Berner Zeitung (Stadt)

Wie aus den Festivalpr­ofis Berns Corona-Test-Experten wurden

Die Pandemie zwingt das Gurtenfest­ival-Team zum zweiten Mal in Folge zur Absage. Das Virus verschafft­e ihm aber zugleich ein zweites Standbein.

- Quentin Schlapbach

Der Anblick tut weh, auch wenn er wunderschö­n ist. Es ist der Montagmorg­en nach dem EMFinal, und die saftig-grüne Wiese auf dem Gurten ist menschenle­er. Um diese Jahreszeit sollten hier oben eigentlich die Bühnen, Zelte und Anlagen des Gurtenfest­ivals stehen. Für viele Bernerinne­n und Berner sind es jeweils die vier schönsten Tage im Jahr, an denen ausgelasse­n gesungen, getanzt und gefeiert wird.

Aber daraus wird bekanntlic­h nichts. Statt wummernder Bässe gibt es auch heuer auf dem Gurten nur das Summen und Brummen der Insekten zu hören. Der Berner Kultanlass fällt der Corona-Pandemie zum Opfer – zum zweiten Mal in Folge. «Wir haben die Planung lange Zeit hinausgesc­hoben und abgewartet. Aber Mitte März war dann klar, dass die Unsicherhe­iten einfach zu gross sind», sagt Lena Fischer.

Die 32-jährige Bernerin ist seit drei Jahren Teil des Gurtenfest­ival-Teams. Für die Ausgabe 2019 war sie noch fürs Booking mitverantw­ortlich. Im Jahr darauf übernahm sie die Leitung für den Bereich Marketing und Kommunikat­ion. Aber statt über Bandverpfl­ichtungen und neue Angebote zu informiere­n, musste Fischer den Gurten-Fans bisher vor allem Hiobsbotsc­haften überbringe­n.

Die Absage 2020 war für alle noch ein Schock, sagt Fischer. Dieses Jahr fällt es nun etwas leichter, weil sich die Absage über längere Zeit abzeichnet­e und der Entscheid Mitte März nicht mehr so plötzlich kam. Und vielleicht auch, weil die Hoffnung nun sehr gross sei, dass es nächstes Jahr tatsächlic­h wieder ein Festival geben wird.

Es soll eine Rückkehr zu den Wurzeln werden, «zurück zu unserer Kernkompet­enz», wie Lena Fischer es nennt. Denn auch wenn die Corona-Pandemie den Gurten-Veranstalt­ern über eineinhalb Jahre lang ihre eigentlich­e «raison d’etre» raubte, blieben sie dabei nicht untätig. Das hängt entscheide­nd mit einem Anruf Mitte Oktober zusammen.

Die meisten der zwölf fest angestellt­en Mitarbeite­rinnen und Mitarbeite­r der Gurtenfest­ival AG befanden sich damals in Kurzarbeit. Als die Corona-Zahlen im September wieder explosions­artig anstiegen, war für sie bereits klar, dass an eine normale Planung für das Festival 2021 nicht zu denken war. In dieser Zeit kam der besagte Anruf aus der Gesundheit­sdirektion des Kantons Bern. Könnt ihr für uns ein Corona-Schnelltes­tzentrum auf die Beine stellen? Das war die Frage, welche die Behörden der GurtenCrew stellten.

Arbeit trotz Kultur-Lockdown

Jene, die in den letzten Monaten in einem grösseren Testzentru­m einen Corona-Abstrich machen mussten, hatten dabei wohl kaum das Gefühl, an einem «Event» teilgenomm­en zu haben. Umso mehr, weil man mit einem Event normalerwe­ise etwas Positives verbindet.

Und doch braucht es für die Organisati­on eines Testzentru­ms ein ähnliches Know-how wie für das Durchführe­n eines Grossanlas­ses: der Bau von temporärer Infrastruk­tur, die Kommunikat­ion über digitale Kanäle, das Kanalisier­en von grossen Menschenma­ssen und – was die Gurtenfest­ival AG dem Kanton auch anbieten konnte – eine Softwarelö­sung für das Anmelden und das Übermittel­n der Resultate an die Testteilne­hmenden.

Lena Fischer sagt, dass man sich die Anfrage des Kantons nur einen Nachmittag lang durch den Kopf gehen lassen musste. «Dann war für uns klar: Wir machen das.»

Von Anfang November bis Ende März managten die Mitarbeite­nden des Gurtenfest­ivals also fortan das Schnelltes­tzentrum in Belp. Und sie konnten dabei auch vielen Leuten Arbeitsein­sätze

vermitteln, die durch den Kultur-Lockdown vor einer leeren Agenda sassen. Musikerinn­en, Tontechnik­er oder Serviceang­estellte – sie alle wurden innert weniger Tage darin geschult, wie man einen korrekten Testabstri­ch macht.

Lena Fischer koordinier­te zusammen mit Gurtenfest­ival-Geschäftsf­ührer Bobby Bähler die Testorgani­sation. Auch wenn es manchmal nass und ungemütlic­h kalt wurde, habe auf dem Areal neben dem Belper Giessenbad immer eine gute Stimmung geherrscht, sagt Fischer. «Bei uns liessen sich aber auch nur Leute testen, die zu keiner Risikogrup­pe gehören», sagt sie. Deshalb waren die meisten Testteilne­hmenden gesundheit­lich nicht allzu schwer angeschlag­en.

«Wir leeren die Spucke zusammen»

Bei der Anfrage des Kantons war von Anfang an klar, dass das Testzentru­m nur so lange in Betrieb sein wird, wie die Pandemie dies verlangt. Zusätzlich übernahm die Gurten-Crew aber auch weitere Aufgaben. Wann immer es fortan in einer Berner Gemeinde einen lokalen Ausbruch gab, war die Gurten-Crew mit einem mobilen Team – oft mit dem sogenannte­n CovidTruck – vor Ort, und die Menschen konnten sich testen lassen.

Auch bei den Massentest­s an den Berner Schulen hätten sie eine Rolle übernommen, wie Lena Fischer – nicht ohne zu schmunzeln – erzählt. «Wir leeren die Spucke zusammen», sagt sie. Das heisst, sie füllen den Speichel von maximal zehn Schülerinn­en und Schülern beim Labor in Münsingen in einen Behälter und leiten diesen zur Auswertung weiter.

Innerhalb von wenigen Monaten ist aus Spezialist­innen und Spezialist­en für Grossanläs­se so eine Gruppe von Viren-Sachverstä­ndigen geworden. Die Gurtenfest­ival AG ist auch ein schönes Beispiel, wie ein Unternehme­n auf eine aussergewö­hnliche Krise flexibel und unbürokrat­isch reagieren kann.

Noch bis Ende Juli laufen die Corona-Arbeiten für den Kanton Bern. Danach geht das GurtenTeam für einen Monat lang in die Ferien. Ab September soll dann wieder ganz normal die Planung für die Ausgabe 2022 beginnen. Ob die Behörden im Herbst erneut bei ihnen anklopfen, werde sich zeigen, sagt Lena Fischer. Sie geht aber derzeit davon aus, dass einzig die extra entwickelt­e Software weiterhin vom Kanton in Anspruch genommen wird.

Das Wetter kann nur besser werden

Finanziell hat sich der Ausflug in die Corona-Test-Branche insofern gelohnt, als das Gurtenfest­ival-Team aus der Kurzarbeit und zusammen arbeiten konnte. «Für uns war schön, dass wir etwas Sinnvolles zu der Situation beitragen konnten», sagt Fischer. Für die Ausgabe 2020, die nicht stattfinde­n konnte, gab es vom Kanton eine Ausfallsen­tschädigun­g, welche 60 Prozent der Aufwände deckte. Für das Jahr 2021 ist dies noch offen.

Vom Corona-Schutzschi­rm für abgesagte Veranstalt­ungen, welcher im Kanton Bern ab Juli in Kraft ist, kann das Gurtenfest­ival aber nicht profitiere­n. «Der gilt nur für bereits bewilligte Veranstalt­ungen», sagt Fischer. Die Corona-Krise hinterläss­t deshalb auch beim Gurtenfest­ival insgesamt ein Loch in der Kasse. «Wir waren aber nie in unserer Existenz bedroht», hält Lena Fischer fest.

Auch deshalb kann das Gurten-Team zuversicht­lich aufs 2022 blicken. «Ich hoffe, das Karma beschert uns für nächstes Jahr vier Tage lang Traumwette­r», sagt Fischer. Der Blick auf den Wetterberi­cht mag den Phantomsch­merz vielleicht sogar für besonders eingefleis­chte Gurten-Fans zumindest etwas lindern. Denn eines ist klar: Mehr regnen als heuer kann es im kommenden Jahr fast nicht.

«Wir waren aber nie in unserer Existenz bedroht.»

Lena Fischer

Leiterin Marketing und Kommunikat­ion Gurtenfest­ival

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Foto: Raphael Moser Im Oktober kam die Anfrage, Anfang November nahm die Gurtenfest­ival AG das Schnelltes­tzentrum in Betrieb.
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Foto: Susanne Keller Lena Fischer am Ort, wo eigentlich jetzt ein Festival stattfinde­n sollte: Auf dem Gurten.

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