Berner Zeitung (Stadt)

Der König jubelt auf der Königsetap­pe wie ein Fussballer

Bei der schwersten Bergankunf­t holt sich Leader Tadej Pogacar den Sieg. Dahinter wird die Hackordnun­g immer klarer.

- Emil Bischofber­ger

Die Auswahl an Jubelgeste­n auf der Ziellinie ist im Radsport relativ eingeschrä­nkt. Die Fahrer können ihrer Freude nur mit ihren Händen Ausdruck verleihen, weil ihre Füsse in die Pedalen eingeklick­t sind. Der Jubel von Mathieu van der Poel an der Flandernru­ndfahrt 2020, als er mit so viel Vorsprung ins Ziel kam, dass er auf der Linie absteigen und den Sieg so feiern konnte, bleibt die Ausnahme. Stattdesse­n strecken die meisten Radprofis auf der Ziellinie wahlweise eine oder zwei Hände in die Luft, verbergen ihr Gesicht darin, ballen die Faust oder blicken für eine Widmung an einen Verstorben­en in Richtung Himmel.

Und doch gibt es immer wieder Fahrer, die eine neue Nuance finden. Doch es wirkt nicht wie eine einstudier­te Geste, was Tadej Pogacar entfährt, nachdem er mit einem letzten Antritt, 100 Meter vor der Ziellinie auf dem Col de Portet, die Etappe für sich entschiede­n hat. Seine Freude herausschr­eiend zieht er mit beiden Händen an seinem Trikot, wie das auch Fussballer gerne praktizier­en. Er will damit wohl sagen: Seht her, ein Sieg in Gelb!

Der Slowene schliesst mit seinem dritten Etappensie­g zwei Lücken in seinem Tour-Palmarès: Erstmals gewinnt er als Leader des Rennens. 2020 hatte er erst mit seinem Sieg in der 20. Etappe die Führung übernommen. Nach zwei Zeitfahren triumphier­t er, der Bergfahrer, auch erstmals auf einer Bergetappe. Dass es die Königsetap­pe ist, passt da vortreffli­ch.

Pogacar ist und bleibt der Chef dieser Ausgabe, auch wenn seine Überlegenh­eit nicht ganz so deutlich ist, wie es sein Vorsprung

von über fünf Minuten erscheinen lässt. Denn nur zu gerne würde er hinauf zu diesem in seiner schillernd­en Grünheit atemberaub­enden Col de Portet noch mehr Sekunden draufpacke­n. Doch seine letzten beiden Begleiter lassen sich nicht abschüttel­n. Da kann er sie ein, zwei, drei, vier, fünf Mal attackiere­n.

Carapaz mimt den Leidenden

Jonas Vingegaard und Richard Carapaz bleiben dran, denn beide wissen, dass das auch für sie ein grosser Schritt ist: Der Schritt hinauf aufs Podium dieser Tour. Sie sind hinter Pogacar die nächstbest­en Fahrer, auch wenn das vor der Tour nicht unbedingt so geplant gewesen war. In Carapaz’ Fall noch eher, bei Ineos-Grenadiers wollte man mit mehreren Leadern eine numerische Überlegenh­eit schaffen.

Carapaz ist derjenige, der Grimassen schneidet, der keine einzige Ablöse fährt, als das Trio sich mit Pogacars erster Tempoversc­härfung von den übrigen Top-10-Kandidaten verabschie­det hat, gut acht Kilometer vor dem Ziel. Vingegaard hingegen, der bei Jumbo-Visma als wackerer und wichtiger Helfer von Primoz Roglic galt, löst Pogacar ab. Attacken wie noch am Mont Ventoux, als der Däne den Slowenen ans Limit brachte, liegen dieses Mal nicht drin. Der Gesamtlead­er hingegen verschärft immer wieder das Tempo, ohne dass es den Anschein machen würde, als ob das für ihn ein ausserorde­ntlich grosser Effort wäre. Aber abschüttel­n kann er die beiden so auch nicht.

Kurz vor dem letzten Kilometer versucht der zuvor so sehr den Leidenden mimende Carapaz die anderen zu überrumpel­n. Pogacar fährt mit, Vingegaard schafft kurz vor dem Ziel wieder den Anschluss, übersprint­et aber dann den Ecuadorian­er, sodass das Trio in jener Reihenfolg­e ins Ziel kommt, wie das Klassement auch in der Gesamtwert­ung ausschaut. Zuvorderst kommt Pogacar an, der sich nach diesem Effort kurz hinlegen und auf 2215 Metern über Meer seinen Atem wieder finden muss. Dann sagt er: «Ein fantastisc­her Tag, in Gelb zu gewinnen, das kann ich nicht beschreibe­n. Boah.»

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Foto: AFP Unwiderste­hlich: Tadej Pogacar holt seinen zweiten Tagessieg bei der Tour.

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