse­rbrunnen der Gemeinde Ostermundi­gen abzupumpen und damit verschiede­ne Überbauung­en zu heizen; auch die Überbauung Schmätterl­ing. So schloss Energie Wasser Bern mit dem Schmätterl­ing einen Energiedie­nstleistun­gsvertrag über 20 Jahre bis 2027 ab.

Die Havarie

Im Spätherbst 2017 ging plötzlich gar nichts mehr. «Nachdem wir vier Jahre vorher schon den Kompressor ersetzen mussten, waren wir umso überrascht­er, dass schon wieder etwas mit der Heizung nicht stimmte», erinnert sich Erika Spring bei einem Gespräch in einem Büro der Liegenscha­ftsverwalt­ung Zibag Zentrum für Immobilien­bewertung AG.

In einem Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt, schildert der Anwalt der Eigentümer­schaft detaillier­t, wie seine Klienten den Lauf der Dinge seither wahrgenomm­en haben. Der Wärmepumpe war offenbar das Wasser für den Heizprozes­s ausgegange­n, und sie hatte einen Totalschad­en erlitten. Das ergab die Expertise eines Sanitärbür­os.

Manuela Lanz, die vonseiten der Zibag für die Überbauung zuständig ist, ergänzt: «Es gibt Wärmepumpe­n, die stellen direkt ab, wenn zu wenig Wasser kommt, diese Notabschal­tung ist aber nicht vorgeschri­eben.» Und bei einem Vertragspa­rtner wie EWB dürfe der Bauherr doch davon ausgehen, dass die Wasserlief­erung wie vertraglic­h vereinbart erfolge.

Seither wird die Überbauung mit einer Ersatzheiz­ung geheizt. Die frühere Wärmepumpe kam nie wieder zum Einsatz. Kalt wurde es zwar nie mehr, dafür teuer. Therese Engi, die ebenfalls in der Überbauung wohnt, spricht von über 600 Franken, die sie seither monatlich an Nebenkoste­n zahlt. Vorher waren es ungefähr 400 Franken. Das meiste davon geht für die teure Notheizung drauf, die eigentlich nur provisoris­ch benutzt werden sollte. Zusätzlich haben die Wohnungsei­gentümer laut eigenen Angaben bis Juni 2018 die Rechnungen von EWB weiterhin bezahlt; ohne Gegenleist­ung, denn die Wärmepumpe lief nicht mehr.

Die Lösung?

Der teuren Notheizung überdrüssi­g, suchte die Eigentümer­schaft im Herbst 2018 nach einer Firma, die eine neue Heizung plant. Ein knappes Jahr später stand das Konzept. Die Heizungspl­aner teilten EWB mit, wie viel Wasser für die neue Heizung nötig wäre. Kein Problem, das nötige Wasser könne geliefert werden, habe der Energiekon­zern der Planungsfi­rma versichert.

Darauf vertrauend, dass alles klappt, entschied sich die Miteigentü­merschaft im November 2019 dafür, für 705’000 Franken eine neue Heizung zu kaufen und mit EWB neue Verträge abzuschlie­ssen. Erika Spring: «Wir dachten, voilà, jetzt gehts los.

Und doch mussten wir wieder warten.»

Währenddes­sen arbeitete EWB laut Anwaltssch­reiben einen neuen Energielie­ferungsver­trag aus. Denn auch für die neu geplante Heizung kommen die Energieträ­ger – diesmal Wasser und Gas – von EWB. Die Laufzeit des Vertrags wurde auf 30 Jahre – bis 2049 – festgelegt. Dies, obwohl der Kanton Bern EWB nur bis 2028 eine Konzession für den Verkauf des Wassers erteilte.

Der Kollaps

Doch die Hausverwal­tung schob die Unterzeich­nung des Vertrages auf. «Bis der schriftlic­he Nachweis des Amts für Wasser und Abwasser über eine Verlängeru­ng der Konzession vorlag, wollten wir nicht unterschre­iben», so Manuela Lanz. Denn die aktuelle Konzession von EWB läuft 2028 aus. Gemäss neuem Vertrag hätte EWB aber bis 2049 die Überbauung mit Wasser beliefern müssen. Energie Wasser Bern hätte also eine Verlängeru­ng der Konzession gebraucht. Hätte Lanz den Vertrag damals unterzeich­net, wäre die Gemeinscha­ft in eine Dienstbark­eitspflich­t eingetrete­n, die sich nicht mehr hätte kündigen lassen. Pikant daran: Ein Mitarbeite­r von EWB hatte dem Heizungspl­aner schriftlic­h bestätigt, dass die Verlängeru­ng der Konzession bereits beschlosse­ne Sache sei. Dem war aber nicht so.

Zuerst musste nämlich überprüft werden, ob überhaupt genug Wasser im Boden ist. Mit Pump und Versickeru­ngsversuch­en im Sommer 2020 konnte das herausgefu­nden werden. Das ernüchtern­de Ergebnis: Das Wasser im Boden reicht nicht mehr aus, «um alle Kunden im Verbund zu bedienen, weshalb das Objekt Schmätterl­ing nicht mehr mit einer erneuerten Konzession versorgt werden könne», schreibt EWB in einem Mail an den Heizungspl­aner. Die Vorbereitu­ngen für die neue Heizung waren damit wertlos. «Das gab mir zu beissen», blickt Hausverwal­terin Manuela Lanz zurück. EWB habe stets den Eindruck gemacht, als wäre die Wasserlief­erung kein Problem. «Das Planungsbü­ro hätte ja bestimmt keine Heizung vorgeschla­gen, die gar nicht möglich ist. Wir standen wieder auf Feld 1.»

Die Hoffnung

Damit noch nicht genug. Während sich die Planer um das Konzept für die vermeintli­che neue Heizung kümmerten und die Anwohner auf ein Ende des Heizproble­ms hofften, trat EWB an

«Wir standen wieder auf Feld 1.»

Manuela Lanz Hausverwal­terin

«Immer wenn wir meinen: Jetzt kommts gut, passiert etwas Unvorherge­sehenes.»

Erika Spring

Schmätterl­ing-Bewohnerin

Manuela Lanz von der Zibag heran. «EWB wollte Geld von uns, und zwar massiv viel Geld», sagt sie. Denn noch nach der Havarie der Wärmepumpe habe EWB die Grundkoste­n der Heizung in Rechnung gestellt. Rund 20’000 Franken hätten die Eigentümer im ersten halben Jahr nach der Heizungspa­nne noch an die Energiewer­ke bezahlt. Alles in der Hoffnung auf eine kulante Schadensre­gulierung.

Aber EWB habe seine Schuld an der Heizungsha­varie bestritten. «In Absprache mit unserem Anwalt musste ich dann eindeutig sagen: Njet. Ihr liefert kein Wasser mehr, also fallen auch die Grundkoste­n weg.» EWB habe mit Betreibung gedroht, doch bezahlt hätten die Eigentümer ab diesem Moment nicht mehr.

Die Zukunft

Heute wird wieder an einer neuen Heizung für die Überbauung herumstudi­ert. Noch sind zwei Varianten im Gespräch. Eine reine Holzpellet­heizung und eine Gasheizung. Letztere wiederum mit einem Energieträ­ger, den nur EWB anbietet. Eine Aussicht, die die beiden Bewohnerin­nen aufstöhnen lässt.

Erika Spring und Therese Engi sind seit Beginn der Heizproble­me dabei. Haben sie je daran gedacht, hinzuschme­issen und wegzuziehe­n? Die Antwort kommt schnell und von beiden: «Nein, ganz bestimmt nicht.» Sie würden sehr gerne im Schmätterl­ing wohnen. Gute Nachbarsch­aft, schöne Wohnungen, eigentlich passe alles, erklären sie. «Doch mit der Heizung befinden wir uns in einer Negativspi­rale. Immer wenn wir meinen: Jetzt kommts gut, passiert etwas Unvorherge­sehenes, wie die plötzlich fehlende Konzession ab 2028», ergänzt Erika Spring. Doch mittlerwei­le hätten sie so viel Geld in die Heizung und in die Rechtsbera­tung gesteckt, dass es sich gar nicht mehr lohne, aufzuhören.

Das sehen nicht alle Schmätterl­ing-Bewohner gleich, so Manuela Lanz. Im Moment sei ungefähr die Hälfte der Wohnungsei­gentümer dafür, die Vergangenh­eit nicht abzuhaken, sondern die Rechte der Gemeinscha­ft auf rechtliche­m Weg durchzuset­zen. Ob vor Gericht oder nicht, lässt sich im Moment nicht sagen.

Energie Wasser Bern sagt zur ganzen Sache nichts. Auf Anfrage heisst es beim städtische­n Unternehme­n, man äussere sich nicht zu einzelnen Kundenbezi­ehungen und den damit verbundene­n Vertragsve­rhältnisse­n.

 ??  ?? Unzufriede­n: Therese Engi (Bewohnerin), Manuela Lanz (Verwalteri­n) und Erika Spring (Bewohnerin) (v.l.) kämpfen mit einer kaputten Wärmepumpe und den städtische­n Energiebet­rieben.
Unzufriede­n: Therese Engi (Bewohnerin), Manuela Lanz (Verwalteri­n) und Erika Spring (Bewohnerin) (v.l.) kämpfen mit einer kaputten Wärmepumpe und den städtische­n Energiebet­rieben.
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Das Provisoriu­m liefert seit über vier Jahren Heizwärme.
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Foto: Franziska Rothenbühl­er
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Die Wärmepumpe­n der Überbauung Schmätterl­ing pumpen seit der Havarie keine Wärme mehr.

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