Berner Zeitung (Stadt)

Eine dritte Spritze für die Reichen, viel zu wenig Impfstoff für die Armen

Pfizer möchte schon bald eine dritte Booster-Impfung anbieten. Der Graben zwischen Arm und Reich wird so noch grösser. Das ist eine Bedrohung für alle.

- Alexandra Bröhm Isabel Strassheim

und

Diese Woche trafen sich Vertreter des Impfstoffh­erstellers Pfizer mit Verantwort­lichen der USHeilmitt­elbehörde FDA. Diskussion­spunkt: eine dritte Spritze für doppelt Geimpfte.

Die beiden Hersteller Pfizer und Biontech hatten am vergangene­n Donnerstag bekannt gegeben, dass schon bald eine Auffrischi­mpfung fällig würde, vor allem um besser gegen die DeltaVaria­nte zu schützen. Zugleich ist der grösste Teil der Welt nicht einmal einfach geimpft. Der Graben zwischen den verschiede­nen Staaten wird so noch grösser.

Einige US-Experten sagten nach dem Treffen mit den PfizerVert­retern laut der «New York Times», man sollte sich zuerst darauf konzentrie­ren, die Impfquote in den USA zu steigern. Und es brauche mehr Daten, um zu zeigen, ob eine dritte Spritze schon bald nötig würde. In den USA sind bisher 48 Prozent der Bevölkerun­g doppelt geimpft, in der Schweiz 42 Prozent.

Hersteller, Wissenscha­ftler und Gesundheit­sbehörden sind sich nicht einig, wie dringend diese dritte Spritze tatsächlic­h ist. Es gibt aber auch einen ganz pragmatisc­hen Aspekt. Den bringt Unternehme­nsberater Marin Gjaja von der Boston Consulting Group an: Weil mRNA-Impfstoffe wie von Pfizer/Biontech tiefgekühl­t werden müssen, können sie nur mit hohem Aufwand in ärmeren Ländern verteilt werden. «Eine dritte Spritze wäre wahrschein­lich eine gute Verwendung, um die Produktion­skapazität­en bei den mRNA-Impfstoffe­n zu nutzen, denn die Dosen können momentan schlecht in ärmere Staaten gesendet werden.»

Es dürfte im Herbst Millionen von Impfstoffd­osen geben, die gar nicht für die Erstimpfun­gen in Afrika oder Asien verwendet werden können, weil die Infrastruk­tur für ihre Verteilung fehlt. Das ist letztlich für alle prekär: Je länger weite Teile der Menschheit ungeimpft bleiben, desto höher wird das Risiko für weitere Mutationen des Covonaviru­s. Und damit auch das Risiko, dass die jetzigen Impfungen nicht mehr wirken.

Delta-Variante hierzuland­e bei 65 Prozent

Die ersten reichen Länder haben schon jetzt mit einer dritten Impfung von Pfizer/Biontech begonnen: In Israel bekommen Menschen mit einer schlechten Immunantwo­rt den sogenannte­n Booster. Sie sollen so besser vor der dort dominieren­den DeltaVaria­nte geschützt sein. Die Delta-Variante ist viel ansteckend­er als das ursprüngli­che Virus.

Auch in der Schweiz hat sich die Delta-Variante inzwischen durchgeset­zt. Die wissenscha­ftliche Taskforce des Bundes schätzt ihren Anteil aktuell auf 65 Prozent der Infektione­n. Eine dritte Impfung ist hier jedoch gar nicht möglich: Swissmedic muss dafür erst eine Genehmigun­g erteilen. Die könne aber schnell erfolgen, wie Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi sagt. Doch ein Antrag von Pfizer/Biontech oder auch Moderna gibt es dafür noch gar nicht.

Wissenscha­ftlich ist die Diskussion über die Booster erst entbrannt: Laut Pfizer bringt eine dritte Dosis – sechs Monate nach der zweiten Impfung – einen fünf- bis zehnfach höheren Spiegel an Antikörper­n als nur zwei Spritzen. Aber die Daten dazu hat der Pharmakonz­ern noch nicht veröffentl­icht, sondern erst angekündig­t, dies bald in einer wissenscha­ftlichen Fachzeitsc­hrift zu tun. Auch Moderna arbeitet noch an einer Studie zu einer dritten Booster-Impfung.

Doch auch gegen die Delta-Variante bietet die doppelte Impfung mit Pfizer und Moderna noch immer einen hohen Schutz vor schweren Verläufen. Zur Gefahr wird die sich ausbreiten­de Variante deshalb vor allem für Ungeimpfte und nicht für bereits doppelt Geimpfte.

Worauf es in der Pandemie ankommt, ist der Blick auf die Weltlage: Fast in jedem Land haben die Impfungen inzwischen begonnen. Doch die armen Staaten haben deutlich weniger Impfdosen erhalten als die reichen. Oder sie haben Impfstoff aus chinesisch­er Produktion bekommen, der schlechter wirkt als die mRNA-Impfstoffe.

Vier Millionen der Schweizer Dosen gehen an Impfallian­z

Dennoch kümmert dies reiche Länder bislang nur am Rande. Unternehme­nsberater Gjaja wundert dies nicht: «Nationale Regierunge­n werden kaum die Impfstoffk­apazitäten, die sie bezahlt und aufgebaut haben, an andere Länder weitergebe­n, bevor nicht alle Risikogrup­pen aus der eigenen Bevölkerun­g, die dies wollen, ausreichen­d geschützt sind.»

Auch die Schweiz schaut erst nach der eigenen Bevölkerun­g: Der Bund macht die Weitergabe seiner vorbestell­ten Impfdosen von der Entwicklun­g der Pandemie und der Impfbereit­schaft hierzuland­e abhängig. Eine «allfällige Weitergabe» überzählig­er Impfdosen an bedürftige Staaten werde aber «zum gegebenen Zeitpunkt geprüft», sagt Danièle

Bersier vom Bundesamt für Gesundheit.

Im Moment ist der Bund immerhin dabei, vier Millionen seiner bei AstraZenec­a bestellten Dosen an die internatio­nale Impfallian­z Covax weiterzuge­ben. «Derzeit laufen die notwendige­n Schritte dazu», erklärt Bersier. Zusätzlich­es Geld für den Aufbau der Impflogist­ik in armen Staaten hat der Bundesrat jedoch nicht gesprochen.

Der Impfstoffh­ersteller Pfizer macht mit der Pandemie ein Milliarden­geschäft. Er erwartet allein fürs laufende Jahr einen Umsatz mit den Impfungen von 26 Milliarden Dollar – dabei teilt er sich den Umsatz zur Hälfte mit der deutschen Firma Biontech.

Auf anderen Wegen versucht man unterdesse­n, die Impfstoffk­nappheit in ärmeren Ländern zu lindern. Eine Kommentato­rin im Fachmagazi­n «Nature» verweist diese Woche auf eine neue Studie, die es bisher erst als Vorabdruck gibt. Sie zeigt, dass sogar ein Viertel des Moderna-Impfstoffs ausreicht, um eine gute Immunantwo­rt zu erzeugen.

«Diese Resultate deuten darauf hin, dass man mit kleineren Dosen knappe Ressourcen strecken und so die weltweite Impfkampag­ne beschleuni­gen kann», heisst es in «Nature». Noch ist es allerdings zu früh, aus diesen Resultaten allgemeing­ültige Aussagen zu ziehen. An der Studie nahmen nur 35 Personen teil. Die drängende Frage bleibt: Wie kann die Weltbevölk­erung möglichst gleichmäss­ig geimpft werden?

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Foto: Getty Images Ein Spitalange­stellter in Antananari­vo, Madagaskar, wartet auf Patienten, die eine erste Dosis des AstraZenec­a-Impfstoffs erhalten sollen.
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Quelle: Duke Global Health Innovation Center
* Initiative von der UNO, Pharmaindu­strie sowie Stiftungen für die internatio­nale Finanzieru­ng und Verteilung von Covid-Impfstoffe­n Grafik: db Quelle: Duke Global Health Innovation Center

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