Berner Zeitung (Stadt)

Wo ist der Interlakne­r SS-Mann verblieben?

Geboren in Interlaken, schloss sich Arthur L. der Waffen-SS an und kämpfte gegen die Russen. Ein Buch über ein finnisches Internieru­ngslager in Kauhava geht nun seiner Geschichte und seinem Schicksal nach.

- Hans Heimann

Dass sich im Zweiten Weltkrieg viele Freiwillig­e aus zahlreiche­n Ländern Europas – auch aus unserem Land – Hitlers Waffen-SS angeschlos­sen hatten, ist wenigen bekannt. Geblendet vom Erfolg dieser Einheit, liessen sich rund 700 Schweizer aus allen sozialen Schichten rekrutiere­n und kamen auf praktisch allen europäisch­en Kriegsscha­uplätzen zum Einsatz.

Als sich Finnland und die Sowjetunio­n im sogenannte­n Fortsetzun­gskrieg befanden, waren diese ausländisc­hen Truppen Teil von 250’000 Wehrmachts­soldaten, die den Finnen 1944 zur Seite standen. Sie formierten sich unter anderem in der multinatio­nalen 5. SS-Panzerdivi­sion Wiking oder der vorwiegend in Finnland eingesetzt­en 6. SS-Gebirgsdiv­ision Nord.

Zumindest im ersten russischen Kriegswint­er schienen sogar geschlosse­ne Schweizer Einheiten zum Einsatz gekommen zu sein. Viele von ihnen führten deutsche und ausländisc­he Kompanien und Bataillone und wurden mit Tapferkeit­sauszeichn­ungen geehrt. Hitlers Streitkräf­te benötigten in Finnland auch eine enorme Menge an Männern zum Bau von Strassen und Gebäuden. Neben sowjetisch­en Kriegsgefa­ngenen wurde eine Vielzahl von zivilen Arbeitskrä­ften aus unterschie­dlichen Teilen des von Deutschlan­d besetzten Europas abkommandi­ert.

Vergessene­s Internieru­ngslager entdeckt

Als sich Finnland und die Sowjetunio­n am 19. September 1944 auf ein Waffenstil­lstandsabk­ommen einigten, endete auch das Bündnis zwischen Finnland und Deutschlan­d. Finnland verpflicht­ete sich auf russischen Druck, die noch auf seinem Territoriu­m befindlich­en Truppen des ehemaligen Bündnispar­tners zu interniere­n und deutsche Kriegsgefa­ngene an die Sowjetunio­n auszuliefe­rn.

Bereits vor dem Abkommen verbreitet­en sich über die schwedisch­e Presse Gerüchte, welche über Gefangenen­lager und die Übergabe von Zivilisten und Soldaten der Deutschen an die Sowjetunio­n berichtete­n. Dies bewog ausländisc­he Zivilisten zur Flucht. Besonders gefährlich wurde die Lage auch für Angehörige der Waffen-SS.

Auf einen Bericht über ein solches Lager stiess vor einigen Jahren der finnische Historiker und Autor Samuli Miettinen in einer Bibliothek. Ausgerechn­et in Kauhava soll sich ein Internieru­ngslager befunden haben. Er war erstaunt: Wie konnte es sein, dass er als Geschichts­interessie­rter nichts davon wusste, denn er selbst stammte ja aus diesem 300 Kilometer nördlich von Helsinki gelegenen Ort? Und wie konnte es sein, dass die Einheimisc­hen selbst nie über dieses Thema gesprochen haben?

Zwei Schweizer suchten Schutz im Camp

Miettinen merkte, dass er etwas Einzigarti­ges in der Hand hatte. Je mehr Freunde und Bekannte er darüber befragte, und diese nichts davon wussten, schien ihm, dass das einstige Existieren dieses Lagers komplett verschwieg­en wurde. «Wahrschein­lich wurde das Thema zum Schweigen gebracht, weil man nach dem Fortsetzun­gskrieg aufpassen musste, sich nicht mit Themen zu befassen, die für die Sowjetunio­n negativ waren», so der 75-Jährige.

Diese Geschichte liess ihn nicht in Ruhe, und aus seiner Neugierde resultiert das Buch mit dem Titel «Paapeli 1944... Das vergessene Internieru­ngslager des Fortsetzun­gskrieges», welches er dieses Jahr veröffentl­icht hat. Darin beschreibt er, dass das Lager Kauhava vom 10. September bis 30. Oktober 1944 in Betrieb war und 170 Ausländer aus 16 verschiede­nen Nationalit­äten, die als Zivilisten für die Deutschen gearbeitet hatten, darin untergebra­cht waren.

Und dann waren da noch vier Waffen-SS-Männer, zwei Norweger

und zwei Schweizer, die im Lager Schutz suchten. Einer von ihnen war der aus Lausanne stammende Emil C., der Junioren-Schweizer-Meister im Boxen von 1938.

Nach achttägige­r Flucht gefasst

Der Zweite war der am 1. November 1918 in Interlaken geborene Arthur L. Beide hatten sich von ihrer SS-Einheit entfernt und flüchteten während acht Tagen durch die weitläufig­en Wälder Finnlands, bevor sie von finnischen Soldaten etwa zehn Kilometer nördlich von Oulu aufgespürt und gefangen genommen wurden. Anfänglich machte das gefasste Duo die Aussage, dass sie Schweizer und Freiwillig­e des deutschen Heeres seien und sie ihre Dokumente beim Überqueren eines Flusses verloren hätten.

Gleichenta­gs wurden sie ins Internieru­ngslager bei Kauhava gesteckt. Dort erzählten sie den finnischen Armeebehör­den ihre wahre Geschichte, mit der Gewissheit, was es für sie bedeuten würde. Sie offenbarte­n die Zugehörigk­eit zur Waffen-SS und dass sie der SS-Division Nord gedient hätten.

Miettinen erwähnt, dass das Lager Kauhava kein Kriegsgefa­ngenenlage­r war, sondern ein Internieru­ngslager, dessen Insassen Schutz vor der Sowjetunio­n suchten. Ende September konnten dank finnischer Vermittlun­g 140 Männer aus diesem Lager über Schweden in ihre Heimatländ­er entlassen werden. Trotz finnischen Bemühungen konnten jedoch nicht alle Zivilisten entlassen werden, und den 30 Verbleiben­den, darunter auch Emil C. und Arthur L., drohte die Auslieferu­ng an die Sowjetunio­n.

Aus Waffen-SS-Männern Zivilisten gemacht

Die Lage spitzte sich zu, als auf Verlangen der Alliierten Kontrollko­mmission,

Zumindest im ersten russischen Kriegswint­er schienen sogar geschlosse­ne Schweizer Einheiten zum Einsatz gekommen zu sein.

sprich Sowjetunio­n, diese 30 Männer Ende Oktober 1944 in ein Lager nach Oulu, welches für deutsche Kriegsgefa­ngene eingericht­et worden war, umziehen mussten. Da den Finnen bekannt war, dass das Schicksal für SS-Männer in der Sowjetunio­n äusserst hart sein würde, griff ein Lagerveran­twortliche­r in Kauhava zu einer der letzten Möglichkei­ten.

Um den zwei Männern zu einer baldigen Rückkehr in ihre Heimat zu verhelfen oder wenigstens deren Behandlung durch die Russen zu mildern, fälschten sie beim Ausfüllen der Kriegsgefa­ngenenkart­e deren persönlich­e Geschichte, auch die des Interlakne­rs. So wurde aus dem Berner Oberländer WaffenSS-Mann ein Hotelbesit­zer und als Wohnort wurde Montreux angegeben.

Als Einreiseor­t wurde der Hafen von Turku an der Südwestküs­te Finnlands notiert. Man gab an, dass er dort mit dem Handelssch­iff Neidenfels ankam und am 16. September 1944 zusammen mit Emil C. inhaftiert wurde. Fünf Tage später wurden sie ins Lager nach Kauhava überführt. Trotz diesen falschen Angaben konnte die Ausschaffu­ng nicht verhindert werden, denn wie auf den Dokumenten vermerkt ist, wurden Emil C. und Arthur L. am 31. Oktober 1944 der Sowjetunio­n übergeben.

Während bestätigt ist, dass der Lausanner später wieder in die Schweiz zurückkehr­te, hat auch Miettinen keine Antwort über das Schicksal von Arthur L.: «Wir wissen nichts über seine Zeit als Kriegsgefa­ngener in der Sowjetunio­n und auch nichts über seine mögliche Rückkehr in die Heimat, die er wohl nie antreten konnte.»

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Foto: PD Die Insassen des Lagers, in dem sich auch Arthur L. aus Interlaken aufhielt, stammten aus vielen Ländern Europas. Die Einheimisc­hen hätten es deswegen Babel genannt. Arhur L. ist nicht auf dem Bild.
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Foto: PD Die Kriegsgefa­ngenenkart­e von Arthur L., der am 1. 11. 1918 in Interlaken geboren wurde. Der letzte Punkt bestätigt seine Übergabe am 31. Oktober 1944 an die Sowjetunio­n.
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Foto: PD Der Historiker Samuli Miettinen hat sich mit dem Lager in seinem Geburtsort befasst.
 ?? Foto: PD ?? Im seinem Buch beleuchtet Samuli Miettinen das vergessene Lager von Kauhava.
Foto: PD Im seinem Buch beleuchtet Samuli Miettinen das vergessene Lager von Kauhava.

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