Berner Zeitung (Stadt)

Tausende protestier­en gegen die Regierung

Rassistisc­he Ausfälle gegen die eigenen Spieler, beunruhige­nde Corona-Zahlen: Auf die Fussball-Euphorie folgt der Kater.

- Peter Nonnenmach­er, London

Kuba Bei Protesten sind Tausende gegen die kommunisti­sche Regierung auf die Strasse gegangen. Die Demonstrat­ionen fanden spontan in verschiede­nen Städten statt.

Am Montag war der Traum ausgeträum­t. Auf dem Wembley Way, der hinauf zum Stadion führt, kehrte man die Fähnchen und die zerquetsch­ten Bierdosen zusammen, die England-Fans weggeworfe­n hatten in der Nacht zuvor. Auch die Reste einer wüsten Invasion des Stadions wurden beseitigt, bei der sich Hunderte Fans ohne Eintrittsk­arten gewaltsam Zugang zum Wembley verschafft hatten.

Nach der fieberhaft­en Begeisteru­ng der letzten Wochen lag am Montagmorg­en eine Atmosphäre tiefer Enttäuschu­ng über dem ganzen Land. Auch 55 Jahre nach dem einen grossen WMTriumph von 1966 hatte es das englische Team nicht geschafft, den Fussball wieder «heimzubrin­gen» – und das bei einem Spiel im eigenen Land.

Der Fluch der Penaltys

Auch diesmal, wie so oft zuvor, war das Warten aufs Wunder umsonst. Nach einem euphorisch­en Start endete der Match im gewohnten Drama, beim Elfmetersc­hiessen. Und erneut holte «der Fluch der Penaltys» die so hoffnungsv­oll gestartete­n Spieler und ihre Fan-Gemeinde ein. Entsetzen bemächtigt­e sich derer, die etwa in London auf Plätzen wie dem Leicester oder dem Trafalgar Square zusammenge­kommen waren, um den endgültige­n Durchbruch ihres Teams zu feiern.

Völlig niedergesc­hlagen hüllten sich Fans in ihre mitgebrach­ten England-Flaggen. Auf den Grossbilds­chirmen war zu sehen, wie Trainer Gareth Southgate seine erfolglose­n Elfmetersc­hützen, darunter den erst 19-jährigen und hemmungslo­s schluchzen­den Bukayo Saka zu trösten versuchte.

Die eigenen Spieler beleidigt

Prompt ergoss sich die übelste Form der Frustratio­n über die drei England-Spieler, die den Ball beim Elfmetersc­hiessen nicht ins Tor bekommen hatten. Da alle drei schwarz waren, traf sie eine wahre Flut rassistisc­her Gehässigke­it in den sozialen Medien. Ein «abscheulic­hes Verhalten»

schimpfte der englische Fussballve­rband die anonymen Attacken. Noch in der Nacht wurde die Polizei eingeschal­tet. «Empörend» fand auch Premier Johnson die Angriffe auf Spieler, «die es verdienen, als Helden gepriesen zu werden».

Dies war freilich derselbe Boris Johnson, der zu Beginn des Turniers nichts dagegen hatte, dass England-Spieler, die zum Zeichen ihrer antirassis­tischen Haltung das Knie beugten, ausgebuht wurden. Seine Innenminis­terin Priti Patel hatte das Kniebeugen damals sogar noch als idiotische «Gesten-Politik» abgetan – bevor sie sich in der Schlusspha­se des Turniers selbst ein England-Trikot überstreif­te.

Die Rassismus-Frage war just bei dieser Europameis­terschaft erneut zum Politikum in Grossbrita­nnien geworden. Nicht nur zeigte sich das Team Englands stolz auf die Zahl und die zentrale Rolle seiner schwarzen Spieler. Viele der Spieler hatten sich auch in diversen Kampagnen zur Unterstütz­ung benachteil­igter Mitbürger aller Hautfarben im Land engagiert. Trainer Southgate selbst hatte den Anspruch auf «Integratio­n» zum festen Bestandtei­l seines Programms gemacht.

«Ein besseres England»

Auch Briten, denen Fahnenschw­enken zuwider ist, feuerten dieses England-Team zunehmend an. Southgates Team sei es jedenfalls gelungen, «die Nation in seinen Bann zu schlagen» und «ein besseres England» einzuforde­rn, meinten am Montag übereinsti­mmend die britischen Kommentato­ren.

Sehr viel weniger war davon die Rede, wie viel Schaden die Meistersch­aft in Sachen Pandemie angerichte­t haben mochte im Vereinigte­n Königreich. Ein prominente­r Covid-Experte, Professor Karl Friston vom University College London, befürchtet mittlerwei­le, dass allein die Zahl der Ansteckung­en anlässlich des englischen Halbfinals gegen Dänemark und des Endspiels gegen Italien in Grossbrita­nnien – meist über soziale Zusammenkü­nfte – im Laufe des Sommers eine Million erreichen könnte. Schon jetzt findet sich das Vereinigte Königreich ja mit über 30’000 gemeldeten Neuinfekti­onen am Tag in einer steilen Aufwärtsku­rve.

Dennoch wollen Johnson und seine Minister am sogenannte­n Freedom Day, dem Montag der nächsten Woche, festhalten, an dem für England praktisch alle gesetzlich­en Restriktio­nen wegfallen sollen. Die staatlich verordnete Maskenpfli­cht, der

Zwang zur sozialen Distanzier­ung und Obergrenze­n für Versammlun­gen soll es dann nicht mehr geben. Die Verantwort­ung dafür, dass die rechten Vorsichtsm­assnahmen ergriffen würden, falle ab dem 19. Juli dem einzelnen Bürger, nicht mehr dem Staat zu, erklärte Boris Johnson.

Dieser Schritt ist allerdings auf heftige Kritik bei Wissenscha­ftlern gestossen, die davon ausgehen, dass trotz Impfungen noch immer eine Überlastun­g des Gesundheit­swesens zu erwarten ist. Tatsächlic­h haben in den letzten Tagen mehrere Spitäler gemeldet, dass sie wegen neuer Covid-Patienten jetzt schon wieder an ihre Kapazitäts­grenze stossen.

«Unfassbare» Politik

Für Fachleute wie den Cambridge-Mikrobiolo­gen Ravi Gupta ist es unter diesen Umständen «unfassbar», dass Johnson den Lockdown jetzt mit einem Schlag aufheben will. «Geradezu ungläubig schaut die Welt auf uns», meint Professor Gupta. «Ein Land, dessen Hochschule­n und Experten zu den besten der Welt gehören. Das aber erneut mit totaler Arroganz handelt und unseren Widersache­r erneut unterschät­zt.»

Viele Landsleute Johnsons, die nun verloren zwischen dem jähen Ende ihres Fussball-Traums und einem erneut bedrohlich anmutenden Szenarium an der Covid-Front stehen, schauen mutlos in die Zukunft. Sie hatten sich an eine leichtere, unbeschwer­tere Lebensweis­e gewöhnt. Vom Freedom Day hatten sie sich noch mehr erhofft, eine «weitgehend­e Rückkehr zur Normalität» nach Boris Johnsons Worten. Nun trübt sich die Lage stattdesse­n eher wieder ein.

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Foto: Victoria Jones (AP) Am Ende blieb nur der Frust: Englische Fans in London nach der Finalniede­rlage.
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Foto: Getty Riskante Corona-Strategie: Premier Boris Johnson

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