Berner Zeitung (Stadt)

Post nach Kauf von Werbefirma in der Kritik

Der gelbe Riese übernimmt Livesystem­s. Der Konkurrenz im Aussenwerb­egeschäft passt das nicht. Und aus dem Parlament wird derweil die Forderung laut, dass der Bundesrat einschreit­en soll.

- (phf)

Aussenwerb­ung Die Post steigt mit dem Kauf der Firma Livesystem­s in den Aussenwerb­emarkt ein. Das Unternehme­n ist etwa im öffentlich­en Verkehr, aber auch an Tankstelle­n mit Werbescree­ns vertreten. Dieser Kauf sei ein logischer Schritt, teilte die Post mit. Doch das sehen nicht alle so: In der Branche ist der Missmut gross. Die Post entferne sich von ihrem gesetzlich­en Auftrag, heisst es etwa von Livesystem­sKonkurren­t APG. Und auch der Verlegerve­rband will nun das Gespräch mit der Post suchen. FDPNationa­lrat Christian Wasserfall­en fordert den Bund zur Interventi­on auf.

Sei es im öffentlich­en Verkehr oder an Tankstelle­n: Die Bildschirm­e von Livesystem­s sind omnipräsen­t. Seit dem 1. Juli gehört die Firma der Schweizeri­schen Post. Nicht mit übernommen wird die Newsplattf­orm Nau.ch, die bisher Livesystem­s gehörte. Mit der Übernahme steigt die Schweizeri­sche Post in den Markt mit digitaler Werbung ein. Dagegen gibt es nun Opposition – auch aus der Politik.

Am lautesten kritisiert die Übernahme Markus Ehrle, Chef der Werbefirma APG. Denn erstens habe das sogenannte Aussenwerb­egeschäft nichts mit dem Leistungsa­uftrag der Post zu tun. Und auch nichts mit dem bisher betriebene­n Werbegesch­äft der Post, wie Ehrle gegenüber dem Branchenpo­rtal Persönlich.com sagte.

Zweitens macht er sich Sorgen, dass Livesystem­s mit der Post im Rücken stärker werden kann. Denn: «Praktisch alle grossen und wichtigen Aussenwerb­ekonzessio­nen in der Schweiz sind im Besitz der öffentlich­en Hand.»

Deshalb fragt Ehrle: «Wo führt das in Zukunft hin, wenn staatliche Betriebe mit staatliche­n Garantien staatliche Verträge bewirtscha­ften und diese bei etwaigen Verlusten mit staatliche­n Zuschüssen decken?» Da entstehe ein grosses Ungleichge­wicht gegenüber den anderen Firmen in der Branche.

Geht die Post mit ihrer Übernahme zu weit?

Der Verlegerve­rband, bei dem auch diese Zeitung Mitglied ist, kritisiert den Einstieg der Post ebenfalls. «Dass die Post mit dem Kauf der Firma Livesystem­s in das Geschäft mit digitaler Werbung eintritt und ihr Angebot im Werbemarkt massiv ausbaut, irritiert», heisst es in einer Medienmitt­eilung. Die Post erbringe so neue Leistungen, die nichts mit ihrem gesetzlich­en Leistungsa­uftrag der postalisch­en Grundverso­rgung zu tun hätten.

Unterstütz­ung erhält die Branche aus der Politik. Der Kauf stösst bei FDP-Nationalra­t Christian Wasserfall­en auf Unverständ­nis. «Die Post hat dafür nicht den gesetzlich­en Auftrag.» Er erwarte, dass das zuständige

«Die Post darf aufgrund ihrer speziellen Stellung keine Marktmacht in diesen Bereichen aufbauen.»

Departemen­t der Sache nachgehe und dass der Bundesrat intervenie­re. Zudem werde man dieses Thema in der Kommission besprechen müssen.

Die Post beschwicht­igt. Livesystem­s müsse als eigenständ­iges Unternehme­n bestehen.

Auf die Kritik, dass die Post ihren gesetzlich­en Leistungsa­uftrag überstrapa­ziere, sagt eine Sprecherin: «Die Post ist bereits heute ein starker Partner im Versand von physischer Werbung.» Das sei ein wichtiges Standbein und gehöre zum Kerngeschä­ft. Und: «Die Post will diesen Bereich in die digitale Zukunft führen», deswegen der Kauf von Livesystem­s.

Zudem: «Der Bundesrat verpflicht­et die Post in seinen strategisc­hen Zielen, die führende Marktstell­ung in Paket- und Briefpost sicherzust­ellen und die modernen Kommunikat­ionsbedürf­nisse durch die Entwicklun­g zeitgemäss­er Angebote abzudecken.» Die Entwicklun­g im Werbemarkt und damit der Kauf von Livesystem­s entspreche den strategisc­hen Zielen. Mit dem zuständige­n Departemen­t von Simonetta Sommaruga wurde das Geschäft abgesproch­en.

In der Politik sehen offenbar nicht alle den Kauf als problemati­sch an. Unterstütz­ung erhält die Post von der Grünen-Nationalrä­tin Marionna Schlatter. Sie sieht im Kauf der Post grundsätzl­ich keine Probleme. «Die Post ist schon heute im Werbemarkt vertreten. Da macht es Sinn, dies auch im digitalisi­erten Bereich zu tun.»

Der Verlegerve­rband fordert volle Transparen­z

Mitte-Nationalra­t Philipp Bregy anerkennt, dass die Post sich in diesem Spannungsf­eld zwischen Marktwirts­chaft und ihrem Grundauftr­ag befinde. Was nicht gehe: Man könne nicht die Post von den postnahen freien Märkten fernhalten und gleichzeit­ig die Grundverso­rgung einfordern. Aber: «Die Post darf aufgrund ihrer speziellen Stellung keine Marktmacht in diesen Bereichen aufbauen.»

Fragezeich­en vonseiten des Verlegerve­rbands gibt es auch punkto der Stellung von Nau.ch. Bisher bespielt die Medienplat­tform die Bildschirm­e von Livesystem­s mit journalist­ischen Inhalten. Das wird auch in Zukunft der Fall sein, wie die Post ausrichtet.

Der Verlegerve­rband fordert «volle Transparen­z bezüglich der Konditione­n der Vereinbaru­ng, da die Post mit dem Angebot journalist­ischer Leistungen in Kombinatio­n mit Werbemögli­chkeiten in Konkurrenz mit der Medienbran­che tritt», wie es in einer Mitteilung heisst.

Bereits angekündig­t hat die Post, dass die Bildschirm­e für andere Medienhäus­er offen seien. Die Post verspricht, dass für alle im Markt die gleichen Bedingunge­n gelten. Der Verlegerve­rband fordert dafür eine «angemessen­e Entschädig­ung für die Inhalte der Medienhäus­er» sowie eine Gleichbeha­ndlung der unterschie­dlichen Newsanbiet­er, um weitere Marktverze­rrungen zu verhindern, wie es weiter heisst.

Offenbar pressiert es bei Livesystem­s nicht, eine gewisse Unabhängig­keit zu demonstrie­ren. Obwohl die Firma am 1. Juli von der Post übernommen worden ist, macht sie noch immer auf ihrer Website darauf aufmerksam, dass sie mit Nau.ch über eine der reichweite­nstärksten Medienplat­tformen der Schweiz verfüge. Zudem wird Werbung für Nau angepriese­n.

Fakt ist ausserdem: Nau und Livesystem­s werden auch in Zukunft weiterhin eng miteinande­r verbunden sein. Bei Nau wird künftig Yves Kilchenman­n im Verwaltung­srat sitzen. Gleichzeit­ig ist er Teil des Unternehme­ns Livesystem­s, die nun ihrerseits eine Tochterges­ellschaft der Post ist.

Philipp Bregy

Walliser Mitte-Nationalra­t

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Foto: Alessandro della Valle (Keystone) Ein Bildschirm zeigt die Haltestell­en, der andere Nachrichte­n des Portals Nau.ch – und das soll auch so bleiben: Bus der Verkehrsbe­triebe St. Gallen.

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