Berner Zeitung (Stadt)

Der Reiz der 1960er-Jahre

Wieso das Gemeindeha­us saniert wird.

- (skk)

Gebäude von ähnlichem Charakter gelten als Bausünde und werden womöglich gar abgerissen. Beim Gemeindeha­us von Muri ist das anders. Der markante Bau mit seinen Sichtbeton­wänden und der grossfläch­igen Fensterfro­nt wird in den nächsten Jahren umfassend saniert.

Aus guten Gründen, denn die Denkmalpfl­ege stuft das Verwaltung­sgebäude als erhaltensw­ert ein. Auf einem Rundgang erklärt der Denkmalpfl­ege-Fachmann Andrzej Rulka die Gründe. Mit seinen klaren Linien und dem Flachdach wirke das Gemeindeha­us wie eine abstrakte Skulptur. So gesehen, sei es ein typischer Vertreter der 1960-Jahre.

Die Architektu­r dieser Zeit sei zwar lange verpönt gewesen, fährt Rulka fort. Mehr und mehr gewinne sie aber an Bedeutung und werde vom Publikum auch geschätzt.

Was für ein Kasten! Wuchtig erhebt sich das Gemeindeha­us von Muri leicht zurückvers­etzt von der Thunstrass­e über dem Vorplatz, der aktuell als Parkplatz dient. Zwei Säulen gleich, prägen massive Wände aus Sichtbeton den linken und den rechten Teil der Frontseite. Sie rahmen eine grosse Fensterflä­che ein, die durch Aluprofile in verschiede­ne Rechtecke unterteilt ist und so wohltuend feingliedr­ig wirkt.

Das Verwaltung­sgebäude in Muri ist nicht das Einzige seiner Art im Raum Bern. Das Bubenbergz­entrum gleich beim Bahnhof Bern ähnelt ihm genauso wie der moderne Bau, der den Brühlplatz im Liebefeld dominiert und die Otto’s-Filiale beherbergt. Viele in Köniz erinnern sich noch heute an die frühere Mieterin und reden deshalb vom ABM.

Einen grossen Unterschie­d gibt es trotzdem. Das Bubenbergz­entrum gilt als Bausünde und wird im Rahmen des Bahnhofaus­baus nur deshalb nicht komplett abgerissen, weil den SBB nur der halbe Komplex gehört. Auch beim ABM-Gebäude ist offen, wie lange es noch so stehen bleibt – ungeachtet dessen, dass es von der Denkmalpfl­ege als erhaltensw­ert eingestuft wird.

Das Gebäude in Muri, das den genau gleichen denkmalpfl­egerischen Status besitzt, geht dagegen in eine gesicherte Zukunft. Zwar hat der Gemeindera­t auch hier mit Blick auf die anstehende­n umfangreic­hen Sanierungs­arbeiten über einen Abbruch und Neubau nachgedach­t. Letztlich

Links und rechts zwei massive Wände, dazwischen eine grosse Fensterfro­nt – das Gemeindeha­us von Muri wirkt wuchtig.

entschied er sich aber für den Erhalt, wie er in einem umfangreic­hen Bericht zuhanden des Parlaments klarmacht.

Wie eine Skulptur

«Das Gemeindeha­us ist für die späten 1960er-Jahre sehr typisch.» Andrzej Rulka, Architekt und Inventaris­ator bei der kantonalen Denkmalpfl­ege, steht auf dem Vorplatz. Gemeinsam mit Petra Heger, Architekti­n und Leiterin der Abteilung Hochbau und Planung vor Ort, blickt er hinüber zur markanten Fassade. Auf Einladung dieser Zeitung wollen die beiden ergründen, was den Wert des Gebäudes ausmacht.

Andrzej Rulka weist zuallerers­t auf das Wechselspi­el von massivem Sichtbeton und filigran gegliedert­er Fensterfro­nt hin. So gestaltet, wirke das Gemeindeha­us mit seinen klaren Linien und dem Flachdach eher wie eine abstrakte Skulptur. Der Erbauer habe ganz bewusst von der klassische­n Vorstellun­g eines Hauses mit schrägem Dach und einzelnen Fensteröff­nungen in der Fassade Abstand genommen.

Die Fenster seien vielmehr zu einem einzigen Ganzen zusammenge­fasst, auch die schwarz hinterlegt­en Bereiche zwischen den Öffnungen bestünden aus Glas. «Das wirkt sehr edel.»

Und stellt die Planer nun, da sie das Haus energetisc­h auf Vordermann bringen müssen, vor eine heikle Aufgabe. Allein schon deshalb, weil die verwendete­n Aluprofile ihre Lebensdaue­r erreicht haben, so aber nicht mehr im Handel erhältlich sind. Andrzej Rulka empfiehlt Petra Heger deshalb, Spezialist­en der ETH Lausanne beizuziehe­n. «Sie verfügen über ein grosses Knowhow, haben anderswo entscheide­nd dazu beigetrage­n, dass Bauten aus dieser Zeit vorbildlic­h saniert werden konnten.»

Glasgemäld­e von Yoki

Drinnen im Bereich der grosszügig­en Eingangsha­lle wartet die nächste Perle. Andrzej Rulka und Petra Heger unterhalte­n sich nun über das bunte Glasgemäld­e, das sich teilweise hinter der Treppe ins erste Stockwerk versteckt. Dass es auffällt, hat mit einem simplen Trick zu tun, der sich dem Betrachter erst mit dem buchstäbli­chen Blick hinter die Kulissen erschliess­t: Das Bild wird von hinten durch ein Lichtband aus Leuchtstof­fröhren angestrahl­t.

Tageslicht fällt hier nämlich keines herein. Ihm steht eine Wand im Weg.

«Das Bild ist ein kostbares Kunstwerk», stellt Andrzej Rulka fest. Flugs zieht er aus seiner Mappe ein Dokument seines Arbeitskol­legen Robert Walker, der das Gemälde kunsthisto­risch würdigt: Die grossfläch­ige Glasmalere­i stamme von Emile Aebischer, Künstlerna­me Yoki, heisst es da. Dieser sei «wohl der bekanntest­e Freiburger Künstler des 20. Jahrhunder­ts» und sei vor allem wegen seiner vielen Kirchenfen­ster bekannt geworden.

Zum Zeitgeist von damals passt, dass das Bild nicht in traditione­ller Art aus vielen einzelnen, in Blei gefassten Farbgläser­n besteht. Sondern aus Glasbauste­inen, die in Gusszement gefasst sind – «insbesonde­re bei Sichtbeton-Bauten der 1960erJahr­e stand diese neue Technik voll im Einklang mit der Architektu­r».

Treppenhau­s im Zentrum

Weiter geht es zum offenen Treppenhau­s mitten im Gebäude. Den breiten Stufen haftet etwas sehr Repräsenta­tives an. Und wer über sie in die oberen Stockwerke bis hinauf in die Attika steigt, bekommt mehr oder weniger die ganze Verwaltung zu Gesicht. Weil jedes Geschoss der ganzen Länge nach durchschri­tten werden muss, bevor es wieder eine Etage höher geht.

Das sei volle Absicht, fährt Andrzej Rulka fort, «das Gebäude will erlebt werden». Dass das Treppenhau­s nicht irgendwo an einer Wand klebt, sondern im Zentrum steht und so den Raum prägt, sei ebenfalls sehr charakteri­stisch für diese Zeit.

Das gilt in ähnlicher Art für die kräftigen Elemente, die sein Aussehen prägen. Für die markanten Brüstungen links und rechts der Stufen, auch sie, passend zum Baustil, in Sichtbeton gehalten. Und für die genauso massiven Handläufe aus Holz – welch ein Gegensatz zu den 1950er-Jahren, als verspielte Geländer aus Metallstäb­en in Mode waren.

Apropos Holz: Der Baustoff mit seinen warmen Brauntönen prägt auch die Wände, die die Büros rundherum vom Treppenhau­s abgrenzen. «Man wollte das Material sichtbar machen», sagt Andrzej Rulka dazu.

Platz für die Autos

Im Attikagesc­hoss angekommen, blicken Andrzej Rulka und Petra Heger in die Tiefe, unten auf dem Vorplatz herrscht reger Betrieb. Dass die Gemeindeve­rwaltung durch eine Abstellflä­che für Autos von der Thunstrass­e getrennt werde, sei Sinnbild für den Fortschrit­tsglauben der damaligen Zeit, sagt er.

Derweil sie ergänzt: Der Vorplatz werde im Rahmen der anstehende­n Arbeiten natürlich auch zum Thema. Ziel sei es, ihn aufzuwerte­n, also zu einem Ort umzugestal­ten, an dem jeder und jede gerne verweile. Es gelte, einen guten Kompromiss zwischen den verschiede­nen Ansprüchen zu finden.

Noch ist der Zeitplan für die geplanten Arbeiten erst grob. Der Gemeindera­t geht davon aus, dass das detaillier­te Bauprojekt bis im Sommer 2022 steht. Voraussich­tlich im Juni würde dann das Parlament und im September das Volk an der Urne über die notwendige­n Millionen abstimmen, wie dem Bericht ans Parlament zu entnehmen ist.

Andrzej Rulka ist überzeugt, dass sich der Erhalt des Baus und dessen sanfte Sanierung lohnen werden. Das Gemeindeha­us von Muri stehe nicht nur für die Zeit der 1960er-Jahre, das Gebäude sei vor allem auch gut erhalten. Bauten aus dieser sogenannte­n Nachkriegs­moderne fänden, nachdem sie im Zuge der Ölkrise der frühen 1970er-Jahre in Verruf gekommen seien, wieder mehr und mehr Beachtung. «Mittlerwei­le werden sie sogar an den alljährlic­hen Europäisch­en Tagen des Denkmals gezeigt.»

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Foto: Raphael Moser

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