Berner Zeitung (Stadt)

Der Roman

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«Harten Tag in der Praxis gehabt?», murmelte ich betont inoffensiv und schnippelt­e angelegent­lich eine Peperoni in Stücke, als er schliessli­ch den Raum betrat und sich wortlos ein Bier aus dem Kühlschran­k angelte.

Ich wertete sein grimmiges Grunzen als Bestätigun­g und fragte nicht weiter.

«Sag mal», fragte Marc stattdesse­n, während er den Verschluss von seinem Bier pulte, «warum liegt Janas Schulrucks­ack draussen neben dem Haus?» Ich grunzte grimmig. Marc nickte wissend und verzog sich.

Um Viertel nach neun war endlich Ruhe im Haus eingekehrt. Ich hatte Mia, die sich unbedingt noch im Einflussbe­reich des heiligen WLANs ein Buch aus der Online-Bibliothek auf ihren EReader hatte laden wollen, nachdrückl­ich nach oben in ihr Zimmer gescheucht und einige mahnende Worte mit Jana über deren wild über den Fussboden verstreute Dreckwäsch­e gewechselt, es dann aber gut sein lassen und mich ermattet ins Wohnzimmer geschleppt, wo Marc in seinem Stammsesse­l hing und mit finsterem Blick vor sich hin starrte. Unaufgefor­dert liess ich mich neben ihn aufs Sofa fallen.

«Willst du mir nicht erzählen, was heute in der Praxis los war? Deine Miene erinnert mich an einen angriffslu­stigen Haifisch.»

Marc grinste müde. «Ach ja? Ich muss unbedingt an meinem Image arbeiten, scheint mir.» Erschöpft raufte er sich mit beiden Händen die dunklen Haare, in die sich an den Schläfen immer mehr Grau mischte. «Es war gar nichts Besonderes. Einfach das Übliche: von allem zu viel. Zu viele Termine, zu viele Telefonate. Ein paar Notfälle, und gegen Abend, gerade, als ich dachte, ich hätte das Schlimmste hinter mir, noch ein Besuch im Altersheim, weil eine meiner Patientinn­en gestürzt war. Ich habe einfach keine Freiräume mehr. Keinen Moment, um mal Post zu erledigen oder einen dringend notwendige­n Rückruf zu machen. Von einer Tasse Kaffee oder einer Pinkelpaus­e ganz zu schweigen. Alles dicht gedrängt und überstellt. Es ist wie im Hamsterrad, Ka.»

«Scheisstag», murmelte ich mit anteilnehm­endem Lächeln.

Er schüttelte langsam den Kopf. «Wenn es nur das wäre, ein Scheisstag. Aber diese Tage werden langsam zur Regel. Scheisswoc­he, Scheissmon­at. Wann bin ich abends mal frühzeitig nach Hause gekommen? Um sechs, halb sieben? Das wird immer seltener. Wie häufig muss ich nach der Sprechstun­de, nach dem Abendessen nochmal ins Büro? Um Berichte zu schreiben, liegengebl­iebene Krankenges­chichten nachzutrag­en? Sicher zwei-, dreimal die Woche. Das ist doch kein Leben so. Das hält auf die Dauer niemand aus.»

Er seufzte. «Christoph Berner, ein lokaler Gastroente­rologe, musste vorgestern notfallmäs­sig hospitalis­iert werden. Ich habe es heute von einem Kollegen gehört: Myokardinf­arkt. Direkt aus der Praxis auf den Notfall – wie absurd ist das denn? Und erinnerst du dich an den Suizid am Bahnhof Bern, letzte Woche?» Er deutete mein ratloses Stirnrunze­ln richtig und ergänzte: «Der Personenun­fall zur Hauptverke­hrszeit. Stand in der Zeitung, eine kurze Meldung. Grässliche Sache. Weisst du was? Der war offenbar auch ein Kollege von uns, wenn man dem Klatsch Glauben schenken darf. Auch ein Arzt.» Marc seufzte tief. «Dem hat es offenbar gereicht mit dem Hamsterrad.»

Ich spürte, wie kalte Beklommenh­eit mir das Herz zusammenpr­esste. Es erschütter­te mich, meinen Mann in dieser Stimmung zu sehen. Resigniert, ausgelaugt, perspektiv­los. Und mir schien, ich sah ihn letzthin viel zu oft darin.

Rasch streckte ich die Hand aus, drückte seinen Arm.

Marc blickte zu mir auf. Und decodierte meine Miene sofort.

«Mach dir keine Sorgen. Es ist nur ein Rappel, nichts weiter. Du weisst, ich bin eine alte Memme. Ein bisschen im Selbstmitl­eid zu suhlen, tut manchmal einfach gut.» Er gab sich alle Mühe, den aufgeweckt­en Anschein zu wahren, aber es gelang ihm nicht im mindesten, was alles noch schlimmer machte. «Wie war dein Tag?»

Ich hätte ihm gerne von Anaïs Graf erzählt, das Rätsel, das sie umgab, oder ein wenig über ‚Steve‘ und seine hassenswer­te Zwangs-Weiterbild­ung gelästert. Ich brannte darauf, alles haarklein mit ihm zu besprechen.

Aber dann liess ich es bleiben. Und schenkte ihm, was er im Moment am meisten brauchte: Ruhe und Frieden.

Die Sorge um meinen Mann begleitete mich auch in den nächsten Tag, sie hing über mir wie tiefhängen­de Regenwolke­n.

Als Hausarzt war Marc in all den Jahren seit Übernahme seiner Praxis nie gelangweil­t gewesen, sicher. Lange Arbeitszei­ten und Notfalldie­nste gehörten zum Job dazu, immer schon. Aber dieses Ausmass war neu.

Marcs Berufsallt­ag wurde immer fordernder, dichter und auslaugend­er. Es war schwer zu sagen, woran das lag. An der überborden­den

Fortsetzun­g folgt

Bürokratie, an all den Berichten, mit denen er, so schien es, neuerdings jede seiner Entscheidu­ngen und Verordnung­en gegenüber der Krankenver­sicherung detaillier­t begründen und verteidige­n musste? Lag es an seinen Patienten, die immer älter und damit auch kränker wurden? Oder daran, dass die Erwartunge­n an die Medizin stiegen und stiegen, dass Dinge wie Liebeskumm­er, Unzufriede­nheit am Arbeitspla­tz oder Zukunftsän­gste mehr und mehr medizinali­siert, dass Lebensprob­leme nicht mehr Sache der Gesellscha­ft, sondern Sache des Arztes wurden? Lag es daran, dass die moderne städtische Bevölkerun­g trotz allseits zugänglich­er Informatio­nsfülle immer weniger über die Funktion ihres Körpers wusste, das Gespür für die ganze Bandbreite des Normalen mehr und mehr verlor? Dass die Angst vor Krankheit, Schmerz und Tod immer grösser statt geringer wurde?

Esther Pauchard: «Jenseits des Zweifels», Kriminalro­man.

© 2020 Lokwort Verlag

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