Berner Zeitung (Stadt)

So demontiert sich SRF Sport gleich selber

Der populäre Tenniskomm­entator wurde nach 36 Jahren stillos abserviert.

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Das ging aber schnell. Am vergangene­n Mittwoch scheiterte Roger Federer im Viertelfin­al seines 22. und vielleicht letzten Wimbledon, fünf Tage später gab SRF Sport die Trennung von Heinz Günthardt als Tennisexpe­rten bekannt. Nach 36 Jahren.

Der Zürcher war 1985 erstmals am Mikrofon zu hören gewesen, als Martina Hingis und Roger Federer ihre ersten Schwünge mit dem Racket machten. Günthardt führte das TVPublikum durch die goldene Ära des Schweizer Tennis mit 28 Grand-Slam-Titeln im Einzel. Tausende von Stunden kommentier­te er für SRF, am US Open ist Mitte September Schluss.

Nach Jann Billeter (zu Mysports) und Stefan Bürer (als Marketingl­eiter zu den Rapperswil­Jona Lakers) verliert SRF Sport also eine weitere profiliert­e Stimme. Im Fall von Günthardt erst noch freiwillig. Ein Schlag ins Gesicht des 62-Jährigen und vieler, die im vergangene­n Jahrzehnt immer wieder einschalte­ten bei Tennismatc­hs und die Expertise und den Witz Günthardts schätzten.

Stumpfen viele Kommentato­ren mit den Jahren ab, so ist der Ex-Profi, frühere Coach von

Steffi Graf und aktuelle FedCup-Captain immer noch total fasziniert von seinem Sport – und brachte das auch am Sender rüber. Er blieb immer neugierig, war stets interessie­rt an den entscheide­nden Details, glänzte mit seinem breiten Fachwissen und war nie anbiedernd oder marktschre­ierisch. Zusammen mit Bürer wurde er 2018 zum Sportjourn­alisten des Jahres ausgezeich­net.

Keine Sportart hatte bei SRF in den vergangene­n Jahren so viel Sendezeit wie Tennis. Natürlich dank Federer. Wobei das Schweizer Fernsehen spät auf den Zug aufgesprun­gen war, die Berichters­tattung erst mit mehrjährig­er Verzögerun­g hochgefahr­en hatte. Lange hatte es praktisch nur die Matchs des Schweizer Dominators übertragen, dann entdeckte man in der Chefetage auch seine Rivalen und die Faszinatio­n von fünfstündi­gen Duellen ohne Beteiligun­g Federers.

Die Trennung von Günthardt zeigt auch: SRF schreibt Federer ab. Man traut dem 20-fachen Grand-Slam-Sieger nicht mehr zu, 2022 nochmals grosse Siege zu feiern. Oder Titel. Das dürfte dessen Selbstvers­tändnis kaum erschütter­n. Doch es wird dem Baselbiete­r wehtun, dass sich das Schweizer

Fernsehen bei erstbester Gelegenhei­t vom Tennis abwendet. Nach all diesen Jahren der Erfolge und der glänzenden Einschaltq­uoten. Denn es lag Federer immer am Herzen, dass Livetennis bei SRF zu sehen ist.

Ja, vielleicht ist für Federer am Ende dieser Saison Schluss. Aber nachdem über all die Jahre so viele eingeschal­tet und auch etwas über die anderen Tenniscrac­ks und die Finessen dieses Sports erfahren haben, ist es fahrlässig, diese ganze Aufbauarbe­it verpuffen zu lassen.

Zumal Tennis in der Schweiz boomt, auch dank Federer und zuletzt auch ein bisschen wegen der Corona-Pandemie, da dieser Sport ohne grosses Ansteckung­srisiko ausgeübt werden kann. Die öffentlich­en Courts erleben einen Ansturm wie noch nie.

Günthardt wäre mit seiner Popularitä­t und Erfahrung der Richtige gewesen, um die Schweizer TV-Zuschauer in die Ära nach Federer zu führen. Und vielleicht gibt es fürs hiesige Tennis ja auch ein Leben nach Federer. Talente wie Dominic Stricker, Leandro Riedi oder Céline Naef zeigen verheissun­gsvolle Ansätze. Viktorija Golubic erreichte in Wimbledon mit 28 erstmals einen Grand-Slam-Viertelfin­al. Und die Geschichte von Belinda Bencic ist noch lange nicht zu Ende geschriebe­n.

In der SRF-Erklärung zur Trennung von Günthardt wird dessen Name im Statement von Susan Schwaller, der Chefredakt­orin von SRF Sport, erst im 74. Wort erwähnt. Zuvor erörtert sie, wieso der Stellenwer­t des Tennis künftig deutlich geringer sein werde.

Dass Günthardt fast schon nebenbei erwähnt wird, passt zur Aussage von Roland Mägerle, dem Leiter SRF Sport, der gegenüber dem «Blick» zum Abgang von Stefan Bürer sagte: «Die Leute schalten schon primär wegen des Sports ein. Tennis läuft gut wegen der Karriere von Roger Federer. Das ist das A und O, da müssen wir ehrlich sein.» Kurz: Kommentato­ren sind beliebig austauschb­ar. Wertschätz­ung klingt anders.

Günthardt wäre der Richtige gewesen, um die Schweizer TV-Zuschauer in die Ära nach Federer zu führen.

Nach dem US Open werde es ein Debriefing mit Heinz Günthardt geben, sagte Mägerle in jenem Interview vor drei Wochen. Wie in jedem Jahr. Nun hat er sich anders entschiede­n. Klar ist es für Mägerle, seit 2016 SRF-Sportchef, keine einfache Zeit. Die Privaten machen Druck, TV-Rechte werden teurer, und gleichzeit­ig steigt der Bedarf an Livesport, weil er wegen seiner Unmittelba­rkeit noch einer der Trümpfe des traditione­llen Fernsehens ist.

Simon Graf

Doch indem bei SRF Sport ein Klima geschaffen wird, in dem die Stars davonlaufe­n, oder indem man sie sogar aktiv davonjagt, demontiert man sich selbst. Schade. Die Leidtragen­den sind die Gebührenza­hler. Die Stimme Günthardts wird vielen fehlen.

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Foto: Freshfocus Seine Zeit beim SRF läuft ab: Heinz Günthardt.

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