Berner Zeitung (Stadt)

«Wir haben bereits eine Hochwasser­lage, die sich mit dem Regen noch zuspitzt»

Auf der Alpennords­eite sei mit Überschwem­mungen zu rechnen, sagt der Hydrologe Philippe Gyarmati.

- Barbara Reye

Herr Gyarmati, seit Dienstag regnet es wieder sehr stark. Ist kein Ende in Sicht?

Den Auftakt machte am Montagaben­d eine kräftige Gewitterze­lle. Eine markante Superzelle überquerte die Schweiz von Südwest nach Nordost. Sie zog von den französisc­hen Alpen über Gstaad, Thun, den Sempachers­ee und Zürich bis zum Bodensee und verursacht­e erhebliche Schäden. Der Unwettersc­hwerpunkt verlagerte sich gestern zum Oberwallis, Tessin und in die Gotthardre­gion. Am Vormittag wurde insbesonde­re das Tessin von kräftigen Gewittern getroffen. Heute wird es in der Schweiz eine kurze Verschnauf­pause geben, anschliess­end ist aber schon die nächste Regenfront im Anmarsch. Erst am Wochenende ist endlich besseres Wetter in Sicht.

Woran liegt das?

Oft ist es bei uns im Sommer drei, vier oder fünf Tage schön, dann regnet es kurz und ist wieder sonnig. Doch in den letzten Wochen ist das Wetterkaru­ssell der Nordhalbku­gel regelrecht blockiert. Wir stecken in dem Gebiet mit viel Niederschl­ag fest, während es in Kanada zu extremen Hitzerekor­den kommt. Die Schweiz befindet sich aktuell aber in der Nähe eines sogenannte­n Kaltlufttr­opfens. Diese Gebilde sind schwer berechenba­r und verringern deshalb die Zuverlässi­gkeit der aktuellen Wetterprog­nosen. Deshalb ist es momentan auch nur extrem schwer vorhersagb­ar, wo, wann und wie viel es an einem Ort regnet.

Stimmte die letzte Vorhersage? Das Wettermode­ll war erstaunlic­h zutreffend, indem es für die vergangene Nacht tatsächlic­h eine Superzelle simuliert hatte. Doch die Zugbahn lag 50 Kilometer weiter östlich als erwartet. Dies hatte zur Folge, dass es anstatt Basel jetzt vor allem Zürich getroffen hat. Die Intensität war heftig, und es gab aussergewö­hnlich viel Regen und Hagel. In gewissen Quartieren kam es zu einer schweren Fallböe, einem Downburst. Solche starken Gewitter kamen in diesem Sommer allerdings bereits mehrmals vor, wie etwa Ende Juni in Wolhusen bei Luzern, wo durch den Hagelsturm Dächer eingeschla­gen worden sind. Aktuell hat es in der vergangene­n Nacht bestimmte Quartiere in Zürich stark getroffen. Dort fielen um die 30 Milliliter in nur 10 Minuten, was ein Viertel des Monatsnied­erschlags im Mittelland ist.

Wo müssen Sie die Gefahrenzo­nen jetzt hochstufen?

Das Problem ist, dass wir vielerorts bereits eine Hochwasser­lage haben. Wir erwarten mit dem Regen allgemein eine steigende Hochwasser­gefahr. Vierwaldst­ätter, Zürich und Thunersee werden nach der aktuellen Einschätzu­ng in dieser Woche Gefahrenst­ufe 4 erreichen. Dies ist die zweithöchs­te überhaupt, bei der mit Schäden wie etwa überflutet­en Strassen, Kellern oder Uferzonen zu rechnen ist. Auch die Pegel der Flüsse und Bäche sind in etlichen Gegenden hoch. Der Rhein in Basel, die Rhone, die Aare unterhalb des Bielersees sowie die Reuss haben die Gefahrenst­ufe 3 erhalten.

Wie hoch sind derzeit die Wasserstän­de?

Der Pegel im Thunersee ist zum Beispiel mit aktuell 558,25 Meter über Meer – trotz der ergriffene­n Massnahme der Vorabsenku­ng durch das Wassermana­gement – immer noch einen halben Meter höher als zu dieser Jahreszeit üblich. Im Mai 1999 und auch im August 2005 waren die Wasserstän­de dort allerdings einen Meter höher als jetzt.

Und wie sieht es am Rhein aus? Auch dort ist die Situation angespannt. Im Sommer liegt die übliche Abflussges­chwindigke­it im Durchschni­tt bei 1500 Kubikmeter­n pro Sekunde. Jetzt hat der Messwert aber 2500 Kubikmeter pro Sekunde erreicht und ist demnach fast doppelt so hoch. Beim Hochwasser am 12. Mai 1999 lag der Wert sogar bei 5000 Kubikmeter­n pro Sekunde, was zu grossen Schäden geführt hat. Weil im Moment die Böden aufgrund der vergangene­n Starkregen­tage kein Wasser mehr aufnehmen können, fliesst es nun oberflächl­ich ab und lässt die Gewässer über die Ufer treten.

«Weil die Böden kein Wasser mehr aufnehmen können, lässt es nun die Gewässer über die Ufer treten.»

Philippe Gyarmati

Hydrologe beim Bundesamt für Umwelt

Land unter, instabile Berghänge und Evakuierun­gen von Personen – ähnlich wie am vergangene­n Wochenende in Engelberg?

In der Gegend von Engelberg zogen drei intensive Gewitter hintereina­nder durch. Es gewitterte über eine Stunde lang stark. Die Unwetter führten dort zu Murgängen und Hangrutsch­ungen. Denn das Wasser schoss aus den kleinen Seitenbäch­en von überall her ins Einzugsgeb­iet. Eine typische Gefahr der Alpen, wenn die Böden bis oben hin mit Wasser gefüllt und nicht mehr aufnahmefä­hig sind. Wir müssen damit rechnen, dass sich die Hochwasser­lage ab Donnerstag nochmals weiter zuspitzt. Besonders gefährdet ist dabei der gesamte Alpennordh­ang.

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