Berner Zeitung (Stadt)

Solarpanel­s sind zugewachse­n

Weil die Solaranlag­e auf der Autobahnüb­erdeckung überwachse­n ist, produziert sie weniger Strom, als eigentlich möglich wäre. Dem Bund entgehen dadurch beträchtli­che Einnahmen.

- Markus Zahno

Auf dem Autobahnda­ch produziert eine Fotovoltai­kanlage Strom. Der Bund ist zuständig für deren Unterhalt, hat bisher aber nicht gemäht. Das wirkt sich negativ auf die Stromprodu­ktion aus.

Kurt Schütz schüttelt den Kopf. Er steht auf der Autobahnüb­erdeckung in Rüdtligen-Alchenflüh und schaut hinüber zur Fotovoltai­kanlage. 2014 wurden die Solarpanel­s in Betrieb genommen. Mit einer Fläche von über 1500 Quadratmet­ern war es damals eine der grössten Anlagen weitherum.

Die über 900 Solarmodul­e, die nördlich und südlich des Tunneldach­s installier­t sind, liefern bei normalem Betrieb Strom für über 40 Haushalte. Von Normalbetr­ieb könne derzeit aber keine Rede sein, kritisiert Schütz. Der Augenschei­n vor Ort bestätigt: Die Fotovoltai­kanlage ist im Moment eher eine Ökowiese. Hier wachsen grüne Gräser, gelbe, violette und weisse Blumen – manche überragen die Solarpanel­s um einen halben Meter.

So positiv die Wildblumen­wiese für die Biodiversi­tät ist, so negativ wirkt sie sich auf die Stromprodu­ktion aus. Denn all die Gräser und Blumen werfen Schatten auf die Solarpanel­s. Schütz ist überzeugt: «Im Moment produziert die Anlage nicht halb so viel Strom, wie sie eigentlich könnte.»

«Ich kann das nicht verstehen.»

Kurt Schütz ehemaliger Gemeindepr­äsident dazu, dass der Bund bei der Solaranlag­e nicht regelmässi­g mäht.

Lange liefs gut

Kurt Schütz amtete von 2007 bis 2018 als Gemeindera­tspräsiden­t von Rüdtligen-Alchenflüh. Die Fotovoltai­kanlage auf der A1 war für ihn eine Herzensang­elegenheit: Er nahm die Idee aus der Schublade, gleiste die Planung auf und verhalf dem Projekt zum politische­n Durchbruch. «Lange lief alles gut.» Der produziert­e Solarstrom wurde für einen garantiert­en Abnahmepre­is von 18,8 Rappen pro Kilowattst­unde an die Elektra Jegenstorf verkauft. Doch dann, 2019, lief der Abnahmever­trag aus – und die Gemeinde als Besitzerin der Anlage erhielt pro Kilowattst­unde nur noch halb so viel Geld. Letzten Herbst beschloss die Gemeindeve­rsammlung, die Anlage zu verkaufen: an das Bundesamt für Strassen (Astra), dem auch die darunterli­egende Autobahn gehört. Die Gemeinde erhielt rund 440’000 Franken. Das sei viel zu wenig, findet Schütz, die Anlage sei mehr Geld wert. Deshalb machte er sich gegen den Verkauf stark. Jedoch ohne Erfolg. Auf den 1. April 2021 hat das Astra die Solaranlag­e offiziell übernommen. Dem Bundesamt obliegt seither auch der Unterhalt der Anlage. Unter anderem: das Mähen der Gräser und Wildblumen rund um die Solarpanel­s.

Stark gewachsen

Als die Anlage noch der Gemeinde gehörte, haben Mitarbeite­r des Werkhofs regelmässi­g gemäht. Auch eine Gruppe mit Rentnern und Alteingese­ssenen hätten sich in ehrenamtli­cher Arbeit um die Anlage gekümmert, erzählt Patrizia Lambroia, die heutige Gemeindera­tspräsiden­tin von Rüdtligen-Alchenflüh. «Seit das Astra die Anlage übernommen hat, mischen wir uns beim Unterhalt aber nicht mehr ein.»

Kein einziges Mal sei dieses Jahr bisher gemäht worden, sagt Kurt Schütz. «Ich kann das nicht verstehen.» Ob das Astra das Geld, das die Fotovoltai­kanlage bei voller Leistung bringen würde, nicht nötig habe? Ob man in einer Zeit, in der alle von der Energiewen­de sprächen, wirklich freiwillig auf so viel sauberen Strom verzichten wolle? Astra-Medienspre­cher Mark Siegenthal­er kann die Kritik nachvollzi­ehen. Wie bei allen anderen Anlagen, die zum Nationalst­rassennetz

gehörten, sei das kantonale Tiefbauamt für den Unterhalt zuständig. «Anfang Juni war der Unterhalts­dienst vor Ort und hat nur wenig Bewuchs festgestel­lt», so Siegenthal­er. «Das Pflanzenwa­chstum muss in den letzten Wochen mit dem starken Regen extrem gewesen sein.»

Bald wird gemäht

Der Strom, den die Solarpanel­s produziere­n, wird lokal verwendet: für die Beleuchtun­g des Autobahntu­nnels, die Verkehrssi­gnale, die Lüftung und weitere Systeme. Der restliche Strom werde ins normale Netz eingespeis­t, erklärt Mark Siegenthal­er. Jährlich kann die Anlage bei idealen Bedingunge­n über 230’000 Kilowattst­unden produziere­n. Wie viel die – beschattet­e – Anlage im Moment leistet, kann der Medienspre­cher nicht sagen.

Sicher ist aber: Das Gras um die Solarpanel­s auf der Autobahnüb­erdeckung werde in Zukunft regelmässi­g gemäht, erklärt Mark Siegenthal­er. Die Unterhalts­equipe werde bald vorbeigehe­n und sich um das hohe Gras kümmern.

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Foto: Raphael Moser Die überwachse­nen Solarpanel­s: Der Schatten der Pflanzen führt zur Reduktion der Stromprodu­ktion.

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