Berner Zeitung (Stadt)

Für drei grosse Seen gilt die höchste Warnstufe «Auf dem Land reagiert man gelassener»

Als «Katastroph­en-Franz» wurde Franz Steinegger einst bekannt. Der ehemalige FDP-Präsident spricht über den Umgang mit Krisen – und über die Fehler der Feuerwehr.

- Fabian Renz (sda)

Herr Steinegger, wie ist bei Ihnen im Urnerland die Situation, während wir telefonier­en?

Angespannt, aber nicht katastroph­al. Zum Glück gab es bis jetzt kaum schwere Erdrutsche.

Sie wurden als «Katastroph­enFranz» bekannt, weil Sie über 30 Jahre lang den Urner Führungsst­ab leiteten. Welches war die grösste Katastroph­e, die Sie zu bewältigen hatten? Wir hatten zu meiner Zeit im Führungsst­ab drei schwere Unwetter in den Jahren 1977, 1987 und 2005. Von den Ausmassen her war jenes 1987 am stärksten, jedenfalls war da am meisten Fläche von Verwüstung­en betroffen. Der damalige Einsatz trug mir auch den Namen «Katastroph­en-Franz» ein. Von der Schadensum­me her war 2005 noch gravierend­er, weil da ein ganzes Industrieq­uartier in Schattdorf betroffen war. Ich würde allerdings trotzdem nicht von Katastroph­en sprechen.

Was haben Sie gegen den Begriff «Katastroph­e»? Eine Katastroph­e bedeutet aus meiner Sicht, dass zahlreiche Menschen an Leib und Leben zu Schaden kommen. Die genannten Unwetter, auch das jetzige, würde ich eher als Naturereig­nisse bezeichnen.

Wie gravierend ist die aktuelle Krise im Vergleich zu den

Unwettern von 1977, 1987 und 2005?

Vom jetzigen Unwetter sind die städtische­n Agglomerat­ionen stark betroffen. Das war 1977, 1987 und 2005 noch kaum der Fall, auch wenn es am Thunersee, im Berner Mattequart­ier und in Luzern mit Hochwasser einige Probleme gab. Für den Kanton Uri ist stets das Genua-Tief im Süden besonders gefährlich. Es sorgt für ausgiebige Regenfälle in höheren Lagen, insbesonde­re im Urserental. Das aktuelle Wetter kommt demgegenüb­er eher von Westen als von Süden. Aus Urner Sicht ist die Lage also etwas weniger bedrohlich. Auch weil auf den Pässen Schnee liegt und Niederschl­ag bindet.

Geht die Landbevölk­erung mit solchen Naturereig­nissen anders um als Städterinn­en und Städter?

Auf dem Land reagiert man gelassener. Die Leute auf dem Land haben so etwas alle schon mal erlebt. Und man ist eher bereit, ein solches Ereignis als vom Herrgott gegeben anzunehmen.

Machen wir den Zeitvergle­ich. Was machen die heutigen Krisenmana­ger anders als Sie damals?

Man weiss heute viel mehr. Vor dem Unwetter 1977 wussten wir zwar, dass es regnen wird, aber wir konnten weder das Ausmass einschätze­n, noch wussten wir, welche Orte es besonders heftig treffen würde. Wir konnten eigentlich nur warten und dann reagieren. Das war ziemlich belastend. Heute sind die Wetterprog­nosen präziser, auf etwa sieben Kilometer genau eingrenzba­r. Dadurch lassen sich gezieltere Schutzmass­nahmen treffen.

Sind wir heute generell besser auf Katastroph­en vorbereite­t? In der Tat sind in den letzten Jahrzehnte­n sehr viele Massnahmen getroffen worden, um Unwettersc­häden vorzubeuge­n. Hier in Uri zum Beispiel gibt es inzwischen umfangreic­he Wasserverb­auungen an den Flüssen. Und der Flusspegel der Reuss wird permanent überwacht.

Gibt es auch etwas, das Sie am heutigen Krisenmana­gement kritisiere­n?

Mein Eindruck ist, dass die Feuerwehre­n ihre Prioritäte­n in den letzten Jahren teilweise falsch gesetzt haben. Man hat sehr viel in die Ausrüstung für schnelle Einsätze in der Brandbekäm­pfung investiert, beispielsw­eise in Atemschutz­masken. Aber gerade hier in Uri sind Einsätze wegen Überschwem­mungen und Erdrutsche­n häufiger als Brände. Für solche Ereignisse bräuchten die Feuerwehre­n vor allem eines: sehr viel Manpower.

Welche Episoden Ihrer Einsätze sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Einige. Ich erinnere mich, wie ein Bauer zwei Stück Vieh ins Obergescho­ss seines Hauses verfrachte­te, um sie vor den Fluten in Sicherheit zu bringen. Die Tiere wieder nach unten zu bekommen, gelang aber nicht mehr. Schliessli­ch mussten sie durch eine Öffnung an einer Seitenwand mithilfe eines Helikopter­s evakuiert werden. Oder dann war da dieser französisc­he Camper, der irgendwo zwischen Wassen und Gurtnellen parkiert hatte und da übernachte­n wollte. Die Feuerwehr wies ihn kurz vor Einbruch der Dunkelheit an, den Platz zu räumen. Am nächsten Morgen war der Platz weggeschwe­mmt.

Wie kamen Sie zu Ihrer Funktion im Führungsst­ab?

Als junger Mitarbeite­r der Kantonsver­waltung war ich damit betraut, eine entspreche­nde Verordnung zu erarbeiten. Dann gab es just in diesem Jahr, 1975, ein grosses Lawinenere­ignis. Der zuständige Regierungs­rat sass in Wassen fest, der Weg nach Altdorf war ihm versperrt. Er rief mich an und sagte, ich solle einfach mal machen. So bin ich in das Amt reingeruts­cht.

Und haben es mehr als drei Jahrzehnte lang behalten. Ja, nachdem ich 1981 meine Anwaltskan­zlei eröffnet hatte, habe ich das im Nebenamt weitergefü­hrt. Ich war ein ziemlich «frecher Siech» damals, fasste Beschlüsse und gab Geld aus. Der Kanton hat es aber stets gedeckt.

Ihre Partei, die FDP, tut sich schwer mit dem Klimaschut­z. Sind Unwetter wie das jetzige nicht ein Mahnmal dafür, dass wir den Klimawande­l aktiver bekämpfen sollten?

Ich bin für Klimaschut­z. Aber wir sollten aufpassen: Beim Bergsturz am Piz Cengalo vor vier Jahren hiess es auch sofort, der Klimawande­l sei die Ursache. Dabei lässt sich historisch nachzeichn­en, dass es am Cengalo auch in der Vergangenh­eit grosse Bergstürze gab. Die Klimapäpst­e sollten vorsichtig sein mit ihren Diagnosen, wenn sie nicht an Glaubwürdi­gkeit verlieren wollen. Unsere Schweizer Gesetzgebu­ng hat auf das weltweite Klima höchstens minimalen Einfluss.

Sie selber wurden bald nach Ihrem Unwetterei­nsatz von 1987 Präsident der FDP Schweiz. Heute ist die FDP wieder auf Präsidente­nsuche. Welchen «Katastroph­enFranz» wünschen Sie sich für die Partei?

Die FDP braucht eine Präsidenti­n oder einen Präsidente­n, keinen Katastroph­enmanager. Ich habe neulich die Waadtlände­rin Jacqueline de Quattro an einem Anlass erlebt, sie macht mir einen guten Eindruck. Skeptisch bin ich gegenüber einem Co-Präsidium. Das schmeckt mir zu sehr nach SP oder Grünen. Aber ich will mich da nicht einmischen.

Mehrere Gewässer in der Schweiz haben die Hochwasser­marke erreicht oder liegen noch knapp darunter. An Vierwaldst­ätter-, Thuner- und Bielersee gilt die höchste Hochwasser-Warnstufe. Der Kanton Bern befürchtet am Bielersee ein Jahrhunder­thochwasse­r.

Der Pegel des Thunersees überstieg in der Nacht auf gestern die Hochwasser­grenze von 558,3 Metern über Meer. Das Regionale Führungsor­gan beurteilte die Situation aber noch als «nicht dramatisch».

Der Pegel der Aare in Thun liegt noch unter der Schadengre­nze. Für den Thuner- und Bielersee erhöhte der Bund gestern die Warnung auf die höchste Stufe 5 oder «sehr grosse Gefahr». Am Bielersee rechnet der Kanton Bern mit Überschwem­mungen wie beim Jahrhunder­thochwasse­r 2005.

Sperrt Luzern die Brücken?

In Luzern verschärft­e sich die Hochwasser­gefahr. Der Pegel des Vierwaldst­ättersees stieg gestern rund 10 Zentimeter an. Er lag bei 434,73 Metern und damit etwa 1 Meter über dem normalen Pegel. Luzern bereitet sich auch auf ein Jahrhunder­thochwasse­r vor. Brückensch­liessungen seien ein «realistisc­hes Szenario», sagte Feuerwehrk­ommandant Theo Honermann. Seit Dienstagab­end gilt für den Vierwaldst­ättersee die höchste der fünf Gefahrenst­ufen. In Stansstad setzte der See den Dorfplatz unter Wasser.

Auch flussabwär­ts bereitet das Hochwasser der Reuss Probleme. In Hünenberg ZG wurde zunächst ein Dammbruch befürchtet. Am Abend gab der kantonale Führungsst­ab Entwarnung. Auch im Kanton Aargau trat die Reuss teilweise über die Ufer. In Suhr überspülte die Wyna das Freibad. Im Kanton Schwyz trat der Lauerzerse­e über die Ufer. Der Pegel im Sarnersee OW liegt 135 Zentimeter über dem Mittelwert.

Millionens­chäden

In etlichen Gemeinden kam es zu Erdrutsche­n. Im glarnerisc­hen Klöntal rutschte eine Strasse ab. In Oberägeri ZG wurden Bewohner einer bedrohten Liegenscha­ft nach einem Hangrutsch evakuiert. In der Waadt ging ein Rutsch zwischen Cully und Rivaz auf die Strasse am Genfersee nieder.

Die Zürcher Gewässer lagen gestern alle noch knapp unter der Alarmstufe 4, also wenige Zentimeter unter der Hochwasser­marke. Der Kanton rechnet damit, dass diese Marke in den nächsten Tagen überschrit­ten wird.

Der Versichere­r Allianz bezifferte die Schäden durch das Sturmtief Bernd vor allem im Kanton Zürich auf 9 Millionen Franken. 2021 geht er bisher von Unwettersc­häden in der Höhe von 106 Millionen Franken aus – ein neuer Rekord.

 ?? Foto: Patrick Straub (Keystone) ?? Der Rhein bei der Mittleren Brücke in Basel am Mittwoch. Viele Anlegestel­len sind bereits unter Wasser.
Foto: Patrick Straub (Keystone) Der Rhein bei der Mittleren Brücke in Basel am Mittwoch. Viele Anlegestel­len sind bereits unter Wasser.
 ??  ?? Franz Steinegger
Von 1981 bis 2003 sass der Urner für die FDP im Nationalra­t, während zwölf Jahren amtete er als Parteipräs­ident.
Franz Steinegger Von 1981 bis 2003 sass der Urner für die FDP im Nationalra­t, während zwölf Jahren amtete er als Parteipräs­ident.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland