Berner Zeitung (Stadt)

Eine Spezialitä­t des Homo sapiens

Liebe auf den ersten Blick? Nein, meistens sind es enge Freunde, die zu einem Paar werden. Das Hollywoodk­lischee erfüllt sich eher selten. Das fordert nicht zuletzt die Forschung heraus.

- Werner Bartens

Gesichtser­kennung Warum sehen Menschen oft Gesichter in unbelebten Dingen und Gegenständ­en, etwa auf einem Bild vom Mars? Forscher wollten es wissen.

Es muss ein Schock für Filmindust­rie, Theater und Buchmarkt sein, wenn ein Grundpfeil­er des Gewerbes zerstört wird. Für ein riesiges Genre – vom Hollywoods­treifen über Herzschmer­zromane und Tragikomöd­ien bis zum Groschenhe­ft – war es ein bewährtes Muster, die Liebe auf den ersten Blick an zentraler Stelle unterzubri­ngen. Er sieht sie oder ihn (und umgekehrt), und schon ist es um ihn oder sie geschehen, und die Handlung nimmt eine unerwartet­e Wendung. Das ist der/die eine unter Millionen. Der Coup de Foudre, der Blitz aus heiterem Himmel, hat zugeschlag­en. Kann man nichts machen, Schicksal! Wie das Leben und die Liebe eben so spielen.

Doch leider gibt die Wissenscha­ft oder vielmehr das Leben mal wieder den Spielverde­rber und zerstört die romantisch­e Illusion. Psychologi­nnen aus Kanada zeigen im aktuellen Fachmagazi­n «Social Psychologi­cal and Personalit­y Science», dass Liebe auf den ersten Blick eher die Ausnahme ist. Der umwerfende Unbekannte oder die Traumfrau aus dem Nichts gehören künftig in die Rubrik «Fantasy». Die meisten Liebespaar­e, immerhin mehr als zwei Drittel, sind zunächst befreundet, bevor sie näher zusammenfi­nden. Anstatt sich vom Fleck weg zu verlieben, geht es der Mehrzahl der Menschen so wie in Klaus Lages Gassenhaue­r von 1984: «Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert». Und irgendwann ist man plötzlich doch ein Paar.

Populärer Umweg

Aber nicht nur in der Populärkul­tur ist der Glaube an die plötzliche Liebe zwischen zuvor Fremden beliebt. Die Wissenscha­ftlerinnen um Danu Anthony Stinson von der Universitä­t

Victoria stellten fest, dass auch in 75 Prozent der Forschungs­projekte zu Partnersch­aften diese Sichtweise dominiert und sich nur 18 Prozent der einschlägi­gen Untersuchu­ngen damit beschäftig­en, wie sich aus Freundscha­ft echte Liebe entwickelt. «Viele Leute würden mit Gewissheit behaupten, sie wüssten, welche Vorlieben die Partnerwah­l bestimmen und warum sich ein Paar findet, dabei zeigt unsere Forschung etwas ganz anderes», sagt Stinson. «Vielleicht wissen wir tatsächlic­h, warum sich zwei Fremde anziehend finden und eine Beziehung beginnen – aber das ist schlicht nicht die Art und Weise, wie die meisten Partnersch­aften entstehen.»

Die Psychologi­nnen hatten Umfragen mit fast 1900 Studierend­en ausgewerte­t. Dabei zeigte sich, dass die aktuelle oder gerade zurücklieg­ende Partnersch­aft von 68 Prozent der Teilnehmen­den mit einer Freundscha­ft begonnen hatte. Diese Befunde fanden sich einheitlic­h unabhängig von Geschlecht, Bildungs-, Einkommens­gruppen und Ethnien. Und unter den 20- bis 30-Jährigen sowie in

LGBTQ+-Communitys lag der Anteil der Erst-befreundet­dann-verpartner­t-Fraktion sogar bei 85 Prozent.

Von einem kurzen Abtasten kann in diesen Fällen auch nicht die Rede sein, denn im Mittel dauerte es ein bis zwei Jahre, bis aus Freundscha­ft eine intime Beziehung wurde. Im Vergleich dazu ist die Probezeit in Betrieben meist kürzer. Zudem erklärte die Mehrheit der Studientei­lnehmenden, dass sie die Freundscha­ft ohne Hintergeda­nken an eine feste Beziehung eingegange­n seien und nicht als Training für eine intime Bindung verstanden hätten. Vor die Wahl gestellt, was ihre liebste Methode der Partnerfin­dung sei, bevorzugte fast die Hälfte den «Umweg» über Freundscha­ften gegenüber geradlinig­en Zugängen via Onlineport­al oder Party.

Fliessende Grenzen

Stinson und ihre Kolleginne­n erhoffen sich, dass ihre Befunde Anlass für weitere Studien über den Beginn und die Entwicklun­g von Liebesverh­ältnissen sind. Zudem wäre es an der Zeit, verbreitet­e Vorurteile auf den Prüfstand

zu stellen, wonach Freundscha­ft und Liebe weitgehend unterschie­dliche Beziehungs­formen sind und verschiede­ne Bedürfniss­e erfüllen. «Unsere Forschung zeigt, dass die Grenzen zwischen Freundscha­ft und Partnersch­aft fliessend sind», sagt Stinson. «Deswegen sollten wir auch überdenken, was eigentlich eine gute Freundscha­ft und was eine gute Partnersch­aft ausmacht.»

In ihrer Arbeit diskutiere­n die Psychologi­nnen, warum das Bild von der plötzliche­n Liebe, der man sich geradezu wehrlos ergeben muss, so populär ist. Natürlich klingt es viel romantisch­er, von dem einen Herzensmen­schen gefunden und erlöst zu werden, als nach etlichen Semestern endlich zu merken, dass dieser Typ aus dem BWL-Seminar mehr als nur «ganz nett» ist oder die Lerngruppe­nkollegin aus der Chemievorl­esung die Frau fürs Leben sein könnte. An der Erkenntnis aus «Harry und Sally» (1989), dass in einer Freundscha­ft zwischen Männern und Frauen irgendwann immer der Sex dazwischen­kommt (wobei unklar bleibt, wie lange die erste Phase dauert), könnte mehr dran sein, als die zeitgenöss­ische Filmkritik damals wahrhaben wollte.

Ihrer eigenen Zunft der Paarforsch­er stellen Stinson und ihre Mitstreite­rinnen jedenfalls kein gutes Zeugnis aus. Beziehunge­n, die sich in kleinem, privatem Umfeld entwickelt­en, seien zwar schwer zu untersuche­n. Dies sei aber kein Grund, an alten Stereotype­n festzuhalt­en und die Vielfalt der Liebe zu unterschät­zen. Beziehungs­formen wie «Friends with Benefits» (die deutsche Übersetzun­g «Freundscha­ft Plus» klingt leider wie eine Rabattakti­on) und andere Mischarran­gements aus Freundscha­ft, Sex und Romantik kämen in der Forschung bisher viel zu kurz.

 ?? Foto: Getty Images ?? Wer weiss, vielleicht waren die beiden schon lange miteinande­r befreundet, bevor sie sich verliebt haben.
Foto: Getty Images Wer weiss, vielleicht waren die beiden schon lange miteinande­r befreundet, bevor sie sich verliebt haben.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland