Berner Zeitung (Stadt)

«So ein Regen im Sommer? Noch nie erlebt»

Zürich wurde in der Nacht auf Dienstag mit voller Wucht getroffen. In der Stadt laufen die Aufräumarb­eiten, in der Restschwei­z bereitet man sich auf die Katastroph­e vor. Protokoll eines geschichts­trächtigen Unwetters.

- Philippe Reichen Yann Cherix

und

Apokalypse! Weltunterg­ang! Der krasseste Sturm ever! Die Bewohner der grössten Schweizer Stadt, schon immer familiär mit dem Superlativ, halten sich nicht zurück. Es ist früher Dienstagmo­rgen. Und die Grossstädt­er berichten von vergangene­r Nacht.

Kurz vor 2 Uhr fegte Bernd mit über 100 Kilometern pro Stunde durch Zürich, knickte Bäume und Strassensc­hilder um, flutete Strassen und Plätze. In nur zehn Minuten liess Bernd 30 Liter auf einen Quadratmet­er niederregn­en, entfachte 2700 Blitze über den Kanton. Ein Helikopter kippte um, ein Minutenzei­ger einer Kirchenuhr knickte ab, am Gebäude des Schweizer Fernsehens wurde das rote Logo zerfledder­t. Bilder einer Katastroph­e. Alles in den medialen News-Tickern zu begutachte­n.

Die Gebäudever­sicherung des Kantons rechnet mit über 2000 Schadensfä­llen und mit Kosten in zweistelli­ger Millionenh­öhe. Ein Supersturm.

Während Zürich aufräumt, beginnt es in anderen Landesteil­en erst. Die Pegel der Flüsse und Seen steigen. Die News-Ticker tickern. Für diverse Gewässer gibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) Hochwasser­warnungen aus. Für den Vierwaldst­ättersee gilt am Abend sogar die höchste Stufe 5. In der Stadt Bern sind die Überschwem­mungen vorprogram­miert. Am Dienstagna­chmittag ist die Schadengre­nze bereits um 14.20 Uhr erreicht. In Thun rechnen sie mit Hochwasser Dienstagna­cht. Mit dem Pegel steigen die Sorgen. Es regnet unablässig, der Boden ist längst gesättigt. Wie ein voller Schwamm, sagt ein Meteorolog­e.

Ein Geisterdor­f im Oberwallis

Der Unwettersc­hwerpunkt verlagert sich derweil langsam Richtung Tessin und in die Gotthardre­gion. Dort werden erste Pässe, erste Strassen gesperrt. Nach dem Mittag schliesst der Kanton Uri seine A2. Die Reuss, gleich daneben, tobt. Wenig später wird der Gotthardtu­nnel überschwem­mt. Nun ist die A2, die Lebensader für einen ganzen Kanton, in beiden Richtungen für mehrere Stunden gesperrt. Und das mitten in den Ferien.

Ins Visier kommt nun auch das Oberwallis. Leidgeprüf­t von diversen Naturkatas­trophen. Die Walliser sind Profis in Sachen

Unwetter. Doch auch dort macht man sich Sorgen. Die Rhone, von den Oberwallis­ern Rotten genannt, ist eine wild schäumende, braune Brühe. Die Böden sind durchweich­t. Die Hänge könnten talwärts rutschen, befürchten Walliser Geologen. Das Regenwasse­r fliesst bereits auf den steilen Bergstrass­en talwärts.

Vor plötzliche­n Erdrutsche­n und Sturzflute­n hat der Krisenstab des Kantons Wallis seit Dienstagab­end mehrfach gewarnt. Seine Empfehlung­en an die Bevölkerun­g sind eindringli­ch. «Halten Sie sich nicht unnötig im Freien auf», heisst es da. Und: «Halten Sie sich sowohl von den Flüssen als auch von den Ufern fern. Verzichten Sie auf das

Filmen beziehungs­weise Fotografie­ren von Unwetterer­eignissen.» Vor allem aber: «Befolgen Sie strikte die Anweisunge­n der Behörden.»

Die Warnungen der Behörden braucht es gar nicht. Das zeigt sich bei einem Besuch in der Ortschaft Reckingen, die zur Gemeinde Goms gehört. Um 7.15 Uhr schlug ein Blitz ein. Im Dorf fiel für eine Viertelstu­nde der Strom aus. Seither gleicht Reckingen einem Geisterdor­f. Es wagt sich kaum mehr jemand nach draussen. Wenige Zentimeter fehlen noch, und der Rotten tritt über das Ufer. Die Gemeinde hat bereits eine Strasse abgesperrt und Kies zu einem Wall aufschütte­n lassen.

Daniel Buri, Sprecher des Gomser Krisenstab­s, ist beunruhigt. «Wir sind es gewohnt, im Winter wegen der Schneemass­en von der Aussenwelt abgeschnit­ten zu sein. Aber im Sommer habe ich derart starke Niederschl­äge nie erlebt.»

Eigentlich hätte auch Feuerwehrk­ommandant Martin Spörri zu einem kurzen Gespräch kommen wollen. Aber das ist nicht mehr möglich. Spörri meldet am Telefon, er kämpfe gegen Überschwem­mungen. Wasser sei jetzt sogar in ein Hotel eingetrete­n, man müsse Wege sperren und Bäche im Zaum halten, aber noch sei alles unter Kontrolle.

Spörri und seine 50 Feuerwehrm­änner sind seit Tagen in

Alarmberei­tschaft. Am letzten Donnerstag gingen in Oberwald, der letzten Ortschaft der Gemeinde Goms, zwei Gerölllawi­nen nieder. Die Erdrutsche verschütte­ten die Hauptstras­se und teilweise auch Häuser. Geologen befürchten weitere Abgänge. Noch wurde der Ortsteil nicht vollständi­g evakuiert, aber alle Helfer abgezogen und alle Bagger aus der Gefahrenzo­ne geschafft.

Geflutete Keller im Rhonedelta

Zum Murgang kam es am Donnerstag­abend um 19.40 Uhr. Die völlig durchnässt­en Hänge brachen ab und rutschten wie Schneelawi­nen ins Tal. Menschen seien keine zu Schaden gekom

Die A2, die Lebensader für den Kanton Uri, war zeitweise gesperrt. Und das mitten in den Ferien.

men, aber man stehe der Naturgewal­t völlig hilflos gegenüber, sagt Daniel Buri. Mithilfe von Zivilschüt­zern und der Feuerwehr versucht die Gemeinde, die Situation seither allein zu bewältigen.

Wegen der Geröllmass­en blieben in Goms die Zufahrten zu den Passstrass­en auf den Grimsel und die Furka bis am Freitag gesperrt. «Wir mussten das Geröll wegbaggern und haben das Material zu Schutzwäll­en aufgeschic­htet. Dafür haben Touristen mitten in der Sommersais­on teils wenig Verständni­s», sagt Buri. Andere Touristen mussten die Helfer wiederum aus dem Erdrutschg­ebiet holen, weil sie Fotos machten und sich dabei selbst in Gefahr brachten.

Die Gefahr ist nicht vorbei. Sie wird noch einige Tage andauern. Davor warnt nach dem Kanton Wallis auch der Kanton Waadt. Am Ufer des Genfersees weiss man, wie rasch die Wassermass­en aus dem bergigen Oberwallis in den Niederunge­n ankommen. Erste Schäden sind schon da. Waadtlände­r Feuerwehrl­eute haben den Dienstag im Rhonedelta im Gebiet des Chablais damit verbracht, Keller auszupumpe­n und Schutzwäll­e zu bilden.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und vor allem gegen die Natur. Heute Morgen soll die Schweiz laut Wettervorh­ersagen kurz durchschna­ufen können. Aber morgen kommt er wieder: der Superregen.

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Die Luzerner Feuerwehr sichert Strassen mit Schutzschl­äuchen, die Wassermass­en der Simme beim Stauwehr in Wimmis BE, Ufer der Arve in Carouge GE, Limmat beim Flussbad Unterer
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Foto: Philippe Reichen Daniel Buri, Sprecher Gomser Krisenstab.
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Fotos: Urs Jaudas/Raphael Moser/Keystone Letten in Zürich (im Uhrzeigers­inn von oben links).
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