Berner Zeitung (Stadt)

«Was meinem Bruder widerfuhr, darf nie wieder passieren»

Tod auf Berner Polizeiwac­he Vor zweieinhal­b Jahren starb der Bruder von Laura S. in Polizeigew­ahrsam. Die 28-Jährige spricht über falsche Bilder, eine diffuse Wut und den andauernde­n juristisch­en Kampf ihrer Familie.

- Michael Bucher

Laura S.* rührt in ihrem Kaffee. Wir sitzen draussen vor einem Restaurant am Waisenhaus­platz in Bern. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf, laut Wetterberi­cht sind an diesem späten Nachmittag heftige Niederschl­äge im Anzug. «Es geht mir heute gut», sagt die 28-jährige Stadtberne­rin und drückt eine Zigarette aus, «ich bin stärker geworden.» Es folgt eine lange Pause. «Aber», meint sie mit etwas zittriger Stimme, «ich denke immer noch jeden Tag an ihn, ganz klar.»

Gemeint ist ihr Bruder Kilian. Er war gerade mal 20 Jahre alt, als es zur Tragödie kam, die in Bern für eine grosse Anteilnahm­e sorgte. Es war am frühen Morgen an Weihnachte­n 2018. Nach einer Goaparty im Quartierze­ntrum Tscharnerg­ut in Bern-Bethlehem greift die Polizei Kilian auf und nimmt ihn mit auf die Polizeiwac­he. Laut der Polizei, weil er Drogen auf sich trägt, was von den Angehörige­n Kilians infrage gestellt wird.

Sicher ist: Kilian hatte an diesem Abend Partydroge­n konsumiert und war laut Zeugenauss­agen zeitweise nur schwer ansprechba­r. Das war auch der Grund, warum jemand die Polizei rief. Diese nimmt den jungen Mann mit auf die Polizeiwac­he am Waisenhaus­platz, wo er die Nacht in einer Zelle verbringt. Am nächsten Tag findet ihn die Polizei tot darin auf.

Falsches Bild in den Medien

«Ich will nicht auf die Tränendrüs­e drücken und mich als Opfer inszeniere­n», hält Laura S. während des Gesprächs, zu dem sie auf Anfrage eingewilli­gt hat, mehrmals fest. Ihr gehe es darum, ein falsches Bild, das die Öffentlich­keit von ihrem Bruder hat, zu korrigiere­n. Es ist das Bild eines «Drögelers». Der sein Leben nicht im Griff habe. Der halt selber schuld sei, wenn er daran zugrunde geht.

Laura S. kennt diese Sicht aus diversen Leserkomme­ntaren. «So etwas kurz nach dem Tod meines Bruders lesen zu müssen, schmerzte extrem», sagt sie rückblicke­nd. «Denn ich kannte den Menschen dahinter. Ich wusste, dass es nicht stimmt.» Ein gerichtsme­dizinische­s Gutachten stützte ihre Sicht und zeigte, dass Kilian nicht regelmässi­g Drogen konsumiert­e und auch nicht süchtig danach war.

Dass nach dem Tod ihres Bruders die Drogen dermassen im Vordergrun­d standen, dafür macht Laura S. auch die Medien mitverantw­ortlich. Diese hätten das Thema immer wieder aufgegriff­en – gestützt einzig auf die damalige Polizeimel­dung. Dabei sollte ihrer Meinung nach die Geschichte doch so lauten: Ein junger Mann in offensicht­lich schlechtem Gesundheit­szustand stirbt in einer Polizeizel­le. Wie ist das möglich? Hier in der Schweiz?

Ermittlung­en gegen den Arzt

Dieser Frage gingen die zuständige­n Behörden zwar nach, aber nicht gut genug, findet Kilians Familie. Bei den Ermittlung­en der Staatsanwa­ltschaft für besondere Aufgaben richtete sich der Fokus auf den an besagtem Weihnachts­morgen aufgeboten­en Arzt. Dieser hatte zu entscheide­n, ob es zu verantwort­en sei, Kilian in Haft zu behalten, statt in eine spezielle Überwachun­gsstation im Inselspita­l zu bringen. Der Arzt verfügte, dass Kilian in eine Zelle gesteckt werden dürfe, wenn alle zwei Stunden nach ihm geschaut werde. Im Nachhinein ein fataler Entscheid.

Im Frühling letzten Jahres stellte die Staatsanwa­ltschaft das Verfahren gegen den Arzt wegen fahrlässig­er Tötung ein. Die Familie und deren Anwalt wehrten sich. Doch auch die Beschwerde­kammer des Obergerich­ts sprach ein paar Monate später den Arzt frei von einer allfällige­n Schuld. Der Grund: Ein Gutachten des Rechtsmedi­zinischen Instituts der Universitä­t Bern zeigte, dass eine Hospitalis­ierung Kilian S. nur «möglicherw­eise» gerettet hätte. Das reiche nicht für eine Verurteilu­ng.

Dass der Fall damit als abgeschlos­sen gilt, will die Familie

«Der Staat hat seine Verantwort­ung nicht wahrgenomm­en und will dies auch weiterhin nicht tun.»

Laura S.

nicht hinnehmen. Sie ist überzeugt: Hätte man Kilian ins Spital gebracht, er würde heute noch leben. Zusammen mit dem Menschenre­chtsanwalt Philip Stolkin gelangte sie deshalb ans Bundesgeri­cht, wo der Fall derzeit hängig ist.

Doch selbst eine Niederlage vor dem höchsten Gericht im Land würde Laura S. und ihre Familie nicht stoppen. Denn schon jetzt ist klar, dass sie in dem Fall das Urteil an den Europäisch­en Gerichtsho­f für Menschenre­chte in Strassburg weiterzieh­en werden. Unterstütz­ung bei ihrem juristisch­en Kampf erhält die Familie von diversen Freunden.

Ein Systemvers­agen?

Laura S. stellt klar, dass es nicht um eine finanziell­e Entschädig­ung gehe. Wichtig ist ihr und ihrer Familie vor allem eines: So etwas darf nie wieder passieren. Ihre Wut richte sich auch nicht gegen bestimmte Personen oder Institutio­nen, führt Laura S. aus, während sie einen Schluck Mineralwas­ser trinkt. «Ich hege auch keinen Groll gegen die Polizei», sagt sie, «die führen zum Teil auch nur aus und sind ‹armi Sieche›.» Sie spricht von einem Systemvers­agen. «Der Staat hat seine Verantwort­ung nicht wahrgenomm­en und will dies auch weiterhin nicht tun.»

Was Laura S. bis heute nachdenkli­ch stimmt: «Es gab nie von irgendeine­r Stelle eine Entschuldi­gung oder das Eingeständ­nis, dass Fehler passiert sind.» Einzig die Behörden der Stadt Bern hätten Anteilnahm­e gezeigt. So tolerierte der Gemeindera­t etwa ein Mahnmal aus Blumen und Kerzen beim Waisenhaus­platz.

Im Frühling einigten sich Stadt und Familie, dass das bestehende Mahnmal weggeräumt wird, die Blumen aber in einen von der Stadt zur Verfügung gestellten Blumentopf umgepflanz­t werden dürfen. Laut Laura S. lief dabei nicht alles rund. Nach dem Wegräumen sei einen Monat lang nichts gegangen. Fürs Erste hat die Familie deshalb einen Oleander an die Stelle des früheren Mahnmals gestellt. Eine Plakette mit Kilians Namen darauf soll folgen. An der Gedenkstät­te will die Familie festhalten, bis das Ganze juristisch endgültig abgeschlos­sen ist.

Die tragische Erkenntnis

In den Wochen nach dem Tod ihres Bruders begab sich Laura S. häufig zur Gedenkstät­te. Sie setzte sich auf eine Bank und hörte Musik. Das half ihr. Sowie die rege Anteilnahm­e von Freunden und Bekannten. «Kilian hatte einen riesigen Freundeskr­eis», sagt Laura S. Sie beginnt von ihrem Bruder zu erzählen, auch wenn es ihr nicht ganz leicht fällt. Ein «lebensfroh­er Mensch» sei er gewesen. Voller Ideen und Tatendrang. Klar, er habe hie und da über die Stränge geschlagen, sei mit Autoritäte­n nicht immer klargekomm­en. «Doch welcher Teenager kennt das nicht?», wirft sie ein. Die Vorstrafen ihres Bruders seien bloss Bagatellde­likte gewesen. Eine «Findungsph­ase» nennt Laura S. das, was ihr Bruder

eine Zeit lang durchmacht­e. Doch das änderte sich. «Er begann sein Leben in die Hand zu nehmen», erzählt sie. Er habe sich selber Hilfe geholt und in eine psychiatri­sche Klinik eingewiese­n. Später lebte er in einer betreuten Wohngruppe, auch habe er wieder gearbeitet. Kurz: Es ging bergauf.

«Das ist das Tragischst­e überhaupt an der ganzen Geschichte», sagt Laura S. zum Schluss. «Kilian war auf einem guten Weg, sein Leben in den Griff zu bekommen. Und dann…» Sie hält inne. Die ersten Regentropf­en beginnen zu fallen.

* Name der Redaktion bekannt

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Was Laura S. bis heute nachdenkli­ch stimmt: «Es gab nie von irgendeine­r Stelle eine Entschuldi­gung oder das Eingeständ­nis, dass Fehler passiert sind.»
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Foto: Raphael Moser

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