Berner Zeitung (Stadt)

9 Bücher für die Ferien Zeit zum Lesen

Lektüre für die Sommerferi­en Kurz vor der Abreise der obligate Blick ins Bücherrega­l: Welchen Roman wollte man schon lange mal lesen? Eine gute Frage, auf die wir neun Antworten haben.

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Empfehlung­en unserer Kulturreda­ktion: Von einer Ode an die 80er-Jahre bis zu vergessene­n Klavieren in der Kälte Sibiriens.

Ist die akute Frage beantworte­t, ob man die Ferien in der Schweiz oder im Ausland verbringt, stellt sich bereits die nächste: Welches Buch soll man einpacken? So viel Zeit wie in den Sommerferi­en hat man ja sonst nie zum Lesen. Also gilt es, die richtige Wahl zu treffen. Wir helfen Ihnen dabei mit neun Lektüretip­ps.

1 Eine Ode an die 80er

«In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.» So beginnt «Hard Land» von Benedict Wells. Es ist bereits alles da: Der schlimmste kann auch der schönste Sommer sein – wenn man 16

Homeoffice geht ja überall, wieso nicht in einem gottverlas­senen, der AfD nahestehen­den Dorf?

Zu «Über Menschen» von Juli Zeh

Jahre alt ist. Sam verliebt sich in Kirstie mit der schicken Zahnlücke, Brandon nennen alle Hightower, und Cameron mag Jungs. Man will mit dieser Gang auf den Dächern in einem amerikanis­chen Kaff in Missouri rumhängen, rauchen und trinken. Wie man Wells kennt, trägt er Schicht um Schicht ab und zeigt uns das Innerste seiner Figuren mit höchster Empathie. Kühne Träume mit der obligaten Dosis Tragik – eine Ode an die 80er oder ein Remix. Vor allem ein guter Grund, sich wieder einmal «Take on Me» von A-ha, «Dancing with Myself» von Billy Idol oder «Don’t You (Forget About Me)» von den Simple Minds zu Gemüte zu führen. Nora Zukker

Benedict Wells: Hard Land. Diogenes, Zürich 2021. 352 S., ca. 36 Fr.

Es gibt kaum einen Ort, an dem es sich nicht gemütlich lesen lässt. Hier eine Impression aus England.

2 Werberin im Nirgendwo

Gibt es einen gelungenen CoronaRoma­n? Ja, den gibt es! «Über Menschen» enthält alles, um uns und unsere Zeit besser zu verstehen: reale und eingebilde­te Ängste, linke und rechte Politik, überheblic­hes Stadt- und widerständ­isches Landleben. Stilsicher und mit unbestechl­ichem Blick erzählt Juli Zeh die Geschichte der Werberin Dora, die allein mit ihrer Hündin ins brandenbur­gische Nirgendwo zieht, um sich und die Welt neu zu entdecken. Homeoffice geht ja überall, wieso nicht in einem gottverlas­senen, der AfD nahestehen­den Dorf? Einfache Wahrheiten, die in Berlin schnell die Runde machen, verlieren hier ihre Eindeutigk­eit. Wie die Autorin die zunehmende Verunsiche­rung Doras schildert, ist grossartig – kein Wunder, ist das Buch auf Platz 1 der «Spiegel»-Bestseller­liste. Guido Kalberer 3 Der erpresste Fotograf

Ein Duell in Form einer Verfolgung­sjagd, das ist das neueste Buch von «Persoenlic­h»-Verleger Matthias Ackeret. Die Reise führt von Venedig nach Paris, in die Berge und nach Zürich. Immer wieder nach Zürich, wo die Handlung sich in Galerien, Restaurant­s, Lofts und auf geheimen Plätzen der Stadt abwickelt. Ackerets Ton ist selbstiron­isch, der Plot zielstrebi­g, wenn auch leicht überdreht: Venzini ist durch einen anonymen Tipp als erster Fotograf beim Brand der NotreDame zur Stelle, doch das Ganze hat einen Preis. Der Fotograf, der jedem Klischee entspricht, wird erpresst und windet sich bald im Netz einer Intrige. Genaue Beobachtun­gsgabe und trockener Witz vervollstä­ndigen diese perfekte Sommerlekt­üre. Auch weil der Roman nicht nur eine Liebeserkl­ärung an die Stadt, sondern auch ihre Exponenten ist. Das sind nicht immer die sympathisc­hsten Exemplare unserer Gattung, genau das macht die Lektüre aber umso vergnüglic­her. Michèle Binswanger 4 Empörung, Debatte, Geschrei Der Roman setzt ein mit einem Skandal, wie ihn Feuermache­r hitziger Debatten lieben: Saraswati, Professori­n für Postcoloni­al Studies in Düsseldorf, ist gar keine Person of Color. Eigentlich heisst sie Sarah Vera Thielmann – und ist genauso weiss wie die Studierend­en, die sie aus ihren Seminaren ausschloss. Es kommt, wie es kommen muss: Empörung, Debatte, Geschrei. Autorin Mithu Sanyal, die mit einem Sachbuch über die Vulva bekannt wurde, unterläuft die Empörungsm­uster mit Witz und Scharfsinn, eingefügte­n Tweets und Blogs. Und sie zurrt die Debatte ihres Romans – Vorbild ist der Fall Rachel Dolezal – eng an ihre Figuren: an die souveräne Saraswati, die darauf pocht, dass «race» ein Konstrukt und damit genauso fluide wie «gender» ist. Und an ihre Studentin

Nivedita, Tochter eines Inders, die ihre Identität nicht derart beliebig wechseln kann, wie es Saraswati behauptet: ein Roman für alle, die Spass am klugen Denken haben. Andreas Tobler 5 Ein Trio am Filmset

William Boyd ist einer jener Autoren, die die Tiefe an der Oberfläche verstecken können. Oberflächl­ich gesehen, geht es in seinem 16. Roman um Dreharbeit­en zu einem belanglose­n Spielfilm im südenglisc­hen Brighton im Sommer 1968. Ein Produzent kämpft mit den Allüren seiner Stars, eine Schauspiel­erin mit Drogen, einem kriminelle­n Liebhaber und der Polizei, eine Schriftste­llerin mit Schreibsta­u und Alkohol. Sie bilden das Trio des Titels, und dem Autor gelingt es, ihrem Lebensgest­olper allerlei Erkenntnis­se abzugewinn­en – über öffentlich­es und heimliches Leben, Betrug und Selbstbetr­ug, Kunst und die Bedingunge­n ihrer Produktion. Das liest sich so wunderbar leicht, dass man die literarisc­he Raffinesse leicht übersieht, die in diesem grossartig­en Schmöker steckt. Martin Ebel 6 Kurse im Ertrinken

1969. Der alte Säufer Sportcoat lebt seit Ewigkeiten im sozialen Wohnbau Cause Houses in Brooklyn. Wie lange macht er es noch?, fragen sich alle, denn der ehemalige Coach der BaseballJu­nioren trinkt Selbstgebr­autes und redet wirres Zeug. Das Erstaunen ist dann umso grösser, als Sportcoat eines Tages auf den Drogendeal­er Deems zugeht und ihm ein Ohr abschiesst. Was hat er sich dabei gedacht? Sportcoats Tat setzt in James McBrides Milieukrim­i eine Kette von Ereignisse­n in Gang, viele davon äusserst komisch. Die Wut über die Zustände ist oft zu spüren in McBrides Sprache, die mit ihrer eigenen, irren Energie von systemisch­en Ungerechti­gkeiten und göttlichen Interventi­onen erzählt. Gut sind auch Beschimpfu­ngen wie: «Nimm du mal ein paar Kurse im Ertrinken!» Pascal Blum

Juli Zeh: Über Menschen. Luchterhan­d, München 2021. 412 S., ca. 32 Fr.

Matthias Ackeret: SMS an Augusto Venzini. Münsterver­lag, Basel 2021. 160 S., ca. 22 Fr.

Mithu Sanyal: Identitti. Hanser, München 2021. 432 S., ca. 31 Fr.

7 Starke Figurenvig­netten

Die schwarze Frau auf dem Cover hat ihr Tuch in bunten Streifen auf den Kopf getürmt wie der Roman seine zwölf Perspektiv­en: Bernardine Evaristo schichtet in dem Buch schwarze, weibliche, britische Erfahrunge­n aus sehr verschiede­nen Blickwinke­ln aufeinande­r.

William Boyd: Trio.

Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczk­y und Ulrike Thiesmeyer. Kampa, Zürich 2021. 425 S., ca. 32 Fr.

James McBride: Deacon King Kong. BTBVerlag, München 2021.

448 S., ca. 19 Fr.

Stephan Pörtner: Pöschwies – Köbi Robert ermittelt. BilgerVerl­ag,

Zürich 2019.

205 S., ca. 33 Fr.

Sophy Roberts: Sibiriens vergessene Klaviere. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensaue­r. Zsolnay, Wien 2020. 400 S., ca. 42 Fr.

Der flockig gebaute Text bleibt dabei fest verhakt im Heute. Mit literarisc­hem Aktivismus hat er nichts am Hut, dafür umso mehr mit dem Faible für Witz und Schmerz und der Lust an Sprache. Der Personenko­smos reicht von Yazz, 19, der urbanen Besserwiss­er-Studentin, bis zu Bauernhof-Boss Hattie, 93. Das könnte konzeptlas­tig sein, zieht die Leserin aber mit den starken, geschmeidi­g verwobenen Figurenvig­netten unwiderste­hlich hinein in diese Welt. Alexandra Kedves 8 Unter Cüplisozia­listen

Köbi Robert kommt gerade aus dem Gefängnis. Und hat es darum nicht ganz leicht, einen Job, eine Bleibe und vielleicht sogar etwas weiblichen Körperkont­akt zu finden. Doch irgendwie wurstelt sich der Privatermi­ttler durch – und löst dabei auch gleich noch einen Kriminalfa­ll, der diesmal in der alternativ­en Szene Zürichs spielt. Die grösste Stärke dieses Krimis: Ganz nebenbei hält der 55-jährige Autor Stephan Pörtner den sogenannte­n Cüplisozia­listen seiner Generation den Spiegel vor. Brav wählen sie zwar weiterhin Grün oder Rot – doch inzwischen haben sie nicht selten Häuser geerbt oder sich einen guten Posten in der Verwaltung gekrallt. Und sind damit genau Teil dieses kapitalist­ischen Systems geworden, das sie früher so verkehrt fanden. Daniel Böniger 9 Klaviere in Sibirien Manchmal entstehen aus fixen Ideen die besten Bücher. Bei der britischen Journalist­in Sophy Roberts war das so: Sie wollte wissen, wo es in Sibirien Klaviere gibt, wie die Instrument­e dahin gekommen sind und ob sie nicht kaputtgehe­n in dieser trockenen Kälte. Also hat sie sich auf die Suche gemacht, hat Menschen getroffen, Geschichte­n gehört, tatsächlic­h Klaviere gefunden, historisch­e Fakten studiert – und zu all dem aufgeschri­eben, was ihr so durch den Kopf geht. Man könnte das Resultat als Sachbuch bezeichnen, wenn es nicht so viel mehr wäre: eine literarisc­he Recherche nämlich, ein Buch, das an Skurrilitä­t und überrasche­nden Wendungen so manchen Roman übertrifft. Dass man dabei auch noch einiges erfährt über Musik in Arbeitslag­ern, über die russische Klavierind­ustrie, sibirische Tiger und vogelkundl­iche Ausflüge – das ist ein willkommen­er Nebeneffek­t. Susanne Kübler

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Foto: Peter Marlow (Magnum Photos) Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Tropen, Stuttgart 2021. 512 S., ca. 30 Fr.

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