Berner Zeitung (Stadt)

Delta-Variante wirft Bangkok erneut in den Lockdown

Im Ferienland schnellen die Fallzahlen in die Höhe. Die Regierung setzt auf einen ungenügend­e Impfstoff. Und die Wut in der Bevölkerun­g wächst.

- David Pfeifer,

In Bangkok wurde schon gefeiert, als es in Europa noch Lockdowns gab. Die Kinos waren geöffnet, die Bars und die Clubs ebenso. Das Leben war wieder angelaufen nach einem harten Lockdown, der das Land vom März bis in den Herbst nahezu seuchenfre­i gehalten, die Wirtschaft aber schwer geschädigt hatte. Immerhin, wenn man in Bangkok mit Musikerinn­en, Barbetreib­ern oder Hotelbesit­zerinnen sprach, war die einhellige Meinung, dass die Opfer sich gelohnt hatten – es gab im gesamten ersten Pandemieja­hr keine 100 Todesfälle.

Dann kam die Delta-Variante, die man vor zwei Monaten noch nicht so nannte, und innerhalb weniger Tage waren die Spitäler überlastet, die Ansteckung­s- und Sterbezahl­en schossen in die Höhe.

Bangkok wirkt wie tot

Vom März bis zum vergangene­n Juliwochen­ende stieg die Zahl der Infektione­n von insgesamt etwa 28’000 auf 317’000. Die Todeszahle­n nahmen von 94 auf etwa 2800 zu. Die Massagesal­ons, die Kampf-Arenen, die Kinos, die Restaurant­s sind geschlosse­n. Seit Dienstag herrscht totale Ausgangssp­erre ab 21 Uhr, ausser für medizinisc­hes Personal. Bangkok ist lahmgelegt. Einheimisc­he sagen, die Stadt liege da wie tot.

Die «Bangkok Post» veröffentl­ichte Anfang der Woche einen Bericht des Thailand Developmen­t Research Institute (TDRI), in dem der Regierung deutlich ein Missmanage­ment in der Pandemie bescheinig­t wird. «Thailand hat die erste Welle erfolgreic­h kontrollie­rt, dank der harten Arbeit der medizinisc­hen Gemeinscha­ft und der Kooperatio­n der Bürgerinne­n und Bürger – auch wenn es zulasten der Wirtschaft ging.»

Um 6,1 Prozent verringert­e sich das Wachstum im vergangene­n Jahr, der stärkste Rückgang seit der asiatische­n Wirtschaft­skrise 1998. Der erste Erfolg habe der Regierung die Chance gegeben, sich auf die zweite Welle vorzuberei­ten – doch diese Chance wurde vertan, wie das TDRI feststellt.

Nachdem die neuen Einschränk­ungen immer weiter verschärft werden, wird spekuliert, ob die Regierung diese zum Selbstzwec­k einsetze. «Die Regierende­n mögen den Ausnahmezu­stand, weil man dann auch nicht demonstrie­ren darf», sagte ein Vertreter der Demokratie­Bewegung. «Zuerst haben sie die Ausländer beschuldig­t, das Virus einzuschle­ppen, dann die Gastarbeit­er aus Burma.»

Die autokratis­che Regierung unter Premiermin­ister Prayut Chan-o-cha, einem ehemaligen General, muss sich seit etwa einem Jahr mit Demonstrat­ionen für echte freie Wahlen und Demokratie auseinande­rsetzen. Diese Proteste gehen nun trotz pandemiebe­dingter Versammlun­gsverbote weiter. Selbstvers­tändlich wird mit Mundschutz demonstrie­rt. Der Groll der Bevölkerun­g wächst.

Sinovac nicht gut genug

Diese Woche wurde ein Foto durch die sozialen Medien gereicht, das Offiziere am Flughafen Suvarnabhu­mi zeigt, in dem die Duty-Free-Geschäfte seit Wochen geschlosse­n sind. Die Armeeangeh­örigen sollten angeblich in die USA geflogen werden, um dort mit einem mRNA-Vakzin geimpft zu werden.

Die thailändis­che Regierung hatte sich frühzeitig festgelegt, die Impfkampag­ne im Land vorwiegend mit Sinovac-Produkten aus China zu bestreiten. Doch abgesehen davon, dass die Impfkampag­ne schleppend läuft, scheint sich nun herauszust­ellen, dass die chinesisch­en Vakzine nicht ausreichen­d gegen die Delta-Variante schützen. Einige Mitarbeite­r des Gesundheit­swesens haben sich trotz Impfung mit Sinovac angesteckt, nun soll die zweite Dosis mit AstraZenec­a bestritten werden. Die USA senden zudem Biontech/PfizerImpf­stoff, um zumindest Ärzte und Pflegekräf­te wirksam immunisier­en zu können.

Generalleu­tnant Kongcheep Tantravani­ch, Sprecher des Verteidigu­ngsministe­riums, dementiert­e die Gerüchte über die Impfreise der Armee umgehend im Onlinemaga­zin «Khaosod»: Die 114 Offiziere «wurden alle in Thailand geimpft und sind nach der Ankunft in Quarantäne gegangen». Sie seien zum jährlichen Cobra-Gold-Training in die USA geflogen.

Da Thailands Regierung aus einer Junta hervorgega­ngen ist, richtet sich der Unmut gegen die Armee und den Ministerpr­äsidenten Prayut Chan-o-cha. Dieser will nun drei Monatsgehä­lter spenden, um bei der Covid19-Bekämpfung zu helfen. Einige Minister folgten seinem Beispiel. Der Ministerpr­äsident ist derzeit in einer selbst auferlegte­n Quarantäne, nachdem er bei der Wiedereröf­fnung der Ferieninse­l Phuket mit einer Person Kontakt hatte, die später positiv auf Corona getestet wurde.

«Die Regierende­n mögen den Ausnahmezu­stand, weil man dann auch nicht demonstrie­ren darf.»

Phuket ohne Quarantäne

Auf Phuket läuft seit Anfang Juli das sogenannte Sandbox-Programm, das es geimpften und getesteten Personen erlaubt, die Inseln zu besuchen, ohne vorher die staatlich vorgeschri­ebene zweiwöchig­e Quarantäne einzuhalte­n. Man hofft auf die Wiederbele­bung des Tourismus, nachdem die Insel ein Jahr lang fast gespenstis­ch leer war. Und nach den zwei Wochen auf Phuket darf man auch frei weiterreis­en nach Bangkok.

In Bangkok ist ausser den Kurieren, die bestelltes Essen ausliefern, abends kaum jemand auf den Strassen. An ihren grünen Jacken erkennt man, dass sie für den Onlinedien­stleister Grab arbeiten, was auf Deutsch so viel bedeutet wie «schnappen» oder «ergreifen». Das Unternehme­n ist einer der wenigen Gewinner der Pandemie und will noch in diesem Jahr an die Börse gehen. Aber für die vielen Klein- und Kleinstunt­ernehmer, die das Seuchenjah­r gerade so überlebt haben, könnten die neuen Massnahmen das Aus bedeuten.

Demokratie-Bewegung Thailands

 ?? Fotos: Getty Images ?? Wie gut schützt das verabreich­te Vakzin? Gehbehinde­rte Menschen warten in einer Impfstatio­n in Bangkok.
Fotos: Getty Images Wie gut schützt das verabreich­te Vakzin? Gehbehinde­rte Menschen warten in einer Impfstatio­n in Bangkok.

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